Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

06.12.2017, MICHELLE BAUERMEISTER

Is Punk dead?

 

DIE GESCHICHTE DES PUNK

Zwei Hände formen das Anarchie-Symbol.

»When there's no future,

how can there be sin

We're the flowers in the dustbin

We're the poison in your human machine

We're the future, your future (...)«

 

- God save the Queen, 1979 (Sex Pistols)

ANARCHY IN THE UK

1972 - alles beginnt mit einer Boutique in London: Nachdem Malcolm McLaren sein Kunststudium schmeißt, eröffnet er auf der King's Road zusammen mit seiner Partnerin, der späteren Modedesignerin Vivienne Westwood, den Modeladen "Let It Rock". Als beide den Laden umtaufen, wird er unter dem Namen "SEX" eine bedeutende Anlaufstelle für Fans von Selbstentworfenem, Fetisch- und Bondage-Mode. Westwood und McLaren verkaufen vornehmlich, was nicht gefallen soll: Anti-Fashion wird zum Statement der Punk-Szene. Die Anhänger*innen kleiden sich auffallend, schminken und piercen sich. Sie wollen provozieren, rebellieren und schockieren - mit Erfolg. Tagtäglich versammeln sich unzählige Neugierige rund um den Laden, sodass öfters die Polizei anrücken muss.

 

Foto: Malcolm McLaren und Vivienne Westwood 1976

Sex Pistols-Manager Malcolm McLaren und Modedesignerin Vivienne Westwood 1976

1973 - Die Collegefreunde Steve Jones, Paul Cook und Warwick Nightingale beschließen mit gestohlenem Equipment eine Band zu gründen: "The Strand". Malcom McLaren, der bereits als Manager der amerikanischen Glam-Rock-Band "New York Dolls" fungiert, beginnt die Band zu promoten. Zu der Zeit ist John Lydon noch einer von vielen Jugendlichen, die tagtäglich vor dem SEX abhängen. Eines Tages spaziert er dann in den Laden herein, schmeißt die Jukebox an und schmettert eine Gesangseinlage von Alice Coopers "I'm Eighteen" hin. Malcolm McLaren ist sofort begeistert: »Er kam hier rein mit grünen Haaren. Ich fand sein Gesicht wirklich interessant und mochte seinen Look. Er hatte ein 'Ich hasse Pink Floyd'-T-Shirt an und es war mit Sicherheitsnadeln geflickt. John hatte dieses gewisse Etwas, aber als er anfing zu reden war er ein richtiges Arschloch – aber schlau.« John wird kurzerhand als Frontsänger der Band angeheuert. So wird aus John Lydon "Johnny Rotten" und "The Strand" zu "Sex Pistols" umgetauft, und beide werden zum Sinnbild der No-Future-Bewegung.

NO FUTURE

Der Slogan (keine Zukunft) stammt aus der englischen Punk-Bewegung und geht auf die Single "God Save The Queen" der Sex Pistols zurück. Johnny Rotten, Co-Autor des Songs und Sänger der Band, erklärt den Slogan so: »Diese Textzeile 'no future', die ist prophetisch: Wenn du deine Zukunft nicht selbst in die Hand nimmst, dann wirst du auch keine haben – so einfach ist das.«

Als Bandmanager kümmert sich Malcolm McLaren um das unnachahmliche Image der Sex Pistols. Zum 25. Thronjubiläum der Queen etwa sorgt ihre Single "God Save The Queen" für Furore. Angeheizt vom Erfolg, gibt die Band während der Feierlichkeiten ein unangemeldetes Konzert auf einem Boot auf der Themse. Von der Polizei gestoppt, tauchen die Sex Pistols unter und treten danach unter dem Pseudonym "SPOTS" (Sex Pistols On Tour Secretly) wieder auf. Die PR-Aktion verschafft ihnen weltweite Bekanntheit. Passend zum "Schock-Image", verpasst McLaren den Mitgliedern der Band das adäquate Äußere: Zerrissene Klamotten, wilde Frisuren und mit Sicherheitsnadeln durchbohrte Wangen.

 

»Die Sex Pistols waren ein Kunstwerk. Mein Material ist nicht Farbe oder Ton, sondern Menschen. Ich benutze sie, missbrauche sie, manipuliere sie, weil ich an meine Idee glaube. Die Sex Pistols waren eine Idee, keine Band. Und sie waren das schillerndste, spektakulärste Scheitern, das ich je erlebt habe, einfach großartig.«

 

- Malcolm McLaren

Sex Pistols-Bassist Sid Vicious und Sex Pistols-Sänger Johnny Rotten bei einem Auftritt.

