Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

29.06.2018, MICHELLE BAUERMEISTER

 

Im Golden Pudel Club tanzt ...

Der Golden Pudel Club nach dem Brand im Jahr 2016 | Foto: wikipedia

... niemand mehr.

Der Pudel brennt. Es ist der 14. Februar 2016 als ein großflächiger Brand in dem Hamburger Szenelokal ausbricht. Niemand ist verletzt, die Ursache ist unklar. Die Polizei ermittelt wegen schwerer Brandstiftung. Das Gebäude am Fischmarkt ist zerstört.

Eigentümer des Gebäudes sind Rocko Schamoni und Wolf Richter - und sie sind zerstritten. Nur kurze Zeit später, ein weiterer Schock: Der letzte Rest des "Golden Pudel" soll versteigert werden.

 

Alles auf Anfang

 

 

 

Der Golden Pudel Club ist fester Bestandteil der alternativen Clubszene in Hamburg und das Symbol der lokalen Subkultur schlechthin. Unweit der damaligen Hausbesetzerszene in der Hafenstraße, stehen die Räumlichkeiten des Pudels von Anfang an im Zentrum politischer Diskussionen um die Kommerzialisierung des Viertels. Das Grundstück liegt in Bestlage: St. Pauli nebenan, der Hafen in Reichweite. Die stärker werdende Gentrifizierung des Hamburger Szeneviertels bedroht die Existenz des Clubs. Mitte der 1990er setzen sich Anwohner*innen und Künstler*innen für das kleine Anwesen des Golden Pudel Clubs ein, das abgerissen werden soll. Zusätzlich retten sie das Gelände oberhalb des Lokals vor der Bebauung und gestalten es neu - das Kunstprojekt "Park Fiction" wird ins Leben gerufen.

Der Golden Pudel Club auf St. Pauli, Hamburg.

Das gesellschaftspolitische Kunstprojekt Park Fiction in der Nähe des Golden Pudel Clubs | Fotos: flickr

Seither bilden Park und Pudel einen Ort der gelebten Subkultur mit einer treuen Gemeinde, die kräftig Stand hält gegen die Kommerzialisierung des Stadtteils - gegen die Vermarktung und die Eventkultur am Kiez. Auch Schorsch Kamerun, Mitbegründer des Pudels, ist »Gegen das Türstehergehabe!« Südlich der Reeperbahn in den 90er Jahren, da war und gab es nichts, erinnert sich Kamerun: »Hier gab es ja nur tote Industrie, Nutten, Verfall.«

Bereits Ende der 80er Jahre treibt Schorsch Kamerun, gebürtiger Thomas Sehl und Rocko Schamoni, geborener Tobias Albrecht die Idee um, nach ihren künstlerischen Vorstellungen einen Club auf St. Pauli zu eröffnen. Da ist noch nicht viel von der kommenden Gentrifizierung zu merken. Von der ersten Idee eines Szene-Clubs bis zum Niedergang des "Golden Pudel" vergehen fast 2 Jahrzehnte.

DIE GRÜNDER

Ende 1980 geschieht es in einem Keller auf St. Pauli - zwischen Restbeständen einer dichtgemachten 70er-Jahre-Boutique gründen Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun den "Pudel Club". Schorsch Kamerun erinnert sich: »Rocko ließ sich vom Hausmeister den Schlüssel geben, um in dem Laden sein Fahrrad abzustellen. Wir kamen dann auf die Idee, dort geheime Sauf-Seancen zu veranstalten.« Beide lernen sich bereits Jahre zuvor durch die Musik kennen - damals als Rocko Schamoni noch mit seiner Band "Die Götter" mit "Die Goldenen Zitronen" durchs Land zieht. Schorsch Kamerun, Sänger der Zitronen, verwirklicht mit Schamoni weitere musikalische Projekte wie "Connection Point" und "Motition". Bis heute verbindet die Künstler eine enge Freundschaft.

»Ich habe keinen Job.

Meine ganze Welt ist Hobby.«

 

Tobias Albrecht, geboren 1966 in Lütjenburg, Schleswig Holstein. Ist nach eigenen Angaben in seiner Heimatstadt 1981 einer der ersten Punks gewesen und verteilte dort einen Punk-Ausweis »mit dem man überall hinpissen darf.« Dem Punkrock zollt Schamoni im gleichen Jahr Tribut, indem er Mitglied der Fun-Punk Band "Warhead" wird, die sich später in "Die Götter" umtaufen. Touren mit "Die Toten Hosen" und "Die Goldenen Zitronen" folgen. Ende 1980 beschließen Rocko Schamoni und der Goldenen Zitronen – Sänger Schorsch Kamerun den Pudel Club auf St. Pauli zu errichten. Zur selben Zeit moderieren beide die Sendung "Pudel Overnight".

