Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

06.12.2017, MICHELLE BAUERMEISTER
Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

»Unser Eigenes ist uns inzwischen derart fremd geworden, dass wir im Fremden das Eigene nicht mehr wahrzunehmen vermögen.«

Die unheimlichste aller Erfindungen

Niemals zuvor hat es auf Erden eine vergleichbare Anzahl Spiegel gegeben, die digitalen nicht einmal eingerechnet.

»Die unheimlichste aller Erfindungen«, nannte Brendan Behan den Spiegel, und konnte doch kaum wissen, wie recht er mit dieser Formulierung noch haben würde. Inzwischen scheint eine ganz und gar heillose und unheilbare Spiegelsucht entstanden zu sein. Der Spiegel hat das Scheinhafte unseres Lebens auf die Spitze getrieben. Ist das in jedem Fall schlecht? Nein! Erzeugt es Schmerzen? Ja!

Reflexionsgrade

 

Der Reflexionsgrad eines Spiegels ist immer kleiner als 100%. (Dies gilt für alle erdenklichen Arten des Spiegelns.) Mit anderen Worten, es gibt hier keine absolute Treue und Zuverlässigkeit. In jeder Spiegelung ist die Abweichung schon mitgegeben, ein Verlust, eine Nicht-Entsprechung. Die Seitenverkehrtheit ist dabei nur ein (auf den ersten Blick auffallendes) Problem.

Diese Nicht-Entsprechung schon ist ein Schmerz. Wobei zunächst unklar bleibt, ob die Vollentsprechung nicht ein noch größerer wäre.

Ein Gif von einem reflektierenden Spiegel

Der Mensch als Spiegel

Entwicklungsgeschichtlich ist der Mensch ein zur Spiegelung durchaus geeignetes Instrument. Für Schopenhauer hat sich in ihm erst die Natur ein Licht aufgesteckt, ein Staunen und ein Erschauern auch über sich selbst. Und Nietzsche stimmt emphatisch zu: »Wenn die gesamte Natur sich zum Menschen hindrängt, so gibt sie dadurch zu verstehen, dass er zu ihrer Erlösung vom Fluch des Tierlebens nötig ist und dass endlich in ihm das Dasein sich einen Spiegel vorhält

Eine verantwortungsvolle Aufgabe, wahrhaftig, und mit einer gewissen Nähe schon zum Schmerz. Den aber haben wir zum Zwecke der Forschung und Selbsterforschung hinzunehmen. Dagegen ist im Grunde nichts zu sagen.

Zwei sehr verschiedene Programme

Nun ist die Selbsterforschung etwas völlig anderes als Selbstinszenierung. Der Spiegel dient jedoch als Werkzeug für beides. Einerseits brauchen wir, wie Schopenhauer betont, den Spiegel zur Besserung, andererseits ist er der größte Verführer zur Eitelkeit. Für die sei, bemerkt Schopenhauer, selbst die Pfütze ein wohlgefälliger Spiegel.

Ein Smartphone wird bedient

»Immer geht es um mich.«

 

Die Göttergabe

Es ist kein Wunder, dass das Smartphone zum Lieblingsgegenstand des Menschen geworden ist. Es gibt keinen vergleichbaren; keinen, bei dessen Gebrauch es derart eindeutig und unablässig um mich selbst geht. Ob ich angerufen werde, die und d.h. meine Welt fotografiere, oder gleich mich selbst. Sogar, wenn ich eine Nachricht versende: Immer geht es um mich. Kein anderes Gerät oder Werkzeug gewährt mir diese Ausschließlichkeit, kein anderes Werkzeug oder Gerät erklärt mich derart unverbrüchlich zum Mittelpunkt des Universums. Das Smartphone ist die leicht erlernbare Technik der äußersten Selbstpflege.

 

Zerrspiegel

Das Selfie wendet sich in der Regel an einen Anderen. Aber jeder Andere ist immer auch Zerrspiegel. Erstens, weil er uns gegenüber eigene Interessen verfolgt oder vertritt.

Und zweitens, weil er selbst spiegelungsbedürftig ist. Diese doppelte Befangenheit macht ihn zu einem unreinen Spiegel.

Selbst der genaueste, liebevollste Andere wird uns niemals vollends oder endgültig spiegeln. Eine Grund- oder Resteinsamkeit im Eigenen werden wir hinnehmen müssen.

Das ist schmerzlich, vor allem, da ja auch dieses Eigene uns stets ein wenig fremd bleibt.

Die Angst, man selbst zu sein

»Werde der, der du bist«, sagt Nietzsche. Das klingt absurd einfach, und ist doch das Schwierigste.

Denn wir haben Angst, wir selbst zu sein. Die alten Griechen nahmen einen Leitgeist an, einen Daimon. Der ist, so könnte man sagen, unsere innere Stimme. Und nicht alle Ziele, die wir uns stecken, entsprechen dieser inneren Stimme. Kierkegaard betont, sie sei leise. Man muss man sich also ein Ohr für sie wachsen lassen. 

Es gibt den schönen Ausdruck: Davon geht mir das Herz auf. Wir haben gelernt, vieles zu tun, wovon uns das Herz nicht aufgeht, und irgendwann wissen wir vielleicht gar nicht mehr genau, wovon uns das Herz aufgeht und wovon nicht. Wir tun unsere Pflicht, denken wir. Aber das tun wir nicht. Denn unsere eigentliche Pflicht ist, zu wissen, wovon uns das Herz aufgeht. Dies zu vergessen, ist eine Pflichtversäumnis, eine Schuld, man könnte schon sagen: eine Sünde.