Die Sex Pistols bei einem Auftritt mit Bassist Sid Vicious (l.) und Frontsänger John Lydon alias Johnny Rotten (r.) | ©Billed-Bladet

CBGB OMFUG

1974 - Im Zuge der aufkeimenden Punk-Bewegung im Vereinigten Königreich gründet der Musiker Hilly Kristal in New Yorks Manhattan den Club "CBGB". Um genau zu sein heißt der Club eigentlich "CBGB OMFUG", abgekürzt für "Country, Bluegrass, Blues and Other Music For Uplifting Gormandizers" - wobei letzteres "Musikliebhaber" meint. Ursprünglich für Country-Musik gedacht, entwickelt sich spätestens nach dem Auftritt der Rockband "Television" der Club zu einem der bedeutendsten Szenetreffs für New Yorker Punk-Bands.

 

Der legendäre Konzert-Club gilt heute als Geburtsort des Punk-Rocks: Hier gründet sich die Band, die später zu den "Großen Drei" des Punks (zusammen mit den Sex Pistols und The Clash) zählen wird, die Ramones. Bei ihrem ersten Auftritt können die Besucher*innen den Dilettantismus der Band kaum fassen und sind gleichermaßen fasziniert, wie abgestoßen. Weitere Acts, die im CBGB performen sind Blondie, New York Dolls und Patti Smith, deren Album "Horses" 1975 zu einem Meilenstein des Punks avanciert. Im selben Jahr erscheint die erste Single der Ramones "Blitzkrieg Bop". Punk ist geboren.

PUNK [pʌŋk]

Das Wort stammt aus dem Englischen und bedeutet "faulendes Holz", im weitesten Sinn auch "Abfall". Ca. 1596 wird "punk" das erste Mal von William Shakespeare gebraucht, damals noch als Bezeichnung für Prostituierte. 1972 wird der Begriff "punk rock" erstmals in einem musikalischen Zusammenhang von Lenny Kaye, dem Gitarristen der Patti Smith Group, verwendet.

Nach 30 Jahren, im Jahr 2006, muss der Club aus finanziellen Gründen schließen. Heute befindet sich dort, wo früher Punk-Legenden wie die Ramones die Bühne zerlegten, eine Boutique. Das Einzige, das an frühere Zeiten erinnert, ist eine Wand voller Tour Sticker.

Die Bühne im CBGB Club in New York.

Die Bühne im CBGB Club | Foto: Tabea Huth 

Eine Wand voller Sticker und Plakaten im CBGB Club in New York.

Eine Wand im CBGB Club mit Stickern und Plakaten | Foto: Rob Boudon 

1976 - Anfang Juli zieht es die Ramones für einige Gigs nach London. Viele Punks und Musiker*innen fühlen sich von den New Yorkern inspiriert. Unter den Konzertbesuchern sind auch Mitglieder der Sex Pistols und von The Clash: Die "Großen Drei" des Punks sind auf dem Konzert vereint. So wird der Juli 1976 zum Startschuss der Punk-Ära.

 

Anfang Januar 1978 touren die Sex Pistols durch die USA. Bassist Sid Vicious ist zu diesem Zeitpunkt bereits heroinabhängig. Auf Tour kommt es zu zahlreichen Exzessen: so verprügelt er einmal einen Konzertbesucher mit seinem Bass, ein anderes Mal ritzt er sich auf der Bühne mit einer Rasierklinge "GIMME A FIX" auf die Brust. Frontsänger Johnny Rotten ist über die Eskapaden seines besten Freundes entsetzt. Er entschließt sich, die Sex Pistols zu verlassen, auch desillusioniert von den permanenten Streitereien mit Malcolm McLaren, dem Manager der Band. Der Rest der Band hält noch kurze Zeit zusammen, bevor sie beschließen 1978 endgültig getrennte Wege zu gehen.

Sex Pistols-Bassist Sid Vicous und seine Lebensgefährtin Nancy Spungen.

Sid Vicious und Nancy Spungen 1978 | Foto: 'Sad Vacation - The Last Days Of Sid'

Sid Vicious verfolgt nach der Trennung der Sex Pistols eine Solokarriere. Diese ist aber nur von kurzer Dauer: nachdem im Oktober '78 seine Freundin Nancy Spungen erstochen in einem Hotelzimmer aufgefunden wird, steht Sid Vicious unter Tatverdacht und wird wegen Mordes festgenommen. Anfang 1979 kommt er auf freien Fuß, da die Plattenfirma 'Virgin Records' die Kaution von 50.000 Dollar übernimmt. Obwohl er nach einem Drogenentzug im Gefängnis als "clean" gilt, setzt er sich am Abend der Freilassung den "Goldenen Schuss". Sid Vicious wird nur 21 Jahre alt.