 

»Ein heutiges Leben besteht aus

Konfettifetzen, die zu einem Flickenteppich vereint ein kaum mehr zu überschauendes Bild ergeben.«

 

- Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens (Schorsch Kamerun)

 

 

 

Thomas Sehl, geboren 1963 in Timmendorfer Strand, verschlägt es mit 17 Jahren nach Hamburg. Als Gründungsmitglied und Sänger der Band "Die Goldenen Zitronen" steht Schorsch Kamerun seit 1984 auf der Bühne. Seit Jahren ist Schorsch Kamerun auch hinter der Bühne aktiv. So arbeitet er als Theaterregisseur seit den 2000ern: 2003 wird sein Stück "Macht fressen Würde" am Schauspielhaus in Zürich uraufgeführt. Zahlreiche Inszenierungen folgen.

 


Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun eröffnen ihren Club auf St. Pauli.

 

 

 

Aus "Pudel Club" wird der "Golden Pudel Club" und bietet nationalen und internationalen Undergroundkünstler*innen eine Bühne.

 

 

 

Der Pudel zieht um. In den Räumen eines ehemaligen Schmugglergefängnisses am Hamburger Fischmarkt wird im oberen Stockwerk Kaffee serviert und im Erdgeschoss getanzt.

 

 

 

Der für seine Experimentierfreudigkeit bekannt gewordene Club gilt schnell als Treffpunkt der Hamburger Schule und bietet Musikern wie der Hamburger Band Tocotronic ein zweites Zuhause. Viele prominente Djs und Künstler*innen verhelfen dem Golden Pudel Club nicht nur deutschlandweit zu einem Kultstatus. Der Pudel ist mit der einzige Hamburger Club von internationalem Renommee.

HAMBURGER SCHULE

 

Die Musikbewegung entsteht Ende der 1980er und erreicht ihren kommerziellen Höhepunkt Mitte der 1990er. Anknüpfend an die Neue Deutsche Welle verwenden Musiker*innen Elemente aus Indie-Rock, Punk, Grunge und Pop. Die deutschsprachigen Texte zeichnen sich durch einen hohen intellektuellen Anspruch aus, sind gesellschaftskritisch und linkspolitisch orientiert. Zu den bekannteren Bands zählen Die Goldenen Zitronen, Tocotronic, Tomte und Kettcar.

 

 

Die Reihe "Pudel Produkte" erscheint. Auf der LP "Operation Pudel 2006 ZD 50" sind aus dem Club bekannte Künstler zu hören.

 

Rocko Schamoni tut sich mit Wolfgang Richter zusammen, um gemeinsam das Gebäude am Fischmarkt zu kaufen. Richter betreibt im oberen Stockwerk das Café Oberstübchen. Schamoni widmet sich im Erdgeschoss dem Club.

 

Der Golden Pudel Club wird durch einen Brand größtenteils zerstört. Es droht die Zwangsversteigerung nach einem Streit mit Wolf Richter, der die Eigentümergemeinschaft auflösen will.

 

DER KONFLIKT

»Dieser Besitz hat uns beiden nur Ärger eingebracht. Und uns unsere Freundschaft gekostet. Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich es sicher nicht so gemacht. Was für ein Scheiß-Deal

 

- Rocko Schamoni

Rocko Schamoni und Wolf Richter verbindet nicht nur ihr Heimatort Lütjenburg, sondern auch eine alte Freundschaft. Diese wird auf die Probe gestellt als sie sich nicht auf ein gemeinsames Konzept für den Pudel verständigen können: Schamoni möchte, dass das von Richter betriebene Café Oberstübchen im oberen Stockwerk genauso experimentell und unkommerziell geführt wird, wie der Club im Erdgeschoss. Auch viele Pudel-Anhänger*innen finden, das Oberstübchen sei zu kommerziell ausgerichtet. Nachdem Wolf Richter Schamonis Geschäftspartner wird, gibt es einen Deal unter Freunden: Nur wenn Richter mit seinem Café Gewinn erzielt, zahlt er Miete. Aber Richter passt die Richtung nicht. Im Oktober 2010 tauscht er kurzerhand die Schlösser zu den oberen Stockwerken aus und kündigt der ganzen Café-Belegschaft. Kommuniziert wird ab sofort nur noch über Anwälte, eine Teilungsversteigerung ist beantragt. Mehrere Vermittlungsversuche zwischen den Parteien scheitern kläglich. Jetzt ist endgültig klar: so kann es nicht weitergehen. Öffentliche Boykottaufrufe wie "Trinkt euren Latte woanders!" von Teilen der Pudel-Gemeinschaft gehören zur Tagesordnung. Der Vorwurf: Richter habe keine Miete gezahlt. Die Fronten verhärten sich und die einstige Freundschaft zwischen Rocko Schamoni und Wolf Richter liegt in Trümmern.

