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12.09.2018, 

Ärger um das Innenhofbiotop

Wenn Jessica Frische ihre Wohnung in der Bartelsstraße verlässt, dann fühlt sie sich ein bisschen wie im Zoo: „Es wird viel ausgegangen im Viertel. Die Touristen kommen und gucken sich alles an. Man ist hier etwas umzingelt.“

Schon seit 20 Jahren wohnt sie in der Schanze. Seitdem hat sich viel getan bei ihr und auch im Viertel. Als sie vor elf Jahren in die Bartelsstraße zog, – das muss schon nach dem Studium gewesen sein – wohnt sie noch in einer WG. Dann zieht ihre Mitbewohnerin aus. Jessica kann sich die Wohnung jetzt alleine leisten.

 

Währenddessen machen in der Nachbarschaft neue Cafés auf, Geschäfte kommen hinzu und schließlich beginnen die Modernisierungsarbeiten. Heute ist Jessica nicht mehr allein in der Bartelsstraße: Sie hat eine Tochter, Emma. Und die Schanze ist mittlerweile zum schicken Szeneviertel avanciert. Das zieht Investoren an.

 

 

 

Jessica mit ihrer Tochter Emma

Es ist unruhig geworden rund um die Bartelsstraße. Und trotzdem fühlt sich Jessica hier noch wohl. Das liegt vor allem an der Aussicht, die sie aus ihrem Wohnzimmer genießt. Wenn sie dort auf dem Boden liegt und aus dem Fenster schaut, fällt ihr Blick auf das dichte Blätterdach ihres Innenhofes. Sie genießt den leisen Vogelgesang, der durch das Fenster zu ihr dringt. Der Straßenlärm und das laute Stimmengewirr vor ihrer Haustür sind dann vergessen.


Jessica über das Innenhofbiotop

 

 

Der Innenhof in der Bartelsstraße ist einer der letzten privaten Grünflächen im Schanzenviertel. 20 verschiedene Vogelarten haben die Anwohner schon entdeckt. Sogar Habichte und Eichelhäher tummeln sich hier im Grün. In den zahlreichen Bäumen und Büschen finden sie Zuflucht und Platz für eine Brutstätte. Die Anwohner bezeichnen den Hof deshalb auch liebevoll als Innenhofbiotop.

Aber auch dieser letzte Rückzugsort soll Jessica jetzt genommen werden: Seit fünf Jahren beobachtet sie, wie um die Bartelsstraße herum Baulücken geschlossen werden. Nun soll auch ihr Innenhof einem Neubau weichen. Der private Investor Köhler & von Bargen plant auf dem Gelände ein zweieinhalb geschossiges Wohnhaus. Die Unternehmensgruppe hat in Hamburg schon zahlreiche vergleichbare Projekte umgesetzt.

 

Von den Plänen für ihren Hof hat Jessica nur zufällig erfahren. - Ein Gutachter kommt in die Bartelsstraße, macht Fotos von den Wohnungen der Anwohner. Ein Nachbar von Jessica wird auf ihn aufmerksam und wirft einen flüchtigen Blick auf Baupläne in einen Ordner des Fotografen. Sie zeigen das Innenhofbiotop. Schnell greift er zu seinem Smartphone, macht Schnappschüsse von den Bauplänen und zeigt sie seinen Nachbarn.


Jessica Frische, sorgt sich um ihr Innenhofbiotop

 

Jessica will die Entscheidung des Bezirksamtes nicht akzeptieren. Zusammen mit ihrem Nachbarn Dirk Laube gründet sie die Anwohnerinitiative „Schanzenbiotop“.

Hamburg wächst

 

Wohnungen sind in Hamburg ein knappes Gut. Etwa 10.000 Neuhamburger lassen sich nach Angaben der Stadtentwicklungsbehörde jedes Jahr in der Hansestadt nieder. Vor allem seine florierende Wirtschaft macht Hamburg zu einem beliebten Wohnort. So standen 2017 monatlich 16.614 neue Arbeitsplätze zur Verfügung. Das sind sogar rund sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Dadurch ist Hamburg das Bundesland mit dem zweitgrößten Bevölkerungswachstum Deutschlands. Nur Berlin ist noch beliebter. Der hohe Zuwachs stellt Lokal-Politiker wie Uwe Szczesny vor eine Herausforderung. Er ist bei der CDU Altona für die den Bau- und Stadtplanungsbereich zuständig.


