Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

26.04.2018, MICHELLE BAUERMEISTER
Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

»Wir sind verletzlich, und wir sind Verletzende.«

Robinson

Selbst Arthur Schopenhauer, der Einsamkeitsapologet, gibt zu: »Der Mensch für sich allein vermag gar wenig und ist ein verlassener Robinson; nur in der Gemeinschaft mit den anderen ist er und vermag er viel.«

In der Geschichte des Robinson Crusoe wird anschaulich, dass ein Mensch ohne jede Ansprache sein Inneres kaum aufrechtzuerhalten vermag. Und in grausamen Experimenten früherer Zeiten (isoliert aufwachsende Kleinkinder) stellte man fest, dass mehr als ein Vegetieren in solcher Zwangseinsamkeit nicht entsteht. Der Mensch ist eben nicht nur des Menschen größtes Unheil, sondern auch des Menschen größtes Heilmittel. 

Diese Doppeldynamik bestimmt auch Schopenhauers berühmte Parabel:

»Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um sich durch gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.«

So geht es uns allen: Wir suchen Wärme und Nähe, aber nicht das Stechen der Stacheln. Und irgendwann nehmen wir mehr halbbewusst als bewusst einen Abstand zu den Anderen ein, der uns von Stachelstichen und Kälte gleichermaßen verschonen soll.

Eine Illustration von einem Stachelschwein

Vorteilssuche und Gleichgültigkeit

Es gibt in der Philosophiegeschichte zahllose Formulierungen, die den Charakter der Vorteilssuche in Beziehungen betonen.

Schon Epikur bemerkt, dass jede Freundschaft auf Nutzen gründet. Und Nietzsche nennt die Liebe »das Vergnügen, das zwei Menschen aneinander haben.«

Auch für Simone de Beauvoir können Freundschaften nur überdauern, wenn sie auf gegenseitigem Vorteil beruhen.

Es ist nicht leicht, sich freizumachen von dem Wunsch nach eigenem Gewinn; und Freundschaft stellt insofern schon einen Fortschritt dar, als hier in der Regel tatsächlich ein beidseitiger Vorteil vorliegt, und nicht ein nur einseitiger zulasten des Anderen, was ja außerhalb von Freundschaften häufig vorkommt.

Simone de Beauvoir hält im übrigen die Gleichgültigkeit für ein wichtiges Ingredienz der Freundschaft: »Eine solide Freundschaft nennt man eine Gewohnheit, die auf einer robusten Gleichgültigkeit beruht.«

Tatsächlich hat Freundschaft, vor allem dauerhafte, viel mit Gewöhnung zu tun. Nämlich die an die Eigenheiten und Unzulänglichkeiten des Anderen. Bei der Einübung von Toleranz hilft Gewöhnung.

Was Freundschaft allerdings nicht werden sollte, ist ein Gleichgültigkeitstraining. Wenn eine Verbindung nur haltbar ist durch steigende Gleichgültigkeit, ist sie nicht wert, erhalten zu werden. Im Gegenteil ist es sogar einer Aufgabe von Freundschaft, die Notwendigkeit zur Gleichgültigkeit zu mindern, einen Ort zu etablieren, an dem man nicht gleichgültig werden muss, an dem man eigene Wärme wahren und schätzen kann.

Ein Mann hält verzweifelt seine Hand vor das Gesicht

Der Abgrund

Eine beunruhigende Äußerung zum Thema stammt von Cioran. Er sagt, jede Freundschaft ist »ein unmerkliches Drama, eine Reihe feinster Verletzungen.«

Und Rochefoucauld geht noch weiter. Er schreibt den vielleicht abgründigsten, verstörendsten Satz, der je über Menschen geäußert wurde: »Im Unglück unserer besten Freunde finden wir immer etwas, das uns nicht missfällt.«

Weiter kann man im Willen um Wahrhaftigkeit nicht vordringen, weiter kann man nicht gehen, im Bemühen, das Menschenherz zu erforschen.