 

In ihrer kurzen Karriere bringen die Sex Pistols lediglich vier Singles und ein Studioalbum heraus, haben aber mit "Anarchy In The U.K.", "Pretty Vacant" und "God Save The Queen" prägende Punk-Hits produziert. Spätere Wiederbelebungsversuche der Band scheitern kläglich.

Die Ramones bei einem Auftritt in Toronto 1976

"The Ramones" spielen 1996 das letzte Konzert. Nach 22 Jahren trennt sich die Band aufgrund persönlicher Differenzen und letztendlich wegen des ausbleibenden Erfolgs, der nicht an vergangene Tage anschließen kann.

Ein Auftritt der Band The Clash.

Genau zehn Jahre nach der Gründung beschließt "The Clash"-Sänger Joe Strummer im Jahr 1986 nach einer Festivaltour durch Europa die Band aufzulösen.

 

PUNK IN DEUTSCHLAND

Drei Akkorde, Viervierteltakt, niemand kann singen, Noten lesen oder ein Instrument spielen. In den späten 1970ern entwickelt sich auch in Deutschland eine eigenständige Punk-Bewegung. Ihre Vorbilder kommen aus England und den USA. Viele Punks eifern mit unterschiedlichem Erfolg und Talent ihren großen Vorbildern, wie den Sex Pistols und The Clash nach. Sie orientieren sich an deren Musik, Einstellungen und Auftreten. Während die Punk-Szene im Westen der Republik alle Freiheiten genießt, stehen auf der anderen Seite der Mauer Punks unter dem Beschuss der Staatssicherheit.

»Ich hab kein Bock mehr schöne Lieder zu singen! Ich habe kein Bock mehr heile Welt zu spielen! Wenn ich die ganze Scheiße hier sehe kann ich nicht mehr lachen, muss ich einfach schreien! Ich werde so behandelt, dass ich hassen muss!«

 

- Frustration, 1987 (Namenlos) 

PUNK SEI DANK 

Rebellion in der DDR

Sängerin Jana Schlosser der Punkband Namenlos in der DDR.

"Namenlos"-Sängerin Jana Schloßer | Foto: rbb

Als Anfang der 80er Jahre der Punk im Osten Deutschlands landet, sind vor allem Ost-Berlin, Leipzig, Dresden und Erfurt die Knotenpunkte der Bewegung. Die Bands nennen sich Koks, Wutanfall, Planlos und Namenlos. Als Gegenströmung und Antihaltung zum konservativen Establishment gedacht, hämmern die Punks musikalisch dilettierend gegen die Regeln der Gesellschaft an, lehnen sich auf gegen Konsum, provozieren mit schrillem Aussehen und wünschen sich absolute Freiheit.

 

In der DDR geraten Punks schnell ins Visier von Kriminalpolizei und Staatssicherheit. Jede Band, die in der DDR in öffentlichen Clubs auftreten will, muss vorher eine "Einstufung" bestehen. Vor einer Kommission muss bewiesen werden, dass die Musiker*innen ihre Instrumente beherrschen und in das sozialistische Bild passen. Das kommt für keine echte Punk-Band in Frage, da ihre Musik ein ganz klares Statement gegen den Staat ist. Trotz Überwachung veranstalten viele Bands illegale Konzerte, die häufig in Kirchen stattfinden. Zusätzlich engagieren sie sich immer mehr in der Umwelt- und Friedensbewegung, die vor allem von kirchlicher Seite ausgeht. So bedeutet Punk in der DDR allgemein etwas anderes als in Westdeutschland: die Texte drehen sich stärker um die Suche nach Freiräumen und um Selbstbehauptung, außerdem sind mehr Frauen in Punk-Bands aktiv.

 

 

1983 - der damalige Stasi-Chef Erich Mielke will das "Punk Problem" endgültig lösen: Punks werden stigmatisiert und kriminalisiert, zur Armee eingezogen oder so sehr unter Druck gesetzt, dass viele die Szene verlassen. In den harten Kern der Punk-Szene werden schließlich "Inoffizielle Mitarbeiter*innen" (IMs) eingeschleust, es folgen Verhaftungen und Hausdurchsuchungen. Der Band Namenlos wird "staatsfeindliche Hetze" vorgeworfen und ihre Mitglieder werden für anderthalb Jahre inhaftiert. Wird die Zahl der Punks von der Staatssicherheit im Jahr 1983 noch auf 900 Personen geschätzt (allein 400 in Berlin), so ist ein Jahr später die DDR-Ur-Punkszene auf dem Papier quasi nicht mehr existent.

Das Plattencover der LP

SCHON GEWUSST?

