Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

Michelle Bauermeister
Wolfgang Denkel
Oktober 2018
    Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

    Das schwierige Bekenntnis

    Wie froh und geradezu dankbar ich inzwischen bin, wenn irgendein Entscheidungsträger seine Ratlosigkeit bekennt. Aber auch in der Philosophiegeschichte, der Zusammenkunft der hehren Geister, geht es im Grunde nur wenig ehrlicher zu.

    Überaus selten findet sich dort das Eingeständnis: Wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen. Hocken wir uns doch ein wenig zueinander und plaudern, damit wenigstens die Zeit vergeht.

     

    Das wohl bekannteste Unwissenheits-Eingeständnis stammt von Sokrates (»Ich weiß, dass ich nicht weiß«). Doch es ist nur eingeschränkt ernst zu nehmen, denn es diente auch dazu, Überlegenheit zu bekunden. Was ich nicht weiß, sagt Sokrates, glaube ich auch nicht zu wissen. In diesem Sinn sei er immerhin weiser als Andere.

    Ein ebenfalls berühmtes Unwissenheits-Eingeständnis stammt von Nikolaus von Kues. Er war überzeugt: Über Gott wissen wir nur, dass wir nichts über ihn wissen.

    Ja, Gott. Über ihn wagt man ja kaum noch zu sprechen, seit so viele Menschen unterwegs sind, die seinen Willen peinlich und tödlich genau kennen.

     

    Warum bloß fällt es den Menschen so schwer, ihre Ratlosigkeit einzugestehen?

    Das (vielleicht) modernste der uralten Themen

    In der Philosophie wird die Ratlosigkeit unter dem Begriff Aporie geführt. Das Wort entstammt dem Altgriechischen und setzt sich zusammen aus 'a' (im Sinne von 'nicht') und 'poros' (Weg) und bezeichnet also einen Nicht-Weg. Unter Aporie versteht man die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit, ein Problem, einen Widerspruch oder eine Unvereinbarkeit aufzulösen. Entweder gründet diese Unmöglichkeit in der Sache selbst oder in den Einschränkungen unserer Wahrnehmung, zum Beispiel in der Unangemessenheit verwendeter Begriffe.

    Ein altehrwürdiges Thema also, und inzwischen wieder eins der brennendsten. Denn die Ratlosigkeit ist auf dem besten Weg, eine Art Grundempfindung zu werden.

     

     

     

     

    Aporie [altgriechisch ἡ ἀπορία he aporía]

    - Weglosigkeit

     

     

    Eine Illusion

    Der Wert der Ratlosigkeit und der Trick des Scheins

    Bei Sokrates ermöglicht die Aporie das Erkennen des eigenen Nicht-Wissens. Es geht um die Austreibung von Scheinwissen. Ungeklärt bleibt allerdings die Frage, ob es sich nicht bei all unserem Wissen um Scheinwissen handelt.

    So vieles entzieht sich der Begreifbarkeit. Was aber, wenn wir gerade, wo wir den Eindruck von Gewissheit haben, am frechesten, nachhaltigsten getäuscht werden? Der Trick des Scheins ist ja eben, nicht als Schein erkennbar zu sein, sondern täuschend echt ein Sein zu simulieren.

    Der Schein also nicht mehr als ein hochbegabter Darsteller des Seins?! Warum nicht, könnte man sagen, wenn er seine Sache gut macht.

    Über die allgemeine Leistungsfähigkeit des Scheins wird unter geistig regsamen Menschen übrigens kaum gestritten.

     

     

    »Wollen heißt Widersprüche wecken.« 

    - Albert Camus

    Aporie als (durchaus erwünschter) Bestandteil des Daseins

    Aporien gehören zum Leben, zum Lieben und zum Sterben. Ihnen nicht entgehen zu können, ist fester Bestandteil des Menschenschicksals. Unser tägliches Bestreben, Aporien zu überwinden, beweist keineswegs, dass sie nicht sein sollen. Beides hat volle Berechtigung: die Aporie und unsere tätige, lösungsbemühte Auflehnung gegen sie. Es ist sogar zu vermuten, dass das, was sich dem Oberflächenblick als Gegnerschaft darstellt, im Grunde eine Zusammenarbeit ist.

    Die Unvereinbarkeit ist der Ursprung aller Bewegung, und wir arbeiten nur scheinbar gegen sie an. Und wir tun es nur mit solcher Kraft, weil wir fühlen, dass es uns niemals gelingen wird, sie aufzulösen. Im tiefsten Grunde sind wir Liebende von Unvereinbarkeiten, und werden von ihrer schmerzlichen und tragischen Dimension immer wieder neu überrascht.

    Der Mensch selbst als Aporie

     

    Der Mensch selbst als Aporie Zuweilen mag man staunen, wie viele Probleme man im eigenen Leben schon gelöst, wie viele schwierige Situationen man schon überstanden hat. Und – vielleicht noch verblüffender – mit wie vielen Unlösbarkeiten man zu leben gelernt hat. Eine gewisse Resilienz im Umgang mit Aporien und Unvereinbarkeiten scheint dem Menschen angeboren. Vielleicht, weil er vom Wesen her selbst eine Art Aporie und Unvereinbarkeit ist, eine nicht schließbare Wunde und ein Problemerzeuger von Rang. Vielleicht sogar ist die Unlösbarkeit seine ureigene Aufgabe, sein göttlicher (andere mögen sagen: teuflischer) Auftrag.