Philosophie ist verpflichtet, sich diesem Abgrund zu stellen. Sie hat auch dem auf den Grund zu gehen, was der Mensch von sich nicht wissen will, was er mit seinem idealisierten Selbstbild nicht in Einklang bringen kann.

Wir haben Stacheln, nach außen und nach innen, wir tun anderen und uns selbst weh. Meist sogar, ohne es zu beabsichtigen. Aber das mindert nicht den Schmerz. Wir sind verletzlich, und wir sind Verletzende.

Vom Nutzen der Verletzlichkeit

Unsere Verletzlichkeit ist aber auch eine Kraft, die wir nutzen können. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren etwas nachgewiesen, das ich als junger Mensch nach einer Krise sehr plötzlich verstand: Ohne erlittenen Schmerz keine Empathie.

Sich die eigene Verletzlichkeit abzutrainieren, ist ein hochbedenklicher Vorgang. Sich nicht allzu stark mit seinen Niederlagen zu identifizieren, ist etwas ganz anderes. Aber die Unterdrückung und Vereisung von Verletzlichkeit macht uns zu unterdrückten und vereisten Menschen.

»Die Verwundbarkeit der kostbaren Dinge ist schön, weil die Verwundbarkeit ein Merkmal der Existenz ist«, sagt Simone Weil.

Wer den eigenen Abgrund an Verletzlichkeit nicht wahrnehmen will und auch die damit zusammenhängende eigene Möglichkeit, Böses zu tun, kann anderen Menschen nie wirklich nahe kommen.

Oder andersherum formuliert: Nur wenn wir von unserer Verletzlichkeit und unseren Möglichkeiten zur Gemeinheit wissen, können wir Anderen Freund sein.

Befreiendes Miteinander

Ein freies Miteinander ist immer ein gegenseitig befreiendes Miteinander. Eine hohe Kunst und eigentlich schon ein Liebesakt: Einander in befreiender Absicht zu nähern. Nicht: Du gehörst zu mir, sondern: Ich will dir helfen, dorthin zu finden, wo Du Dich ohne die üblichen Freiheitseinschränkungen zugehörig fühlen kannst. Ich begleite Dein Wachsen, egal wohin es Dich führt. Auch wenn's Dich von mir wegführt.

Das wäre Liebe, dem anderen beizustehen und treu zu bleiben in diesem Trennenden von mir. Das ist viel verlangt. Aber erst das wäre Liebe. (Alles darunter, ist – deutlich formuliert – Utilitarismus, eine wie fein auch immer geartete Nützlichkeitserwägung, wie gefühlvoll sie sich auch gibt.)

Für diese, die einzig echte Liebe, sind wir aber meistens zu schwach; sie gelingt uns in Momenten, aber nicht dauerhaft.

Koordinierte Unabhängigkeit oder zumindest: Koordinierte Abhängigkeit

In der Sprache der Percussionisten gibt es einen Fachausdruck, das Zusammenspiel von Händen und Füßen betreffend: Koordinierte Unabhängigkeit. Sagen wir, um es in ein menschliches Ideal zu wenden: Liebevoll koordinierte Unabhängigkeit, oder: In Liebe koordinierte Unabhängigkeit.

Wer aber eine solche Höhe des Zusammenseins, eine in Liebe koordinierte Unabhängigkeit, niemals erreicht, der achte darauf, dass er würdig abhängig wird. Der achte darauf, wem er Macht über sich gibt. Denn indem ich liebe, übergebe ich Macht. Schon indem ich mag, übergebe ich Macht. Und man will ja sogar von denen noch gemocht werden, die man selbst nicht mag.