 

Den Bands Zwitschermaschine und Schleim-Keim gelingt es 1983 erstmals eine Platte im Westen zu veröffentlichen. "DDR von unten" ("eNDe") gilt als erstes Punk-Album der DDR. Die Schallplatte wird dort jedoch nie veröffentlicht. Während der Entstehung der Platte, stehen die Bands unter Beobachtung der Staatssicherheit. Zwei "Inoffizielle Mitarbeiter" sind an der Produktion beteiligt. Die Mitglieder von Schleim-Keim werden 1983 in Untersuchungshaft genommen - während die Band Zwitschermaschine von Repressionen weitestgehend verschont bleibt.

 

 

 

PUNK IM WESTEN

Ausbruch aus dem System

 

Im Gegensatz zu der DDR, kann sich die Punk-Szene im Westen ungehindert ausleben (auch wenn es immer mal wieder zu Ausschreitungen mit der Polizei kommt). Auch für Punk-Musiker*innen in der BRD gibt es wenig Möglichkeiten, im professionellen Musikbusiness Platten zu veröffentlichen, doch die Künstler*innen wissen sich zu helfen: Sie produzieren ihre Songs, anfänglich noch auf Kassette, selbst. Die Tonträger sind nicht im Plattenladen erhältlich, sie verbreiten sich unter der Hand. 1979 sprießen die ersten Independent-Läden aus dem Boden, Musikzeitschriften wie die SPEX werden veröffentlicht, genauso wie Fanzines. Do It Yourself (D.I.Y), wird zum wichtigsten Bestandteil der Punk-Szene, da die Subkultur ohne Eigeninitiative zum Scheitern verurteilt gewesen wäre.

SITUATION IN HAMBURG

Umriss von Hamburg mit der Markierung des Karolinenviertels.

 

Bands aus Großbritannien und den USA haben eine enorme Wirkung auf die Szene im Westen. So dauert es nicht lang, bis sich der Punk seinen Weg nach Hamburg bahnt. Hauptschlagader der Hamburger Punk-Szene wird das
Karolinenviertel
. Fast täglich kommt es dort zu Ausschreitungen zwischen Punks und der Polizei, aber auch mit den Teds*, Skinheads und anderen Gruppierungen geraten sie aneinander.

*Subkultur aus der Rock'n'Roll-Bewegung 

 

 

Umriss Markierung: Karolinenviertel in Hamburg, St. Pauli

Mitten im Hamburger Musikgeschehen gründet sich eine der ersten Punk-Bands - die Razors. Am Bass steht Erwin Lieske. Als Erwin zum ersten Mal die Platte der Sex Pistols hört, zerlegt er vor Begeisterung seinen Kleiderschrank. Zu diesem Zeitpunkt ist er vierzehn. Irgendwann reicht ihm das Solokonzert im eigenen Kinderzimmer nicht mehr und so tritt er Jahre später (nachdem er bei vielen anderen Bands, wie den Phantastix - Das Herz von St.Pauli, mitgespielt hat) unter dem Pseudonym "Old Erwin" bei den Razors auf.

 

»Das war die Rebellion, man war einfach anders als die anderen - das war Punk-Rock.«

 

Fast zeitgleich finden sich in ganz Deutschland weitere Punk-Bands zusammen: The Pack aus München, die Straßenjungs aus Frankfurt und aus Hamburg, Slime und Big Balls & the Great White Idiot. Letztere fördern Nachwuchskünstler*innen und treten gemeinsam mit den Razors auf.

Im Sog der Bewegung entsteht auch eine Band, die bis heute erfolgreich ist. Als im Sommer 1976 Andreas Frege Verwandte in England besucht wird er Zeuge der Punkrock-Explosion in London. 1982 nennt sich Andreas - "Campino" und gründet in Düsseldorf mit einer Handvoll anderer Punks "Die Toten Hosen". Kurz danach unterzeichnet die Band einen Plattenvertrag bei EMI, bei denen anfänglich auch die Sex Pistols unter Vertrag stehen. Die einstige Anarcho Punk-Band forciert über die Jahre neben "Die Ärzte" zu einer der kommerziell erfolgreichsten Punkrock-Bands in Deutschland. Mit ihrer Bekanntheit und Reichweite engagieren sie sich gezielt für soziale Projekte und unterstützen zum Beispiel Kampagnen gegen Rassismus ("Kein Bock auf Nazis").

 

 

»Der Hamburg-Punk war aggressiver, dreckiger und energiegeladener als der aus dem Rest der Republik.«

 

- Erwin Lieske alias Old Erwin

(Razors)

 

 

 

Audiobeitrag aus: Talk am Freitag mit Erwin Lieske

Foto: Kevin Winiker Photography

 

 

1989 - Nach der Wiedervereinigung kommen die ostdeutschen Punker aus der erzwungenen Versenkung zurück. Sie haben einen großen Nachholbedarf ihre Musik zu veröffentlichen und sich bekannt zu machen. Bereits bestehende Bands formieren sich neu und bringen teils sehr erfolgreiche Tonträger auf den Markt. Labels wie 'Nasty Vinyl' profitieren von dieser Welle und verlegen unter ihrem Label die Musik unzähliger Bands.

