Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

31.07.2018, MICHELLE BAUERMEISTER
Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

»Die meisten Menschen sind Pausen in der Symphonie des Lebens.«

- Friedrich Nietzsche

Langeweile wird meist ohne Scham eingestanden, oft sogar im Ton des Vorwurfs. An der Langeweile ist die Umgebung oder sind Andere schuld. Die Wenigsten, die ihre Langeweile eingestehen, befürchten, dass dieses Eingeständnis auf sie zurückfällt und gegen sie wirkt. Dabei ist es keine besondere Tugend oder Fähigkeit, sich für ein an Details, Verwicklungen und vor allem auch Fragen ungeheuer reiches Dasein nicht interessieren zu können. Mir ist langweilig, heißt eigentlich: Ich bin (zumindest im Augenblick) zu blöde oder zu faul, die ungeheure Öffnung Welt wahrzunehmen. Das Funkelnde, Zeugende und Zaubernde. Meinetwegen auch die Wunde Welt, das ununterbrochen Verletzende und Tötende. Jedenfalls aber die unergründliche, nie erlöschende Möglichkeit und Kraft. Die Welt hört nicht auf zu zaubern, bloß weil mir langweilig ist. Nur ich höre auf. Das darf ich, aber ich sollte es der Welt nicht vorwerfen. Denn die will ja, dass weiter gezaubert wird, immer weiter gezaubert, egal von wem.

Alle, die zaubern, sind der Welt lieb.

Und jene, die nicht zaubern, sind der Welt gleichgültig.

»Die meisten Menschen«, sagt Nietzsche, »sind Pausen in der Symphonie des Lebens.«

 

Eine Ursache der Langeweile, und zwar eine entscheidende, ist die eingeschränkte menschliche Genussfähigkeit. Annehmlichkeiten werden rasend schnell zur Selbstverständlichkeit. Was gestern noch helle Freude bereitete, ist heut schon öde. Jeder kennt diesen finsteren Tausch: Gewohnheit gegen Genuss.

 

Die Langeweile trifft gerade die Klügeren an ihrer empfindlichsten Stelle, der Vorstellung, sie seien etwas Besonderes. Wie aber soll um eine Besonderheit, wie wir sie sein wollen, eine solche Ödnis entstehen?

Die Langeweile widerlegt unser Selbstbild und kränkt unsere Eitelkeit. Sie tut so, als ginge es doch nicht um uns.

In der Langeweile sind wir da, aber auch nicht da.

Eine Illustration von einer Sanduhr

Langeweile macht uns ortlos und liefert uns dadurch ganz und gar der Zeit aus. Wir erleiden die Zeit, ohne etwas gegen sie in der Hand zu haben. Langeweile ist Wehrlosigkeit gegen die Zeit. Es ist ein dumpfer Schmerz, die Augenblicke werden uns nicht eingebrannt, sondern wir werden mit ihnen vollgestopft. Langeweile verstopft uns, wir werden undurchlässig, und für das Neue, Förderliche unempfänglich. Und doch ist es - wie gesagt - noch da. Die Welt hört ja nicht auf zu funken und zu funkeln, nur wir spielen nicht mehr mit. Die Schöpfung ist frisch, wie eh und je, nur wir sind es nicht mehr.

Nicht erst zum Schluss, sondern seit wir erwachsen sind, breitet sich das Leichentuch über uns. Der Tod ist nicht die böse Überraschung, für den wir ihn halten wollen, sondern ein lebenslanger Vorgang. Er ist immer da, wenn wir die Schönheit und Leidenschaftlichkeit der Welt leugnen. Das tun wir in der Langeweile. In der Langeweile ist der Tod uns scheinbar näher als das Leben. Das macht die Langeweile unbehaglich.

Doch sobald wir uns ihr wirklich hingeben, wird sie wieder behaglich. Sie wird dann zu einer Geborgenheit, zu einer Heimat, sie gibt uns vielleicht sogar mehr zurück, als sie uns nahm.

Aber nur, wenn wir alle Versuche unterlassen, sie zu vertreiben. Dann wird sie freundlich, großzügig und warm. Und wir erkennen und erleben sie als Gegenteil des Schmerzes.

 

Langeweile ist auch ein Problem des Zueinander-Passens.