»Gemeinschaft macht uns erst zu Menschen, aber sie kann uns auch zu Monstern machen.«

Gemeinschaft als Gefangenschaft

Freundschaft, aber auch Liebe und Familie können zu einer Gefangenschaft werden. Es gibt eine Dynamik, in der nicht der eine dem anderen den Bewegungsraum vergrößern hilft, sondern im Gegenteil: es kommt zur gegenseitigen Engführung bis zur Atemnot.

In Familien zum Beispiel glaubt jeder, den anderen zu kennen. Und jedes Mitglied kämpft nicht nur mit dem Selbstbild, sondern mit den Fremdbildern, den dauernden Festlegungen durch die Anderen. Auch das eine Gefangennahme.

»Du sollst dir kein Bildnis machen«, heißt es in der Bibel. Aber nicht nur von Gott sollst du dir kein Bildnis machen. Ein lebendiges, entwicklungsbedürftiges und entwicklungsfähiges Wesen in einem Bild einzukerkern ist auch eine Sünde.

Es schadet allen, mit denen wir umgehen. Wir verpflichten sie, unserem Bild zu entsprechen. Sonst tun wir verwirrt und werden ungeduldig.

Zusammen sein kann befreien, aber nur, wenn wir es unterlassen, den anderen auf das festzunageln, was wir in ihm sehen.

Bläschen hängen aneinander

Gemeinschaft als Verrohungsübung

Gemeinschaft kann sogar verrohend wirken. Um dazuzugehören haben 'Ganz normale Männer' (so der Buchtitel) des Reserve-Polizei-Bataillons 101 im letzten Weltkrieg ungeheure Bestialitäten begangen. Sie kamen aus allen sozialen Schichten, hatten die unterschiedlichsten Berufe, und nichts an ihrem bisherigen Leben wies auf die künftigen Exzesse hin.

Nietzsche ist mit einem gewissen Recht der Ansicht, dass zur Gemeinschaft gehört, wer sich auf das Gemeine versteht.

Gemeinschaft macht uns erst zu Menschen, aber sie kann uns auch zu Monstern machen.

»In sich gehen und aus sich heraus gehen.«

Ein Seil ist festgebunden an einem Pfeiler

Die Fähigkeit des Für-Sich-Seins

Rettungsschwimmer werden darauf trainiert, das Verhalten anderer Anwesender am Strand zu ignorieren. Menschen greifen nicht ein, wenn noch andere da sind, die eingreifen könnten. Aber sie greifen ein, wenn sie allein sind und sich der Verantwortung nicht entziehen können.

Im Asiatischen gibt es eine Tradition des Für-Sich-Seins, des Meditierens und Schweigens zum Zweck spirituellen Aufstiegs. Doch auch in der abendländischen Geistesgeschichte, vornehmlich bei den Mystikern, gibt es vergleichbare Empfehlungen. Zum Beispiel bei Meister Eckhart: Wer ungetrübt und lauter sein wolle, müsse eines besitzen: Innere Einsamkeit.

Wer die Einsamkeit zu nutzen versteht, wird nach einer Phase des Alleinseins als ein Anderer wieder unter die Menschen treten. Er wird nun genauer wissen, was in ihnen vorgeht, denn wer auf eine ernst gemeinte, angemessene Weise in sich geht, ist mit allen anderen Menschen verbunden.

Aus dieser doppelten Bewegung entsteht erst der Mensch: In sich gehen und aus sich heraus gehen. »Die Seele bedarf einerseits der Einsamkeit und Intimität, andererseits des sozialen Lebens«, sagt die Mystikerin Simone Weil.

»Wir können nicht mit allen befreundet sein.

Oder doch?«

Nicht zu wählerisch sein

Natürlich hat es seine Vorzüge, die Personen mit denen man täglich umgehen muss – so man kann – sorgfältig zu wählen. Aber eine zu große Hygiene im Umgang mit Menschen tut unserer Seele nicht gut, wie unserem Körper zu viel Hygiene im Haushalt nicht gut tut. Sie führt zu Allergien. Und sie mindert das Überraschende in unserem Leben. Wenn man sich auf seine Wirkungen fest verlassen kann, wird es fad.