Ein Punk will die Berliner Mauer mit einer Spitzhacke demolieren.

Ein Punk bei dem Fall der Mauer 1989 | Foto: punkintheddr.blogspot

DO IT YOURSELF

 

Während in den Jahren 1977 und 1978 der Grundstein für Punk in Deutschland gelegt wird, kommt die gesamte Bewegung aber erst ab 1979 durch die zunehmend massive D.I.Y.-Tätigkeit richtig in Schwung: Bands gründen sich, Konzerte werden eigenständig auf die Beine gestellt und Fanzines und Platten finden ihren Weg in die Öffentlichkeit. Die Vernetzung der Szene entwickelt sich über Stadtgrenzen hinaus und neue Veranstaltungsorte werden erobert. Es finden Auftritte in Jugendclubs, Schulen und Kneipen statt, wie etwa im "Krawall 2000" in Hamburg, das ein bedeutender Treff für die Szene wird.

Punk-Fanzines

 

FANZINE 

 

1975 - in New York erscheint die erste Ausgabe des selbstgemachten Printmagazins "Punk". Die Musikfans Legs McNeil, John Holmstrom und Ged Dunn veröffentlichen das Heft, das aus kopierten Collagen besteht. Es ist das erste seiner Art. Fanzines entstehen aus der Not heraus: weil es schwierig ist, über etablierte Wege an Informationen über das Thema Punk zu kommen, stellen Fans für Fans alles Wissenswerte in einem Heft zusammen. So findet die D.I.Y-Ästhetik auch hier Einzug und hat in den nächsten Jahrzehnten unzählige Nachahmer*innen.

FANZINE [ˈfɛnziːn]

Der Begriff setzt sich aus den Wörtern 'fan' und 'magazine' zusammen und bezeichnet eine Zeitschrift, die speziell für Anhänger*innen einer bestimmten Szene gedacht ist. Macher*innen der Fanzines sind engagierte Mitglieder der entsprechenden Subkultur, die das Schreiben und Vervielfältigen der Hefte meist auf eigene Kosten in ihrer Freizeit betrieben. Vertrieben werden die Magazine auf Konzerten, Festivals und in Plattenläden. 

Christian Maas, Herausgeber des Hamburger Fanzines "Mind The Gap" 

Audiobeitrag aus: TIDE aktuell - Magazin 

1976 - Mark Perry, Mitglied der Punk-Band 'Alternative TV', gründet in London das erste offizielle Punk-Fanzine in Europa. Der Name "Sniffin' Glue" ist eine Anlehnung an den Ramones-Song "Now I Wanna Sniff Some Glue". Die erste Ausgabe hat eine Auflage von etwa 50 Stück, später sind es 15.000. Perry löst das Fanzine nach nur einem Jahr auf, da er das Gefühl hat, Punk würde langsam Teil der etablierten Musikpresse werden. In den letzten Ausgaben ermutigt er dafür seine Leser*innen, selbst Fanzines zu gründen, was in den folgenden Jahren auch Hunderte von Punks tun.

 

Inspiriert von dem britischen Punk-Fanzine, gründen Anfang 1977 Franz Bielmeier und dessen Schulfreund Ramon Luis in Düsseldorf das erste deutsche Punk-Fanzine "The Ostrich". Das Heft beschäftigt sich mit der neu aufkommenden Punkwelle, die gerade von Großbritannien nach Deutschland schwappt. So spielt "The Ostrich" in der Anfangszeit eine wichtige Rolle in der aufkeimenden Punk-Szene, als Inspiration und eine Art Sprachrohr sowie als Kommunikationsplattform für andere Punks.

 

RIP OFF 

Plattenladen und Treffpunkt

Klaus Maeck (l.) in seinem Plattenladen "Rip Off" | Foto: Richard Gleim | Audiobeitrag: Interview mit Klaus Maeck

Es geht darum sich auszudrücken.

1979 - in der Feldstraße, Ecke Glashüttenstraße, eröffnet Klaus Maeck den ersten Punk-Plattenladen in Hamburg, das Rip Off. Der neue Laden des 23-Jährigen wird schnell zu einer der Top-Adressen der aufkeimenden Hamburger Punk-Szene. In seinem Laden verkauft er Platten, Patches und Fanzines. Der Plattenladen wird ein Treffpunkt für Neugierige, für Leute, die mit Gleichgesinnten abhängen wollen oder für diejenigen, die einfach nichts besseres zutun haben oder tun wollen. Nach vier Jahren muss Klaus Maeck sein Geschäft aus finanziellen Gründen schließen. Einen Plattenladen kann man dort nach wie vor finden. Er sieht fast noch so aus wie früher, sagt er, aber irgendwie anders ist es jetzt schon.