Ein gespiegeltes Gesicht von einer älteren Frau

Das Eigene im Fremden spiegeln

Unser Eigenes ist uns inzwischen derart fremd geworden, dass wir im Fremden das Eigene nicht mehr wahrzunehmen vermögen. Und unsere Selbstentfremdung mindert unsere Fähigkeit zur Einfühlung. Die Flüchtenden erinnern uns daran, dass wir selbst auf der Flucht sind, vor dem Eigentlichen, d.h. unseren echten Sehnsüchten. Wir sind einer Oberfläche auf den Leim gegangen, die wir mit den Fremden nun nicht teilen wollen.

Dabei helfen sie heilen, wenn wir sie lassen. Helfen uns tiefer als wir ihnen. Sie kommen aus der Fremde einer lebensbedrohlichen Wirklichkeit, während unsere Fremdheit in einer abgeschmackten Illusion besteht. Denn unser Eigentliches ist veräußert. Wir denken selbst unser Innerstes mittlerweile weitgehend in Begriffen einer Warenweltlichkeit. Und über das unsere Zuwendung benötigende Fremde könnten wir wieder vereigentlicht werden.

Zersprungenes Glas

Die Welt als Spiegel

Früh kam die Idee auf, dass im Grunde die ganze Welt ein Spiegel sei. Bei Montaigne finden wir sie. Und bei Goethe: »Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir wer du bist; weiß ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann.«

Nur die antwortende Welt kann die begütigenden und hochtrabenden Illusionen über uns veröden und zerstreuen. Ein Fortgeschrittener feuert sie dabei an. Er freut sich, unangenehm belehrt zu werden über sich selbst, seine Fähigkeiten, Grenzen und Lieblosigkeiten. Aber auch zu erfahren, was ihm wirklich etwas bedeutet. Nur über Spiegelungen ist dies möglich. Doch entscheidend bleibt, an welche Spiegel wir uns wenden. Nicht alle sind geeignet. Im Grunde die wenigsten.

Wir brauchen Spiegel, in denen man, wie Friedrich Hebbel es formuliert, erkennen kann, was einem fehlt.

Spiegeln als Lebenskunst

Die am weitesten getriebene, wirklichkeitsfreundlichste Art der Spiegelung beschreibt schon vor unserer Zeitrechnung Dschuang Dsi: »Der höchste Mensch gebraucht sein Herz wie einen Spiegel. Er geht den Dingen nicht nach und geht ihnen nicht entgegen; er spiegelt sie wider, aber hält sie nicht fest. […] Er ist nicht Herr des Erkennens. Er beachtet das Kleinste und ist doch unerschöpflich und weilt jenseits des Ichs. […] Das Herz des Berufenen ist still; darum ist es der Spiegel von Himmel und Erde.«

 

 

 

DER AUTOR

 

 

 

 

 

 

 

 

Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Wolfgang Denkel, geboren im Jahr 1958 im Rheinland, studierte Germanistik und Philosophie.

 

VERÖFFENTLICHUNGEN

Ja.Nein.Ja.

Roman, Droschl-Verlag, 2008
»Was glauben Sie, ist das Schönste von allem?" - "Das Schönste ist, dass das Schöne nicht zerstört werden kann. Egal, was auch geschieht, immer wieder entsteht das Schöne. Das ist das Schönste.«

Der scheue Leonard Kramer wird eines Tages aus seinen Gewohnheiten gestoßen: zum einen stirbt ein Fremder in seinen Armen, zum anderen weicht eine Frau im grünen Kleid nicht mehr von seiner Seite. Von diesem Moment an öffnet sich sein Leben, er wird zum Mittelpunkt einiger verwirrender und auch befreiender Ereignisse, pendelt zwischen Größenwahn und Nichtigkeit und wünscht sich ein Unglück und zugleich, dass endlich alles gut wird.

Eines geeigneten Tages

Erzählungen, Droschl-Verlag, 2010

»Ich wäre so gern ein bedeutender Mensch. Es würde das Leben erleichtern, indem es dessen Anstrengungen begründen könnte.«

Ein Maler, der an seinem erfolgreichsten und berühmtesten Werk verzweifelt und eine Frau, die sich beim Öffnen eines Marmeladenglases fragt, weshalb sie das Leben lieben sollte. Ein anderer Mann, der erkennt: »Es geschieht, weil ich es sehe«, und der daraufhin die Augen schließt, »um niemanden in Gefahr zu bringen.« Die Geschichten handeln von Träumen und ihren Unmöglichkeiten, von Liebe und Tod und vor allem von Worten als Körper, Ort und als einzige Wirklichkeit, nach der die Figuren auf der Suche sind. 

Herr Blau oder Ein guter Ort, um sich zu sehnen

Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, 2015

»Einmal sagte Herr Blau etwas. Und während er es sagte, ahnte er, dass es nicht verstanden würde.

Und er sagte es dann so, dass er selbst es nicht mehr verstand. Mehr konnte Herr Blau nun wirklich nicht tun.«

Ein aufgeschlagenes Buch