Selbst zwei Menschen, die auf ihre Weise gar nicht langweilig sind, können sich miteinander langweilen, und sobald sie sich voneinander verabschieden, beginnen sie wieder lebhaft zu werden. Der Vorwurf, jemand sei langweilig, beinhaltet immer auch ein Bekenntnis eigener Wünsche; im Grunde sogar die Idee, jemand Anderer sei auf der Welt, um mir die Langeweile zu vertreiben. Das aber ist niemandes Aufgabe.

Zwei illustrierte Hände greifen ineinander

Gibt es überhaupt etwas, dessen wir nicht überdrüssig werden können?

Der Arbeit können wir überdrüssig werden und des Nichtstuns, des Sprechens und des Schweigens, der Lüge, aber auch der Wahrheit, der Abstinenz, und sogar des Begehrens.

Wir werden einer jeden Tätigkeit oder Untätigkeit überdrüssig, wenn sie zu lange anhält, und eines jeden Menschen, wenn er zu lange in unserer Nähe ist. Sogar und vor allem unserer selbst werden wir überdrüssig und können uns doch nicht aus unserer Nähe verscheuchen. Gewiss die tiefste, die folgenreichste unserer Unmöglichkeiten. Wir werden uns selbst nicht los, und es gibt weit nach vorn fühlende Seelen, die behaupten, dass uns dies nicht einmal durch Selbsttötung gelingen könne.

Wir sind die ersten, mit deren Existenz wir uns abzufinden haben, sogar, wenn wir uns selbst für zutiefst verachtenswert und langweilig halten. An uns führt - zumindest für uns selbst - kein Weg vorbei. Oder, um mit Dante zu sprechen: Lasst alle Hoffnung fahren.

Im tiefsten Grund ist Langeweile die Unfähigkeit, sich selbst zu ertragen.

Deshalb auch läuft der Gelangweilte unter andere Leute, in der Hoffnung, dass sie es für ihn tun.

Aber niemand kann uns diese Aufgabe, diese mitunter schwere Bürde abnehmen, uns selbst zu ertragen.

Vielleicht ist diese Art Überdruss sogar ein eher universelles als ein ausschließlich menschliches Problem. Vielleicht kann alles, was existiert, seiner überdrüssig werden. Denn alles, was ist, muss lebenslang es selbst sein, mit sämtlichen Vor- und Nachteilen. Kann man unter diesen Umständen eine Ermüdung verargen?

Eine Illustration von George Bernard Shaw

 

 

 

Während George Bernard Shaw behauptet, selbst die Schönheit werde nach drei Tagen langweilig, geht Goethe sogar noch weiter:

Alles in der Welt lässt sich ertragen

nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.

Auch Schopenhauer hält unsere Fähigkeit zur Freude für äußerst begrenzt.

Vielleicht ist sie tatsächlich nicht viel größer als das Fassungsvermögen unseres Magens. Auch die wohlschmeckendste Mahlzeit ist nach spätestens einer halben Stunde beendet, meist aber nach sieben Minuten schon.

Würden wir weiter essen, schlüge der Genuss um in Schmerz.

Nach Schopenhauer sind die beiden bedeutendsten Feinde des menschlichen Glücks die Antipoden Schmerz und die Langeweile. Der anempfohlene Aufenthaltsbereich wäre demnach weit genug entfernt von beidem.

Mitte und Mäßigkeit, vielleicht sogar die Mittelmäßigkeit scheinen der uns angestammte Platz zu sein. Ein unserer Eitelkeit unzumutbarer Gedanke. Wie gern wären wir ein Äußerstes, etwas zum letzten Abenteuer Befähigtes. Und doch sind wir so schmerzerschrocken.

Und vor der Langeweile graut uns kaum weniger. Wir scheuen keinen Aufwand an Mitteln und Kräften, um ihr zu entgehen.

Aber eben auch die Mitte zwischen Schmerz und Langeweile ist den Menschen nicht wirklich behaglich, denn für die Meisten bedeutet sie tatsächlich Mittelmäßigkeit.

Auf der Flucht vor der Langeweile entsteht oft Schmerz.

Er wird - unwissentlich - gesucht. Wüsste man, dass man auf der Suche nach dem Schmerz ist, man würde die Suche vermutlich beenden. Man sucht, ohne es zu wissen, und findet, ohne gewünscht zu haben. Der Schmerz ist auch dann eine böse Überraschung, wenn wir ihn mit Hartnäckigkeit und Verführungskünsten herbeilockten und -zwangen. Wir fürchten den Schmerz und locken ihn, mitunter gleichzeitig, wir können das. Wir sind wahre Künstler der Schmerzerzeugung.