Gegen Ende des Rip Offs ist der Fußboden mit Schallplatten gepflastert. Über die Jahre sammeln sich viele Vinylscheiben an, die sich nicht gut verkaufen lassen. Jeder hat eine Single produziert, erstmal gemacht, Hauptsache irgendwas. Ob das Ergebnis dann auch verkauft werden kann, interessiert die Macher*innen nicht besonders.

 

Audiobeitrag: Interview mit Klaus Maeck

»Da hatten wir den ganzen Keller voll. (...) Wir hatten so viel, dass wir den Fußboden damit auslegen konnten. Es hat aber nicht ganz funktioniert, weil viele nicht auf diesen Platten herumtreten wollten.«

 

- Klaus Maeck, damaliger "Rip Off"-Inhaber

 

GRÜNDUNGEN VON BANDS

Die Razors

Jeder kann Musik machen - egal wie. Es geht darum sich auszudrücken, ein Statement zu setzen oder einfach zu provozieren. Während die Punk-Bands der ersten Stunde noch gemeinsam auf Tour gehen und in althergebrachten Veranstaltungsorten auftreten, fangen die Bands der zweiten Welle (ab ca. 1977) an, sich selbst zu organisieren. D.I.Y beschränkt sich nicht mehr allein auf die Musik: Konzerte und Veranstaltungsorte werden in Eigenregie organisiert, Flyer und Plakate werden gedruckt. Die Szene ist aktiv wie nie.

»Punk war damals 1976 wie eine Explosion

Als Auflehnung gegen das System und auf der Suche nach sich selbst, gründen sich 1977 als eine der ersten Hamburger Punk-Bands, die Razors. »Wir wollten ausbrechen. Da war Musik unser Ventil Musikalisch beeinflusst ist die Band seit jeher vom UK-Punk. Zusammen mit Slime spielen sie Ende der 70er Konzerte im "Krawall 2000" und auf dem "Geräusche für die 80er", dem ersten großen Punk-Festival in der Hamburger Markthalle.

 

1978 - die Razors bringen die allererste D.I.Y-Punkrock-Single auf den Markt - "Christ Child". Bis heute besteht die Band noch immer aus den Gründungsmitgliedern Gott, Danker, Witte und Old Erwin.

Audiobeitrag: Die Razors im Interview (YouTube)

Foto: Single-Cover "Christ Child" von den Razors 1978

Während sich weltweit der Punk etabliert, entwickelt er sich in den Mutterländern bereits weiter. Die Bands bilden sich musikalisch fort und schlagen zum Teil zugänglichere Richtungen ein. Anders als in den USA, ist Punk in Großbritannien von Anfang an in den Charts. So ist das einzige Studioalbum der Sex Pistols "Never Mind the Bollocks, Here's the Sex Pistols" 56 Wochen auf Platz 1 der UK-Charts.

 

Viele andere Künstler*innen fühlen sich von dem D.I.Y-Gedanken der Punks inspiriert. Gleichzeitig haben sie das Gefühl, dass die Szene immer mehr in den Kommerz abrutscht und sich nur noch selbst parodiert. Damit bricht ein neuer Abschnitt in der Musikgeschichte an: Die Post Punk-Phase ist eingeläutet und das neue Genre New Wave wird geboren. Post Punk-Bands sehen die New Wave-Bewegung als Weiterentwicklung der negativen und tendenziell unpolitischen Punk-Bands. Deren "No-Future"-Philosophie wird von politisch aktiveren und progressiven Post Punk-Bands abgelöst. Das Motto: Man muss seine Zukunft selbst in die Hand nehmen und nicht einfach irgendwie irgendwas machen.

NEW WAVE

Die Bezeichnung (englisch für "Neue Welle") steht für die Punk-Bewegung der zweiten Hälfte der 1970er innerhalb der Post Punk-Phase. Die deutschsprachige Variante der New Wave ist die "Neue Deutsche Welle". Die frühesten Erwähnungen von "New Wave" reichen bis in das Jahr 1976 zurück: Bandmanager Malcolm McLaren nutzt den Begriff für die Sex Pistols. Auch Fanzines wie Sniffin' Glue und die etablierte Musikpresse greifen die Bezeichnung auf und verwenden das Wort als Synonym für Punk. Zu den bekannten Post Punk-Bands gehören Joy Division und Public Image Limited von John Lydon, dem ehemaligen Sex Pistols-Sänger. In der Phase des Post Punk entwickeln sich außerdem unterschiedliche Musikrichtungen heraus, wie Hardcore

Sex Pistols-Sänger Johnny Rotten auf dem Cover der High Times 1977.

