Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

01.06.2018, MICHELLE BAUERMEISTER
Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

»(...) eine Folge ohne Grund, eine Wirkung ohne Ursache.«

Ein möglicher Anfang

Die Bibel lässt die Menschheitsgeschichte mit der Scham beginnen. Vorher gab es ein paradiesisches All-Eins, dann spaltet sich der Mensch durch Erkenntnis- und Machtwillen ab. Und damit beginnt seine eigentliche Geschichte.

Mensch und Scham erscheinen hier nahezu identisch. Denn erst durch den Menschen gelangt die Scham in die Welt und erst durch die Scham wird der Mensch zu demjenigen, den wir heute kennen. Zuvor war er ein Paradieswesen. Jetzt ist er der Unvollständige, der Suchende, der Nackte. Zuvor war für ihn gesorgt, jetzt muss er für sich selber sorgen.

Kein Zufall. Und keine Ursache

Scham ist nicht zufällig Kennzeichen des Sündenfalls. Und auch kein Zufall scheint mir, dass drei der größten Autoren des 20. Jahrhunderts, Fernando Pessoa, Robert Walser und Franz Kafka allesamt hochgradig Schamkundige sind.

»Manchmal glaube ich«, schreibt Kafka, »ich verstehe den Sündenfall wie kein Mensch sonst.«

Für ihn gehören Schuld und Scham zu jenen Phänomenen, von denen Goethe in 'Maximen und Reflexionen' sagt, sie seien wie »eine Folge ohne Grund, eine Wirkung ohne Ursache.«

Tatsächlich bleibt die Scham, auch wenn sie uns im Einzelfall einleuchten mag, letztlich ein Mysterium. Warum schämt man sich nicht für ganz andere Dinge? Warum ist es nicht wie in einem Bunuel-Film, wo die Menschen sich zum Essen einschließen, als gingen sie auf die Toilette, und wenn einer draußen klopft, rufen sie: »Besetzt!« ('Das Gespenst der Freiheit', 1974) Eine die Tötung anderer Lebewesen voraussetzende Mahlzeit ist wahrhaftig kein unbedenklicher Vorgang, der durchaus geeignet wäre, Scham auszulösen.

»Wir schämen uns für alles, was echt an uns ist.«

Finger greifen aus einem Auge

Der schwerwiegendste Nachteil der Scham

Interessanterweise schämen wir uns mitunter für das »Beste und Zarteste« in unserem Innern. Schon Flaubert weist darauf hin, und George Bernard Shaw geht in seiner Formulierung noch weiter: »Wir schämen uns für alles, was echt an uns ist.«

Man kann diese Aussage für übertrieben und vereinseitigend halten. Zurecht könnte man darauf hinweisen, dass die Scham gerade auch die Funktion habe, unser Echtes zu schützen. Aber dieses Echte ist zweifellos ebenso gefährdet durch die Scham, durch den Zwang, sich zum Zwecke der Schmerzvermeidung lieber dem Urteil der anderen zu beugen als der eigenen inneren Stimme zu folgen.

Nicht einmal wenn ein Mensch sich vor sich selbst schämt, weiß er, ob er sich nicht doch vor anderen schämt, Eltern, Partner oder Partnerin, Freunden oder anderen nahestehenden Personen, deren Blick und Urteil er internalisiert hat.

Wird diese Scham zu einer beherrschenden Empfindung, kann es zu Anpassungsorgien kommen.

Eine Illustration von Franz Kafka

Die unsterbliche Scham

Der letzte Satz von Kafkas 'Prozess' lautet:

»… es war, als sollte die Scham ihn überleben.«

In dieser Formulierung erhält die Scham etwas Metaphysisches und Ewiges. Sie macht geradezu unsterblich.

Aber nicht nur Kafkas Romanheld glaubt an das Überleben der Scham, wie ein vielzitiertes, von Plutarch übermitteltes Beispiel zeigt: In dem kleinen Ort Milet war eine Selbstmordepidemie unter jungen Frauen ausgebrochen. Als sich die Stadtoberen nicht mehr zu helfen wussten, erließen sie ein Dekret, wonach die Körper der Frauen, die Hand an sich legen, nackt auf dem Marktplatz ausgestellt würden. Diese Drohung beendete die Epidemie mit einem Schlag. 

Man sollte doch meinen, mit mir selbst sterbe auch die Scham, und das Beschämende, das nach meinem Tod womöglich geschieht, könne mich gar nicht mehr erreichen und mir folgerichtig auch gleichgültig sein. Doch die jungen Frauen von Milet beweisen eine Wirkung der Scham über den Tod hinaus.

Die Unverzichtbarkeit der Scham

Scham gehört zur Fähigkeit, sich von sich selbst zu distanzieren. Ohne diese Fähigkeit aber gäbe es keine Kultur und kein erfüllendes Zusammensein.