Ich weiß noch, wie in der Kindheit Langeweile die Not, das Unglück in meine Richtung lenkte. Oder als Jugendlicher, wenn ich zusammen stand mit anderen kraftvoll Unfertigen, und die Langeweile in Streitlust umschlug. Langeweile verschafft sich Luft, verschafft sich Not. Manchmal auch schläfert sie die Aufmerksamkeit so lange ein, bis wir etwas übersehen, überhören, und dann geschieht ein Missgeschick oder auch Schlimmeres, wieder sehr zu unserer Verblüffung.

Wie geheuchelt ist eigentlich dieses Erstaunen, wenn die Langeweile sich verwandelt? Kann man sie nicht die ganze Zeit über im Innern belauschen bei ihrer Arbeit? Und doch tun wir alle, als hätten wir - was ihr am Ende entspringt - nicht gewollt.

 

Geben wir es ruhig zu: Wir wollen gestört werden. Nicht ständig, aber hin und wieder. Wir dürfen dann erwachen, fluchen und so tun, als verabscheuten wir nichts mehr als die Störung. Das befreit. Und es zeigt uns, dass die Welt sich noch um uns kümmert und uns nicht links liegen lässt.

Wenn wir lange nicht gestört wurden, schaffen wir Umstände, die Störung zu ermöglichen, sie zu verwahrscheinlichen, sie einzuladen und anzulocken. Ohne Störung droht uns Mumifizierung.

Störenfriede sind Menschen, die es gut mit uns meinen, und sie sind großherzig genug, unseren Unmut auf sich zu nehmen oder sich unserem Zorn auszusetzen. Und unter den Störenfrieden gibt es sehr treue. Manche bleiben uns sogar lebenslang erhalten. 

Ein Mensch hält ein Telefon an das Ohr

Langeweile kann auch der Wunsch nach Unordnung sein. Wird diesem Wunsch nicht entsprochen, schlägt er leicht um in Gewalt. Gewalt ist die Herstellung von längerer Zeit verweigerter Unordnung.

In meiner Nachbarschaft gibt es ein Grundstück, auf dessen Rasen selbst im Herbst kaum je ein herabgefallenes Blättlein liegt. Obwohl es in der unmittelbaren Umgebung eine Reihe von Büschen und Bäumen gibt mit erheblichem Abwurf und die anderen Vorgärten voller Laub sind. Die Frau, die dort wohnt, muss stündlich oder halbstündlich vor die Tür treten und die frisch gefallenen Blätter beseitigen. Sie führt einen aussichtslosen Kampf gegen die Unordnung, die das Leben eben auch ist.

Gewalt kann natürlich auch die Folge sein von längerer Zeit verweigerter Ordnung. Aber das ist ein anderes Thema.

Langeweile reimt sich nicht nur auf Eile, sie kann auch aus ihr entstehen.

Wenn ich zu keinem Augenblick sagen mag: 'Verweile doch, du bist so schön’, dann wird mir zwangsläufig langweilig. Ohne Verbindung zum gerade Seienden und Werdenden, bin ich sozusagen ausgekuppelt, und, wie der Motor eines Kraftfahrzeugs, an Übertragung und Wirkung gehindert. Die Wirklichkeit besteht weiter, aber wir beide greifen nicht mehr ineinander. Die Wirklichkeit bewegt mich nicht mehr und ich bewege sie nicht. Die Wirklichkeit lässt mich ungenutzt und ich verzehre mich in Sehnsucht nach ihr, in dumpfer Gier.

Die dumpfe Gier ist in unseren Tagen zu einer Art Grundstimmung geworden. Sie will nicht arbeiten zur Erlösung, aber sie will auch nicht schlummern, sie will nicht scharfzähnig und reißend werden, aber auch nicht friedlich. Sie hält uns dazwischen, zwischen faulem Frieden und echtem Krieg.

Die dumpfe Gier macht uns unfähig, die Welt zu genießen, und gleichzeitig verstellt sie uns den Weg zu irgendeinem Gott, der erst im Schmerz und außerhalb der Dumpfheit zu leuchten begönne.

In der westlichen Welt ist die Langeweile inzwischen ein überragender Wirtschaftsfaktor und -antrieb geworden. Für kaum etwas gibt der moderne Mensch so viel Geld aus wie für die Vernichtung seiner Langeweile.

Und für Viele überraschend stellt sich heraus, dass das Vertreiben der Zeit ermüdender sein kann als die meisten anderen Tätigkeiten.

