Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

02.01.2018, MICHELLE BAUERMEISTER
Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

»Wir brauchen das Missverständnis, weil es uns ähnelt.«

Was eigentlich ist Verstehen?

Wir bringen Verstehen in der Regel mit Verstand in Verbindung, der Fähigkeit, zu denken und zu urteilen. Aber kann man nicht auch auf eine andere Weise verstehen?

In der 'Fröhlichen Wissenschaft' schreibt Nietzsche: »Der Mensch, wie jedes lebende Geschöpf, denkt immerfort, aber weiß es nicht; das bewusst werdende Denken ist nur der kleinste Teil davon, sagen wir: der oberflächlichste, der schlechteste Teil.«

Kann man nicht zum Beispiel auch mit dem und durch den Körper verstehen? Für Nietzsche ist »der Leib weiser als der Geist«, der Geist ist »die Zeichensprache des Leibes.« Und Merleau-Ponty sagt sogar: »Ich bin mein Leib.« Für ihn ist der Körper die Art, wie man die Welt (und sich in der Welt) erfährt.

Taten und Tatsachen

Man hat herausgefunden, dass die Zusammensetzung der Darmflora den Hirnstoffwechsel mitbestimmt. Das heißt, dass der Darm mitdenkt. Ein Lästermaul mag jetzt sagen: So hören sich die Gedanken der Meisten auch an. Aber ist das Hirn tatsächlich ein ehrenwerteres, redlicheres Organ als der Darm, und leistet es tatsächlich mehr? Der Darm verstoffwechselt, er verwandelt, und das Gleiche macht das Hirn. Das Hirn verwandelt Wirklichkeit in das Ich eines Hirnbesitzers, und das Ich eines Hirnbesitzers verwandelt das Hirn in Wirklichkeit.

Jeder von uns verwechselt andauernd seine eigene Wahrnehmung mit der Wirklichkeit. Das ist vielleicht das elementarste, das wirksamste aller Missverständnisse. Wir glauben, was wir hören und sehen, sind Tatsachen, doch es sind nur unsere eigenen Taten.

Eine Illustration von einem Raben

Verstehen und Sprache

Bestimmte Dinge hört man auf, zu verstehen, sobald sie benannt sind. Als kleiner Junge sah ich Kolkraben auf dem schneebedeckten Feld, jeden Tag, und ich wurde nicht müde, hinzuschauen. Dann hörte ich: »Das sind Raben.« Es klang wie: »Nur Raben.« Und durch den Begriff, den ich erfahren hatte, waren sie abgetan, ich brauchte nicht mehr hinzuschauen, es sind nur Raben.

Natürlich gab auch eine andere Wirkung der Sprache. 

Wie erleichtert ich als Kind mitunter war, das erlösende Wort zu hören für ein Geschehen, das ich nicht verstand, um es endlich bannen und beschwichtigen zu können.

Oft aber bannte, verselbstverständlichte und tilgte mir die Sprache etwas Schönes, das ich gern weiter bewundert hätte.

Die Meisten sprechen für die Meisten

Um dem Missverständnis zu entgehen, hat man - wie es scheint - die Parole ausgegeben: Einer für alle, alle für einen. Nur wenige sprechen für sich, die Meisten sprechen für die Meisten. Wozu aber so viele Münder für so wenige Meinungen? Sollte nicht jeder eine eigene haben?

Und dann? Wenn tatsächlich jeder eine eigene Meinung hat. Noch mehr Missverständnisse?

Vielleicht hat sich die Natur etwas dabei gedacht, dass die Mehrheit der Menschheit das Gleiche denkt?

Gibt es nicht genug Krieg schon in der Welt?

Aber ist nicht auch Krieg in der Welt, eben weil die Menschen das Gleiche denken? Zum Beispiel den Satz: „Schließlich habe ich recht.“ Dieser Satz ist ganz und gar kriegstauglich. Schon zwei Köpfe, in denen dieser Satz entsteht, genügen zum Beginn eines Krieges.

 

 

 

 

 

 

Definition [lat. definitio]

- Abgrenzung, Erläuterung, Beriffsbestimmung

 

 

Die andere nur bedingt taugliche

Missverständnis-Vermeidungsmethode

Strenge Vermeidung des Missverständnisses würde jedes Gespräch verhindern. Denn man müsste jeden Begriff definieren, bevor man ihn verwendet, um sicher zu gehen, dass alle das Gleiche darunter verstehen. Doch die Definition eines Begriffes enthält wieder Begriffe, die zunächst definiert werden müssten und immer so fort. Vor lauter Definition käme es zu keinem Gespräch. Man käme nicht vom Fleck, sondern würde nach hinten ständig sich rückversichern.