    Eine Holzfigur sitzt nachdenklich im Schneidersitz

    Der Mensch als Wirklichkeitsvereinfacher

    Der Aporie allein durch sogenannte Komplexitätsreduktion entgegenzutreten, ist auf Dauer ein nur eingeschränkt taugliches Mittel, und eher sogar selbst Ausdruck der Ratlosigkeit als ein Ausweg aus ihr.

    Obwohl es sich auch bei der Komplexitätsreduktion (ähnlich wie im Falle der der Aporie-Resilienz) um ein angeborenes oder sagen wir mitgebrachtes Programm zu handeln scheint. Unter dem Namen 'selektive Wahrnehmung' wird es seit längerem schon erforscht.

    In gewissen Sinn kann man jeden Menschen als eine einzigartige Weise der Komplexitätsreduktion, bezeichnen. Auf welch spezielle, nur ihm eigene Art jemand seine Umgebung schon während der Wahrnehmung vereinfacht, macht ihn geradezu aus. Kein zweiter Mensch auf Erden wird auf genau die gleiche Weise Tatsachen übersehen. So ist gewissermaßen jedermanns persönliche Ignoranz das ihn am stärksten Prägende und Konturierende.

    Ohne diese Fähigkeit zur Vereinfachung wäre zudem eine Verständigung mit anderen Wesen undenkbar.

    Ein Labyrinth in Form einer Spitze zeigt nach oben

    Intelligenz als einzige Überlebensmöglichkeit

     

    Intelligenz als einzige Überlebensmöglichkeit Eigentlich spricht ja die Nicht-Determinierbarkeit und Unberechenbarkeit sozialer und kultureller Systeme für den Menschen. Für seine Gestaltungskraft und seinen Gestaltungswillen. Doch sie bereitet auch Probleme, die immer höhere Ansprüche an eben dieses menschliche Gestaltungsvermögen stellen. Man kann sagen: Der Mensch muss ständig kreativer werden, um die Folgen seiner Kreativität auszugleichen und zu überleben. Man könnte aber auch eine andere Formulierung wählen: Er muss in immer höherer Geschwindigkeit intelligenter werden, um die Folgen seiner Dummheit zu überstehen. Und irgendwann wird die Geschwindigkeit seiner Intelligenzzunahme gegen die Dummheitsfolgen nicht mehr ankommen.

     

    Als wäre diese Aussicht nicht unerfreulich genug, herrscht nun zudem unter Intelligenzforschern strikte Uneinigkeit. Während die einen behaupten, wir seien in den letzten hundert Jahren stets intelligenter geworden, sind andere sicher, das Gegenteil sei der Fall, und unsere Intelligenz habe spürbar abgenommen.

    Auch Letzteres halte ich für durchaus möglich. Wie ein überalterter Mensch – dem Kleinkind ähnlich – eine Windel wieder benötigt, so könnte eine überlebte Menschheit sich früheren Lebensformen wieder annähern. Gottfried Benns Sehnsucht fällt einem ein, endlich wieder Urschlamm zu werden.

     

    Nun gut, wenn dann endlich Ruhe ist.  

    Ein Labyrinth in Form einer Spitze zeigt nach unten

    DER AUTOR

     

     

     

     

     

     

     

     

    Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Wolfgang Denkel, geboren im Jahr 1958 im Rheinland, studierte Germanistik und Philosophie.

     

    VERÖFFENTLICHUNGEN

    Ja.Nein.Ja.

    Roman, Droschl-Verlag, 2008
    »Was glauben Sie, ist das Schönste von allem?" - "Das Schönste ist, dass das Schöne nicht zerstört werden kann. Egal, was auch geschieht, immer wieder entsteht das Schöne. Das ist das Schönste.«

    Der scheue Leonard Kramer wird eines Tages aus seinen Gewohnheiten gestoßen: zum einen stirbt ein Fremder in seinen Armen, zum anderen weicht eine Frau im grünen Kleid nicht mehr von seiner Seite. Von diesem Moment an öffnet sich sein Leben, er wird zum Mittelpunkt einiger verwirrender und auch befreiender Ereignisse, pendelt zwischen Größenwahn und Nichtigkeit und wünscht sich ein Unglück und zugleich, dass endlich alles gut wird.

    Eines geeigneten Tages

    Erzählungen, Droschl-Verlag, 2010

    »Ich wäre so gern ein bedeutender Mensch. Es würde das Leben erleichtern, indem es dessen Anstrengungen begründen könnte.«

    Ein Maler, der an seinem erfolgreichsten und berühmtesten Werk verzweifelt und eine Frau, die sich beim Öffnen eines Marmeladenglases fragt, weshalb sie das Leben lieben sollte. Ein anderer Mann, der erkennt: »Es geschieht, weil ich es sehe«, und der daraufhin die Augen schließt, »um niemanden in Gefahr zu bringen.« Die Geschichten handeln von Träumen und ihren Unmöglichkeiten, von Liebe und Tod und vor allem von Worten als Körper, Ort und als einzige Wirklichkeit, nach der die Figuren auf der Suche sind. 

    Herr Blau oder Ein guter Ort, um sich zu sehnen

    Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, 2015

    »Einmal sagte Herr Blau etwas. Und während er es sagte, ahnte er, dass es nicht verstanden würde.

    Und er sagte es dann so, dass er selbst es nicht mehr verstand. Mehr konnte Herr Blau nun wirklich nicht tun.«

    Ein aufgeschlagenes Buch