 

 

 

Wer glaubst du,

wer du bist,

uns kaufen zu können?

Rocko Schamoni will das Gebäude am Fischmarkt als Symbol von Gegenkultur und Anti-Kommerz trotz des verbitterten Streites mit Mitinhaber Wolf Richter erhalten. Als Reaktion auf die drohende Versteigerung kündigen Vertreter*innen der linken Szene Aktionen zum Erhalt des Pudels an. Das Projekt "Pudel Verein für Gegenkultur e.V.", kurz VerFüGe, wird ins Leben gerufen. Hintergrund der Aktion ist, das Gebäude für die dauerhafte kulturelle Nutzung sicherzustellen. VerFüGe nimmt im Internet Stellung: »Der Golden Pudel Club wehrt sich mit allen Solidarischen gegen einen drohenden Einkauf, per erzwungener Teilungsversteigerung, und wird mit einer endlosen Kampagne einen der letzten, bitter nötigen offenen Orte auf St. Pauli und anderswo behaupten.«

2015 setzen sich die "Solidarischen" mit der Pudel-Kampagne "The freaks are alright" für den dauerhaften Erhalt des Pudels ein. Die Aktion ist wie ein Theaterstück aufgezogen: Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun, verkleidet als Parkuhr, rufen im Chorus mit ihren Mitstreiter*innen »Wer glaubst du, wer du bist, uns kaufen zu können?« DJ Booty Carrell, der das Auflegen im Pudel-Club von der Pike auf erlernt und dort nach wie vor auftritt, schreibt zusammen mit Kamerun die Texte für die Kampagne.

 

»Die ganze Situation ist das Resultat eines großen Fehlers. Aber wir wollen aus dem Fehler lernen: Der Pudel soll in Zukunft nie wieder irgendjemandem gehören

 

- DJ Booty Carrell

Kurzfilm der Pudel-Kampagne "The freaks are alright" für die Rettung des Golden Pudel Clubs 2015

Schorsch Kamerun hält von Anfang an wenig von Wolf Richters Vorstellungen, die den Pudel betreffen. "Der Typ" wie Schorsch ihn konsequent nennt, war anders als die Pudel-Gemeinschaft: für Kamerun ist Richter nicht frei genug im Denken und Handeln. Nachdem 2008 der "Golden Pudel Club" zu gleichen Teilen Wolf Richter und Rocko Schamoni gehört, zieht sich Schorsch Kamerun aus dem Geschäft zurück. Richter drängt zum Ausbau und Renovierung des Gebäudes. Sein Ziel ist es mit dem Club möglichst viel Gewinn zu erzielen - die Pudel-Ideale teil er jedoch nicht. Kamerun und Schamoni kämpfen weiter für den Erhalt des Pudels und sehnen sich nach den alten Zeiten zurück.

 

Im Golden Pudel Club wird wieder getanzt.

Der Golden Pudel Club | Stand: Mai 2018 | Foto: privat

 

 

Bereits vor dem Brand im Golden Pudel Club, ist bekannt, dass Mitbegründer Wolf Richter die Eigentümergemeinschaft auflösen will. Die gemeinnützige "Mara & Holger Cassens Stiftung" kauft Richters Anteile und wendet so die Zwangsversteigerung des Pudels ab. Das Grundstück wird von nun an für eine gemeinnützige Nutzung übergeben, so wie es der "Pudel Verein für Gegenkultur e.V." (VerFüGe) bereits mit seiner Kampagne "The freaks are alright" zuvor fordert. Die Hamburger Kulturbehörde zeichnet das Projekt mit dem Kunstpreis aus.

 

Fotos: Katja Ruge Photography

 

Im August 2017, eineinhalb Jahre nach dem verheerenden Brand, öffnet die "Elbphilharmonie der Herzen", wie der Pudel Club von der Presse oft genannt wird, erneut ihre Pforten. Mit Vielseitigen Veranstaltungen wie Lesungen und Konzerten bietet die Pudelgemeinde nun wieder eine Alternative: Einen Ort abseits des musikalischen Mainstreams, unkommerziell und als Gegengewicht zur zunehmenden Gentrifizierung von St. Pauli - für Kunst und Subkultur.