Uwe Szczesny, Fraktionsvorsitzender CDU Altona

 

 

 

 

Um dem Wohnungsmangel entgegenzuwirken, will das „Bündnis für das Wohnen“ des Hamburger Senats jährlich 10.000 neue Wohnungen schaffen. Dafür soll eine Fläche von 67 Hektar veranschlagt werden, einem Gebiet ungefähr viermal so groß wie die Binnenalster.

Wohnraum schaffen, aber wo?

 

Damit sich die Stadt nicht weiter ins Umland ausdehnt, setzt der Hamburger Senat auf das Prinzip „Mehr Stadt in der Stadt“. Deshalb sollen 80 Prozent der neuen Wohnungen durch Nachverdichtung entstehen.

Unter Nachverdichtung versteht man die Schließung von Baulücken, die Aufstockung bestehender Gebäude und die Umwandlung ehemaliger Gewerbegebiete zu Wohnquartieren. 

Der Ausbau etablierter, innerstädtischer Wohngebiete ist aus städtebaulicher Sicht sinnvoll, weil sie über zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten sowie soziale und kulturelle Einrichtungen verfügen. Ihre Infrastruktur hat sich bei den Anwohnern und Dienstleistern bewährt. Wohnen und Arbeiten lassen sich hier verbinden, die Anfahrtswege bleiben kurz.

 

 

In neuen Wohnquartieren wie der neuen Mitte Altona muss diese Infrastruktur erst geschaffen werden.

Das spricht sich auch unter den Neuhamburgern herum. So ziehen die innerstädtischen Viertel Wohnungssuchende und private Investoren an. Neben dem städtebaulichen spricht also auch ein wirtschaftliches Argument für die Nachverdichtung, wie der Professor und Architekt Bernd Dahlgrün (HCU) betont: „Es ist schlicht und ergreifend lukrativer, zusätzlichen Wohnraum in Szenevierteln wie der Sternenschanze zu schaffen und deshalb wird es dort geschehen und nicht in Rothenburgsort oder Sasel.“

 

 

Das Bauprojekt

 

Köhler & von Bargen baut bereits auf dem Nachbargrundstück, der Bartelsstraße 65. Hier entsteht ein sechsstöckiger Wohnkomplex mit insgesamt 56 Wohnungen. Dieser wird an das Haus der Anwohnerinitiative angebaut. Für manche Mieter bedeutet die Baustelle mehr als das vorübergehende Klopfen, Dröhnen und Kreischen von Bohrern oder Sägen: Einige Fenster müssen zugemauert und Balkone abgebrochen werden. Der Charakter ihrer Wohnungen wird sich ganz grundsätzlich verändern.

Natürlich sind Jessica und ihre Mitstreiter nicht glücklich über dieses Bauprojekt. Aber sie haben sich damit arrangiert. Sie wissen, dass in Hamburg alle enger zusammenrücken müssen. Den Bau im Innenhof wollen sie hingegen auf jeden Fall verhindern und zwar nicht nur, um den Baumbestand zu schützen. Sie wollen ein Zeichen setzen für mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung an der Stadtplanung.

Besonders verärgert ist die Initiative über die Umstände, unter denen Köhler & von Bargen die Baugenehmigung erlangten. So stand auf dem Grundstück der Bartelsstraße 65 bis vor Kurzem ein Fabrikgebäude, das für den Neubau abgerissen werden musste. Doch in dem Gebäude befand sich neben der bekannten OZM Art Space Gallery eine Kita. Vor allem um diese Kita zu erhalten, hat die Bezirksversammlung Altona dem Bauprojekt in Jessicas Innenhof zugestimmt.

Die Bartelsstraße 65 kurz vor dem Abriss

Dabei sind es ja gerade alte Gebäude wie dieses, die mit ihren günstigen Mieten einst zur Aufwertung des Viertels beitrugen: Mit der OZM Art Space Gallery schuf Galerist Alex Heimkind einen wichtigen Treffpunkt für die Streetart- und Graffitiszene. Dieser zog aber nicht nur internationale Künstler, sondern auch Besucher des Viertels an und machte es so letztlich attraktiver für Wohnungssuchende und Investoren.


Uwe Szczesny, CDU Altona

 

Doch Köhler & von Bargen wollen die Kita jetzt lieber auf dem Nachbargrundstück errichten und in dem Innenhof der Anwohnerinitiative ein Wohnhaus mit Tiefgarage bauen, in dem insgesamt zehn Wohnungen Platz fänden. Um den Neubau herum soll dann ein Spielplatz für die Kita entstehen.