Die Scham hemmt und lähmt uns, zweifellos. Doch sie fördert uns auch. In ihr geht es immer um die eigene Grenze, um das eigene kleine und kleinliche Ich. Das Ich glüht in der Scham. Und wenn es glüht, besteht die Möglichkeit eines Schmelzprozesses, einer Transformation.

Nach einer über lange Zeit und mit wachen Sinnen durchstandenen Scham können wir glanzvoller, zumindest aber selbstbewusster dastehen als zuvor. Wenn wir die Scham nicht abwehren, wenn wir sie mit Bewusstsein erleiden.

Ein zu wenig oder zu viel an Scham erzeugt Schmerz. Die angemessene Dosis an Scham soll Schmerz verhindern helfen. Ohne Scham wären wir vermutlich nicht lebensfähig.

Indem die Scham unser Wirklichkeitskonzept, unser Bild von uns und von Anderen infrage stellt, ist sie im übrigen eine urphilosophische Bewegung.

Der Schamane der Scham oder Wie werde ich zum Exorzisten?

»Der Reiz der Erkenntnis wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre.«

Was Nietzsche zur Scham zu sagen hat, liest sich wie eine Umdeutung der Genesis, eine Gegen-Genesis sozusagen.

Im 'Zarathustra' muss Gott sterben, weil der sich schämende Mensch Gottes genauen und mitleidigen Blick nicht mehr erträgt. Bei diesem Gedanken darf man einen Moment verweilen, denn er hat eine Wucht, die uns zu Boden schlägt: Gott, der Zeuge, wird vom »hässlichsten Menschen« getötet, damit endlich die Scham erlischt. »Er musste sterben«, sagt sein Mörder: »Er sah des Menschen verhehlte Schmach und Hässlichkeit. Sein Mitleiden kannte keine Scham; er kroch in meine schmutzigsten Winkel. Er sah immer mich: an einem solchen Zeugen wollte ich Rache haben – oder selber nicht leben… Der Mensch erträgt es nicht, dass solch ein Zeuge lebt.«

Folgerichtig ist für Nietzsche das Siegel der erreichten Freiheit: »Sich nicht mehr von sich selber schämen.«

Und was ist ihm das Menschlichste?: »Jemandem Scham ersparen.«

Methoden der Schamabwehr

 

Nach Studien am eigenen Leib und an eigener Seele halte ich persönlich den Humor für die angemessenste und gesündeste Methode der Schamabwehr. Ich ziehe ihn dem Neid, der Verachtung und sogar dem Perfektionismus vor. Hier aber muss natürlich jeder einen eigenen Weg suchen und finden.

Ein Labyrinth in einem Quadrat

DER AUTOR

 

 

 

 

 

 

 

 

Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Wolfgang Denkel, geboren im Jahr 1958 im Rheinland, studierte Germanistik und Philosophie.

 

VERÖFFENTLICHUNGEN

Ja.Nein.Ja.

Roman, Droschl-Verlag, 2008
»Was glauben Sie, ist das Schönste von allem?" - "Das Schönste ist, dass das Schöne nicht zerstört werden kann. Egal, was auch geschieht, immer wieder entsteht das Schöne. Das ist das Schönste.«

Der scheue Leonard Kramer wird eines Tages aus seinen Gewohnheiten gestoßen: zum einen stirbt ein Fremder in seinen Armen, zum anderen weicht eine Frau im grünen Kleid nicht mehr von seiner Seite. Von diesem Moment an öffnet sich sein Leben, er wird zum Mittelpunkt einiger verwirrender und auch befreiender Ereignisse, pendelt zwischen Größenwahn und Nichtigkeit und wünscht sich ein Unglück und zugleich, dass endlich alles gut wird.

Eines geeigneten Tages

Erzählungen, Droschl-Verlag, 2010

»Ich wäre so gern ein bedeutender Mensch. Es würde das Leben erleichtern, indem es dessen Anstrengungen begründen könnte.«

Ein Maler, der an seinem erfolgreichsten und berühmtesten Werk verzweifelt und eine Frau, die sich beim Öffnen eines Marmeladenglases fragt, weshalb sie das Leben lieben sollte. Ein anderer Mann, der erkennt: »Es geschieht, weil ich es sehe«, und der daraufhin die Augen schließt, »um niemanden in Gefahr zu bringen.« Die Geschichten handeln von Träumen und ihren Unmöglichkeiten, von Liebe und Tod und vor allem von Worten als Körper, Ort und als einzige Wirklichkeit, nach der die Figuren auf der Suche sind. 

Herr Blau oder Ein guter Ort, um sich zu sehnen

Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, 2015

»Einmal sagte Herr Blau etwas. Und während er es sagte, ahnte er, dass es nicht verstanden würde.

Und er sagte es dann so, dass er selbst es nicht mehr verstand. Mehr konnte Herr Blau nun wirklich nicht tun.«

Ein aufgeschlagenes Buch