 

 

 

 

 

IST DAS NOCH PUNK?

 

Kommerz

und

Idealismus

 

 

 

Johnny Rotten auf dem Cover der High Times, 1977

 

Mit dem kommerziellen Erfolg der New Wave wird Punk gesellschaftsfähig. Das ist für die Bewegung, die sich stets über die Abgrenzung vom Establishment definiert hat, ein Problem. Punk landet jetzt in den Charts und immer mehr Bands können von ihrer Musik leben. Viele Anhänger*innen der Bewegung fühlen sich ihrer Punk-Ideale verraten. Dabei ist die Vermarktung des Trends "Punk" nichts Neues, sie setzt sich nur immer mehr durch. Spätestens mit den Sex Pistols wird Punk auch Kommerz.

»Es ist eine Inszenierung der Inszenierung der Inszenierung

- Andreas Salzbrunn, Produzent der Punk-Sendung "Frisky Meat Puppets"

Audiobeitrag: Aspekte des Punk (YouTube)

 

 

MEDIALE WAHRNEHMUNG VS. REALITÄT

Die Sex Pistols sind ein bewusst kreiertes Produkt ihres Managers Malcolm McLaren: er staffiert sie modisch in seinem Laden SEX aus; durch arrangierte Skandale treibt er die Verkaufszahlen der Band in die Höhe und erschafft letztendlich den weltbekannten Mythos. Am ersten Dezember 1976 soll Großbritannien die Sex Pistols zum ersten Mal richtig kennen lernen. Die Medien nehmen das Spektakel auf und schlachten es für die Quote aus. In einem Live-Interview will der Fernsehmoderator Bill Grundy die Band provozieren. Steve Jones, Gitarrist der Sex Pistols, lässt sich diese Chance nicht entgehen und feuert eine Schimpftirade auf die Zuschauer ab, wie sie das Vereinigte Königreich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht erlebt hat. Heutige Nachahmer*innen setzen derartige PR-Aktionen gezielt ein, um die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben. So verhalfen die Medien auch den Sex Pistols zu ihrem damaligen Erfolg und festigten deren Image.

 

Foto: Zeitungsartikel "Daily Mirror" vom 2. Dezember 1976

Audio: Interview Bill Grundy mit Sex Pistols

Quelle Audio: Wikipedia

 

»Die allgemeinen Medien haben genau das aufgegriffen was am reißerischsten war.«

Audiobeitrag: Interview mit Andreas Salzbrunn, Produzent der Punk-Sendung "Frisky Meat Puppets" (YouTube)

Wenn auf der einen Seite der Punk von den Medien gepusht wird, so entsteht andererseits im Laufe der Jahre ein Klischee, das sich hartnäckig hält: "Punks sind alle arbeitslos, trinken den ganzen Tag Dosenbier und schnorren am Hauptbahnhof."

Die Realität sieht anders aus: Während es auf der einen Seite natürlich diejenigen gibt, die dem Klischee gewissermaßen entsprechen, muss man die andere Seite derjenigen, die sich als "Punk" bezeichnen, differenzierter betrachten. Die Gründe, warum jemand zum Punk wird, sind vielschichtig. »Es gibt welche, die unterprivilegiert sind oder schwere soziale Erfahrungen gemacht haben. Genauso gibt es das Mittelklasse- oder Oberklasse-Kind, das einfach mal ein bisschen lauter gegen seine Eltern rebellieren will.« sagt Dr. Carsten Heinze von der Universität Hamburg.

SCHON GEWUSST?

Im Sommer 1976 veröffentlicht das Jugendmagazin 'Bravo' die ersten Artikel über Punk-Bands in Deutschland. Zwar stellen die Berichte Punk nur sporadisch und oft überspitzt dar, trotzdem fühlen sich viele junge Leser*innen davon animiert und wollen ein Teil der Szene werden.

 

 

MODEERSCHEINUNG PUNK

Eine Gruppe Mode-Punks

»A guy walks up to me and asks 'What's Punk?'. So I kick over a garbage can and say 'That's punk!' So he kicks over the garbage can and says 'That's Punk?', and I say 'No, that's trendy!'«

- Billie Joe Armstrong (Green Day)

Was einst durch einen Zufall begann, wird kurze Zeit später aus allen Richtungen kopiert. Durch steigende Bekanntheit, bekommt die Szene immer mehr Zulauf, teils von einer sehr jungen Zielgruppe. Beweggründe Punk zu werden, wie zum Beispiel politisches Engagement, rücken dabei eher in den Hintergrund. Die ersten "Mode-Punks" kommen zum Vorschein, die einst Anti-Alles-Bewegung wird Mainstream und für die breite Masse salonfähig. Tatsächlich kann man den Punk auch als Höhepunkt der Emanzipation weiblicher Jugendlicher bezeichnen. Erstmals herrscht keine weibliche und männliche Differenzierung. So gibt es keine extra Bezeichnung für weibliche Punks und die Unterschiede in der Bekleidung sind schwindend gering. Es ist keine Seltenheit, dass Männer auch Röcke tragen und sich schminken, auch spielen Frauen in Punk-Bands und gestalten die Szene aktiv mit.