Für Jessica liegt auf der Hand: „Der Erhalt der Kita ist nur ein Vorwand des Investors, um sein Bauvorhaben umzusetzen.“ Kurz vor Weihnachten 2017 verteilt sie deshalb die ersten Flyer und lädt alle Nachbarn zu einem Treffen in einer nahegelegenen Bar ein. „Da kamen gleich über 20 Leute“, erzählt Jessica.

Jessica versorgt ihre Nachbarn mit aktuellen Informationen zur Initiative

Am schwersten war es für die Mitglieder der neugegründeten Anwohnerinitiative, an Informationen zu kommen, sagt Jessica: „Wir mussten herausfinden, welche Behörden wir ins Boot holen müssen und wie die politischen Prozesse im Bezirksamt ablaufen.“ Denn über den geplanten Bau im Innenhof stimmt die Bezirksversammlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab.

Mitglieder der Anwohnerinitiative im Innenhofbiotop

Bereits zweimal haben sich Vertreter der Initiative und der Investor schon getroffen.


 

 

 

Das Gespräch mit Köhler & von Bargen hat bei Uwe Szczesny und Jessica unterschiedliche Eindrücke hinterlassen.

Jessica und ihre Mitstreiter sammeln Fotos von den Vogelarten, die in ihrem Garten nisten, nehmen Kontakt zum NABU und Hamburger Mieterverein e.V. auf. Sie haben ihren Hof noch nicht aufgegeben.

Alternativen zum Neubau in der Innenstadt?

Architekturprofessor Bernd Dahlgrün forscht an der HCU selbst zum Thema Nachverdichtung und befürwortet diese Methode des Städteausbaus. Für ihn steht fest: „Jeder, der in Hamburg wohnen will, soll auch die Möglichkeit dazu bekommen.“ Ein großer Innenhof wie der in der Bartelsstraße ist für ihn ein Privileg, das viele Anwohner von vornherein nicht haben. Andere Wissenschaftlicher, wie der Berliner Psychiater Mazda Adli vermuten hingegen, dass die hohe räumliche Dichte eines Wohngebiets chronischen Stress verursachen kann. Zu dessen Langzeitfolgen zählen unter anderem Depressionen und Herzerkrankungen.

 

Um die Lebensqualität der Anwohner in beliebten Stadtteilen zu wahren, müssen also Alternativen gefunden werden zum Auffüllen der Baulücken.

In die Höhe statt in die Breite

 

Eine Möglichkeit dazu bietet die Aufstockung vorhandener Gebäude. Diese Variante der Nachverdichtung ermöglicht es Wohnungssuchenden, ein neues Zuhause in der Innenstadt zu finden, ohne dabei Freiflächen zu verbrauchen. Ein Vorteil, der auch den CDU Politiker Uwe Szczesny überzeugt:

 

„Wenn wir weiter verdichten, dann sollten wir lieber versuchen ein klein wenig in die Höhe zu gehen als in die Breite, damit die Sportanlagen, Schulen und Kindergärten weiterhin für unsere Bürger zur Verfügung stehen.“

 


Uwe Szczesny, Fachsprecher für Bau und Planung CDU Altona

Viele Bauherren scheuen sich jedoch vor dieser eher unbekannten Methode der Innenverdichtung. Vor allem Besitzer von Altbauten fürchten eine Substanzbeeinträchtigung ihres Gebäudes. Eine Aufstockung ist laut Prof. Dahlgrün ein kompliziertes Bauvorhaben: „Für eine Aufstockung werden sehr gute Architekten und Ingenieure benötigt. Das führt bedauerlicherweise dazu, dass nicht so viel aufgestockt wird, wie es möglich wäre.“

 

Und letztlich zieht auch eine Aufstockung Konsequenzen für die Anwohner nach sich, die über den Verlust eines Dachbodenraumes hinausgehen: Denn oft geht sie mit weiteren, umfassenden Modernisierungsarbeiten einher, wie einer Wärmedämmung oder dem Einbau eines Fahrstuhls. So steigt erst der Wert des Gebäudes und dann die Miete der Anwohner, wie Sylvia Sonnemann aus Erfahrung berichtet: „Mieterhöhungen bis zu 10 Euro auf die Nettokaltmiete sind dabei denkbar und auch schon häufig vorgekommen. Diese können sich die Mieter dann häufig nicht mehr leisten.“

Die Magistralen

 

Andere Experten sprechen sich deshalb für eine Bebauung der Hauptverkehrsstraßen Hamburgs, den sogenannten Magistralen, aus.