Eigentlich wäre Freundschaft eine Aufgabe allen Menschen gegenüber. Mit anderen Worten: Sie stellt schon in ihrer Exklusivität ein Problem dar, in der Selektion, in der Verengung auf Wenige hin.

Für Simone Weil ist die Freundschaft »die einzige rechtmäßige Ausnahme von der Verpflichtung, nur auf eine universale Weise zu lieben.«

Tatsächlich sind wir verpflichtet, auf eine universale Weise zu lieben, und Freundschaft ist im Grunde das Ergebnis einer Überforderung. Weil es uns schwer fällt, universal zu lieben, lieben wir persönlich. Indem wir eine Auswahl treffen zugunsten eines oder weniger Menschen, treffen wir eine Wahl gegen viele andere. Wir können nicht mit allen befreundet sein. Oder doch?

Einige der aufregendsten Gespräche, die ich in meinem Leben geführt habe, ereigneten sich mit vollkommen Fremden. Mit geliebten Menschen und auch mit Freunden zieht man sich oft zurück, steht beieinander gegen die feindliche Welt und stört sogar die eigene Kraft zur universellen Liebe. Freunde bestärken und bestätigen sich mitunter auch im Falschen. Freundschaft kann zur gegenseitigen Verengung führen, obwohl ihre Aufgabe das Gegenteil wäre: gegenseitige Weitung.

Eine segensreiche List

Eine Empfehlung des Lebemanns und Lebenskünstlers Goethe hilft in vielen Lagen: »Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.«

DER AUTOR

 

 

 

 

 

 

 

 

Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Wolfgang Denkel, geboren im Jahr 1958 im Rheinland, studierte Germanistik und Philosophie.

 

VERÖFFENTLICHUNGEN

Ja.Nein.Ja.

Roman, Droschl-Verlag, 2008
»Was glauben Sie, ist das Schönste von allem?" - "Das Schönste ist, dass das Schöne nicht zerstört werden kann. Egal, was auch geschieht, immer wieder entsteht das Schöne. Das ist das Schönste.«

Der scheue Leonard Kramer wird eines Tages aus seinen Gewohnheiten gestoßen: zum einen stirbt ein Fremder in seinen Armen, zum anderen weicht eine Frau im grünen Kleid nicht mehr von seiner Seite. Von diesem Moment an öffnet sich sein Leben, er wird zum Mittelpunkt einiger verwirrender und auch befreiender Ereignisse, pendelt zwischen Größenwahn und Nichtigkeit und wünscht sich ein Unglück und zugleich, dass endlich alles gut wird.

Eines geeigneten Tages

Erzählungen, Droschl-Verlag, 2010

»Ich wäre so gern ein bedeutender Mensch. Es würde das Leben erleichtern, indem es dessen Anstrengungen begründen könnte.«

Ein Maler, der an seinem erfolgreichsten und berühmtesten Werk verzweifelt und eine Frau, die sich beim Öffnen eines Marmeladenglases fragt, weshalb sie das Leben lieben sollte. Ein anderer Mann, der erkennt: »Es geschieht, weil ich es sehe«, und der daraufhin die Augen schließt, »um niemanden in Gefahr zu bringen.« Die Geschichten handeln von Träumen und ihren Unmöglichkeiten, von Liebe und Tod und vor allem von Worten als Körper, Ort und als einzige Wirklichkeit, nach der die Figuren auf der Suche sind. 

Herr Blau oder Ein guter Ort, um sich zu sehnen

Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, 2015

»Einmal sagte Herr Blau etwas. Und während er es sagte, ahnte er, dass es nicht verstanden würde.

Und er sagte es dann so, dass er selbst es nicht mehr verstand. Mehr konnte Herr Blau nun wirklich nicht tun.«

Ein aufgeschlagenes Buch