 

Aus der klischeehaften Vorstellung von einem "echten" Punker mit bunten Haaren, Piercings und zerrissenen Klamotten, erwächst im Laufe der Zeit ein immenser Konformismus. Aus Individualismus und Anderssein entwickelt sich ein Trend. Spätestens nach der Ladeneröffnung des SEX von Malcolm McLaren und Vivienne Westwood, ist Anti-Fashion für alle zugänglich. Jeder kann wie ein Punk aussehen, muss dafür aber keiner sein. Westwood avanciert Jahre später mit diesem Markenzeichen zu einer Ikone in der Modewelt und bringt den Punk auf die Laufstege und in die Kleiderschränke der Welt. 

 

ATTITÜDE

Individualismus, Freiheit und selbstbestimmtes Handeln bilden die Grundpfeiler der Punk-Bewegung. Dabei geht es um Rebellion und die Auflehnung gegen das System. »Das Feindbild war natürlich das System, dass man genötigt ist, sein Leben zu geben - da wollten wir ausbrechen.«* Dabei bedienen sich Anhänger*innen und Bands der Szene der Ästhetisierung des scheinbar Hässlichen. Diese Nonkonformität grenzt die Punks vom Rest der Gesellschaft ab. Viele Menschen fühlen sich von diesem Auftreten provoziert und tun Punks als Nichtskönner ab. »Wir waren ein Dorn im Auge, weil wir anders aussahen, uns anders verhielten und Sachen kaputt gemacht haben. Für die normalen Bürger waren wir Terror.«* Dabei steckt hinter der Szene weitaus mehr als auf den ersten Blick zu vermuten scheint: eine wichtige Rolle spielt der politische Gedanke, Anarchie.

* Zitat von den Razors, Punk-Band aus Hamburg

Das Anarchie-Symbol

ANARCHISMUS

Die politische Bewegung stellt einen Gegenentwurf zu autoritären Herrschaftsformen dar. Dabei sollen freiwillige Verbindungen von Menschen gefördert werden, wozu auch das D.I.Y. gehört. Das Ziel ist individuelle Freiheit (Liberalismus) und kollektive Verantwortung (Sozialismus). Der Musikstil "Anarcho-Punk" setzt sich radikal anarchistisch mit herrschenden Verhältnissen auseinander, gibt Statements gegen Rassismus und Faschismus ab, ruft auf zu autonomer Lebensweise und unterstützt Feminismus und Tierrechte.

Audio: Carsten Heinze über Street-Punk

Ist Punk nun wirklich tot? Punk ist kommerziell, und das ist er auf eine bestimmte Art von Anfang an. Aber das Kommerzielle steht nicht im Vordergrund der Bewegung. Vieles hat sich geändert: ehemalige Treffpunkte der Szene wie das "Krawall 2000" in Hamburg fallen der Gentrifizierung zum Opfer. Johnny Rotten ist mittlerweile über sechzig, hat mehrere Millionen auf dem Konto und »muss sich heute keine Lederjacken mehr anziehen, um sich als Punker zu fühlen.« Selbst im Geburtsland Großbritannien ist Punk fast schon Teil des nationalen Erbes geworden: So unterstützt die englische Regierung im Jahr 2016, das 40. Jubiläum der Punkhymne "Anarchy in the UK" von den Sex Pistols. Obwohl gerade das Establishment das ausgemachte Ziel der Bewegung ist, gibt die Queen Punk ihren offiziellen Segen. Als Reaktion darauf verbrennt Joe Corré, der Sohn von Malcolm McLaren und Vivienne Westwood, seine Punksammlung im Wert von fünf Millionen Dollar. Laut Corré ist die Atmosphäre heute ähnlich wie 1976: »Die Leute fühlen sich taub. Und mit der Taubheit kommt die Selbstzufriedenheit. Die Leute glauben nicht mehr, eine Stimme zu haben. Das Gefährlichste ist, dass sie aufgehört haben, für das zu kämpfen, woran sie glauben. Sie haben die Jagd aufgegeben. Wir müssen die ganze Scheiße noch ein weiteres Mal explodieren lassen.« Falls das passieren wird, werden wir es auf jeden Fall nicht übersehen oder überhören können.