Missverständnis und Unvollkommenheit

Natürlich ist ein Missverständnis im Sinne eines idealen Verstehens eine Unvollkommenheit. Aber ist Unvollkommenheit nicht die eigentliche Ursache der Liebe? Wäre Liebe nötig, wenn Vollkommenheit herrschte? Wer die Liebe will, will die Unvollkommenheit, die es zu überwinden gilt und die auch nur durch Liebe überwunden werden kann. Jede andere Kraft ist zu gering. Wir wollen die Liebe, und wir wollen das Missverständnis, geben wir es ruhig zu. Wir sind unvollkommen und wollen Unvollkommenheit. Unvollkommenheit ist unser Erotikon, Missverständnisse sind unserer Aphrodisiakum.

Außerdem haben sie das Gute, uns Genauigkeit zu lehren.

Mitunter sogar bringen sie endlich die Wahrheit ans Licht und beenden die Lüge eines Einverständnisses.

Ja, manche Missverständnisse sind gar keine Missverständnisse, sondern Verständnisse.

Die Grundlage menschlichen Daseins

Missverständnis und Missdeutung sind in einem gewissen Sinn die Grundlage menschlichen Daseins. Wer nicht missdeutet, spielt nicht mit, er wird ausgestoßen. Der sogenannte Konsens ist eine Missdeutungs-Übereinstimmung: Wer auf eine ähnliche Weise falsch denkt wie ich, ist mein Freund, denn es ist freundlich, auf eine ähnliche Weise falsch zu denken wie ich. Wenn viele gleichzeitig das Falsche denken, entsteht ein Gemeinschaftsglück. Gemeinsam blöd zu sein, ist eine Art Gruppensex.

 

 

 

 

 

 

»Wir alle sind Missverständnisse.«

Ein Tunnel mit Lichtreflexionen

Ein offenes, um nicht zu sagen: ausfransendes Ende

Sprache ist unrein und wird es bleiben.

Wir sind unrein.

Reinheit bekommt uns nicht.

Wir brauchen das Missverständnis, weil es uns ähnelt.

Wir alle sind Missverständnisse. Und erzeugen täglich neue. Was für

Schlösser an Missverständnissen hat die Menschheit nicht schon errichtet.

Nach Lichtenberg ist Philosophie die Kunst, »neue Irrtümer zu erfinden.«

Wohlan, lasst uns auf diese Weise Künstler sein.

Verirrt Euch, um anzukommen.

Macht die Rechnung ohne den Wirt.

Zäumt das Pferd von hinten auf.

Kauft die Katze im Sack.

Macht den Bock zum Gärtner.

Verbrennt Euch die Zunge.

Werdet hanebüchen.

 

 

 

DER AUTOR

 

 

 

 

 

 

 

 

Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Wolfgang Denkel, geboren im Jahr 1958 im Rheinland, studierte Germanistik und Philosophie.

 

VERÖFFENTLICHUNGEN

Ja.Nein.Ja.

Roman, Droschl-Verlag, 2008
»Was glauben Sie, ist das Schönste von allem?" - "Das Schönste ist, dass das Schöne nicht zerstört werden kann. Egal, was auch geschieht, immer wieder entsteht das Schöne. Das ist das Schönste.«

Der scheue Leonard Kramer wird eines Tages aus seinen Gewohnheiten gestoßen: zum einen stirbt ein Fremder in seinen Armen, zum anderen weicht eine Frau im grünen Kleid nicht mehr von seiner Seite. Von diesem Moment an öffnet sich sein Leben, er wird zum Mittelpunkt einiger verwirrender und auch befreiender Ereignisse, pendelt zwischen Größenwahn und Nichtigkeit und wünscht sich ein Unglück und zugleich, dass endlich alles gut wird.

Eines geeigneten Tages

Erzählungen, Droschl-Verlag, 2010

»Ich wäre so gern ein bedeutender Mensch. Es würde das Leben erleichtern, indem es dessen Anstrengungen begründen könnte.«

Ein Maler, der an seinem erfolgreichsten und berühmtesten Werk verzweifelt und eine Frau, die sich beim Öffnen eines Marmeladenglases fragt, weshalb sie das Leben lieben sollte. Ein anderer Mann, der erkennt: »Es geschieht, weil ich es sehe«, und der daraufhin die Augen schließt, »um niemanden in Gefahr zu bringen.« Die Geschichten handeln von Träumen und ihren Unmöglichkeiten, von Liebe und Tod und vor allem von Worten als Körper, Ort und als einzige Wirklichkeit, nach der die Figuren auf der Suche sind. 

Herr Blau oder Ein guter Ort, um sich zu sehnen

Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, 2015

»Einmal sagte Herr Blau etwas. Und während er es sagte, ahnte er, dass es nicht verstanden würde.

Und er sagte es dann so, dass er selbst es nicht mehr verstand. Mehr konnte Herr Blau nun wirklich nicht tun.«

Ein aufgeschlagenes Buch