Sie zu nutzen, wäre einfacher. Vielleicht sogar weniger anstrengend, ganz sicher aber ergiebiger.

Die Zeit wehrt sich dagegen, vertrieben zu werden. Hingegen belohnt sie ihren Nutzer, indem sie zügig vergeht. Und das ist angenehm.

Dass ein großzügiges Verstreichen der Zeit (von speziellen Notlagen einmal abgesehen) als angenehm empfunden wird, könnte man durchaus als Einwand gegen das Leben auffassen. Als ginge es darum, es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

Und tatsächlich hat diese Fortbewegungsart sich in westlichen Kulturen zum allgemeinen Lebensstil gesteigert. Je schneller, um so besser. Als wisse keiner, wo wir alle ankommen. Angesichts des sicheren Todes könnte man doch auch denken: Je langsamer, umso besser, oder: Nicht dem Tod in die offenen Arme eilen. Innehalten, schauen und staunen, bevor wir wieder weg sind. Es wäre eigentlich eine gute Idee. Aber wie selten ertappt man andere oder sich dabei? Und wie häufig beim Eilen. Wir eilen uns zu Tode, nur um uns nicht zu Tode zu langweilen. Aber selbst das Eilen wird auf Dauer langweilig. Wir langweilen uns also eilend zu Tode. Zugegeben: In der Eile merkt man wenig, und eigentlich nicht einmal die Langeweile. Aber sie ist noch da, und man kann sie auch sehen, im Gesicht des Smartphon-Spielers, der sich mit jedem Knopfdruck einen Sekundenbruchteil weiter klickt auf dem Zeitstrahl seines Lebens.

Langeweile hat - wie gesagt - ihren Hauptgrund in eingeschränkter Genussfähigkeit. Sie kann uns aber auch helfen, unsere Genussfähigkeit zurückzugewinnen oder zu regenerieren.

Doch kann sie es nur, wenn wir sie nicht vertreiben wollen. Wenn wir sie vertreiben, tut sie nichts für uns, sie belässt es dann dabei, uns zu behelligen. Sich fruchtbar zu langweilen, gehört gewiss zu den vornehmsten Künsten und ist nicht jedermanns Sache. Aber gibt es etwas Langweiligeres als jedermanns Sache?

DER AUTOR

 

 

 

 

 

 

 

 

Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Wolfgang Denkel, geboren im Jahr 1958 im Rheinland, studierte Germanistik und Philosophie.

 

VERÖFFENTLICHUNGEN

Ja.Nein.Ja.

Roman, Droschl-Verlag, 2008
»Was glauben Sie, ist das Schönste von allem?" - "Das Schönste ist, dass das Schöne nicht zerstört werden kann. Egal, was auch geschieht, immer wieder entsteht das Schöne. Das ist das Schönste.«

Der scheue Leonard Kramer wird eines Tages aus seinen Gewohnheiten gestoßen: zum einen stirbt ein Fremder in seinen Armen, zum anderen weicht eine Frau im grünen Kleid nicht mehr von seiner Seite. Von diesem Moment an öffnet sich sein Leben, er wird zum Mittelpunkt einiger verwirrender und auch befreiender Ereignisse, pendelt zwischen Größenwahn und Nichtigkeit und wünscht sich ein Unglück und zugleich, dass endlich alles gut wird.

Eines geeigneten Tages

Erzählungen, Droschl-Verlag, 2010

»Ich wäre so gern ein bedeutender Mensch. Es würde das Leben erleichtern, indem es dessen Anstrengungen begründen könnte.«

Ein Maler, der an seinem erfolgreichsten und berühmtesten Werk verzweifelt und eine Frau, die sich beim Öffnen eines Marmeladenglases fragt, weshalb sie das Leben lieben sollte. Ein anderer Mann, der erkennt: »Es geschieht, weil ich es sehe«, und der daraufhin die Augen schließt, »um niemanden in Gefahr zu bringen.« Die Geschichten handeln von Träumen und ihren Unmöglichkeiten, von Liebe und Tod und vor allem von Worten als Körper, Ort und als einzige Wirklichkeit, nach der die Figuren auf der Suche sind. 

Herr Blau oder Ein guter Ort, um sich zu sehnen

Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, 2015

»Einmal sagte Herr Blau etwas. Und während er es sagte, ahnte er, dass es nicht verstanden würde.

Und er sagte es dann so, dass er selbst es nicht mehr verstand. Mehr konnte Herr Blau nun wirklich nicht tun.«

Ein aufgeschlagenes Buch