Eine Wohnung an einer großen Verkehrsader wie der Sülldorfer Landstraße, an der bislang vor allem viel Beton auf wenige Einfamilienhäuser trifft? – Das klingt er einmal abschreckend. Doch mit den richtigen architektonischen Mitteln lässt sich auch das Wohnen an einer Hauptverkehrsstraße attraktiv gestalten; etwa indem in der ersten Häuserzeile Gewerbegebäude errichtet werden, die die Wohnhäuser in der zweiten Reihe vor dem Straßenlärm schützen. Oder durch eine geschickte Ausrichtung der Wohnhäuser, die den Lärm zusätzlich eindämmt. 

„Allein in Altona könnten auf diese Weise fast 20.000 neue Wohnungen geschaffen werden“, versichert Uwe Szczesny und auch die Geschäftsführerin des Mietervereins zeigt sich von dieser Methode nicht abgeneigt: „Man muss dazu natürlich die Verkehrspolitik angehen. Die Stadt sollte die Straßen verengen, Elektromobilität und den Nahverkehr ausbauen. Daran führt kein Weg vorbei.“

Die Außenbezirke

 

Während die Menschen in den Szenevierteln dicht gedrängt leben, gibt es in den Außenbezirken noch viel Raum für neue Wohnungen. So verteilen sich in der Sternenschanze 14.665 Einwohner auf einen Quadratkilometer, in Wilhelmsburg sind es 1.556 in Menschen, in Billwerder gerade einmal 165.

Für Investoren sind die Außenbezirke weniger attraktiv als das Stadtzentrum, aber gerade dadurch hat die Stadt dort die Gelegenheit, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Städtische Wohnungsbaugesellschaften wie die SAGA schaffen auf diese Weise mittlerweile schon bis zu 2.000 Wohnungen jährlich. 

 

Hamburg ins Umland zu erweitern, ist nach der Einschätzung des Professors Bernd Dahlgrün dagegen eher schwierig. So sei die Stadt bereits weit über die angelegten Bahntrassen hinausgewachsen.

Als Stadtstaat müssten solche Bauprojekte gegebenenfalls mit den Nachbarländern koordiniert werden. Doch dadurch gingen der Stadt Steuereinnahmen verloren.

Wie geht es weiter mit dem Innenhofbiotop?

 

Mittlerweile hat die Anwohnerinitiative die Gespräche mit dem Investor Köhler & von Bargen und den Politikern der Bezirksversammlung abgebrochen. Die Unternehmensgruppe will der Initiative lediglich durch kleine Änderungen an dem geplanten Bau, wie der Ausrichtung des Gebäudes entgegenkommen. Für Jessica und ihre Mitstreiter ist das nicht genug: „Für uns ist kein Kompromiss denkbar, bei dem der Baumbestand auf dem Grundstück minimiert wird. Das hat ja auch eine Signalwirkung. Wenn wir jetzt sagen, die Bäume können weg, dann kommen immer mehr Investoren ins Viertel“, erklärt Jessica.

Natürlich weiß auch Jessica um die Wohnungsnot in Hamburg. Sie findet es grundsätzlich richtig, den Wohnungsbau voranzutreiben. Von der Stadt würde sie sich aber wünschen, die Verantwortung nicht an private Investoren abzugeben, sondern selbst zu bauen. „Die Stadt gibt dadurch ihre Gestaltungsfreiheit aus der Hand. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier elf Eigentumswohnungen entstehen würden, wenn die Stadt der Bauherr wäre. Die Stadt sollte lieber sozialen Wohnungsbau fördern, der dann auch wirklich bezahlbar ist“, meint Jessica. Und dabei solle die Hamburger Politik die Hamburger nicht aus den Augen verlieren. 

Emma beim Spielen im Innenhofbiotop

 

 

 

„Es ist wichtig, dass die betroffenen Bürger Einsicht und Mitsprache bei Entscheidungen bekommen, die Einfluss auf ihr Leben nehmen,“ fordern Jessica und ihre Mitstreiter. Ob ihr Innenhofbiotop erhalten bleibt oder nicht, muss nun der Hamburger Senat entscheiden.

Bildquellen:

 

- Flyer Schanzenbiotop: de-de.facebook.com/Schanzenbiotop/

 

- Kräne in der Hafencity: Alex Hindemith via Wikimedia Commons. Copyrighted free Use. (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hafencity_Krane.jpg), Zugriff am 14.08.2018.

 

- Interaktive Stadtkarte: Statistik Nord: Hamburger Stadtteilprofile. Berichtsjahr 2016. (http://www.statistik-nord.de/fileadmin/maps/Stadtteil_Profile_2017/atlas.html), Zugriff am 14.08.2018.