Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

KURATORIN: MICHELLE BAUERMEISTER
AUTOR: WOLFGANG DENKEL
Dezember 2018
Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

»Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Windmühlen und die anderen Mauern.«

- Chinesisches Sprichwort

Gott macht die Tiere, der Mensch macht sich selber 

sagt Lichtenberg. Während in früheren Zeiten eine transzendente Macht der Urheber aller Ideen war, ist es in der Moderne der Mensch selbst. Man kann dies deuten als Zeichen seines Größenwahns oder als endgültigen Durchbruch zu jenem hemmungslosen und auch rücksichtlosen Gestalter, den wir heute kennen. Den 'homo creator', der sein Wesen und Unwesen treibt.

Das Geschöpf will schöpfen. Und auf diese Weise sich ermächtigen, aber womöglich sogar eine Art Dank abstatten.

Gibt es eine Pflicht

zur Selbstgestaltung?

Für Nietzsche ist das eigene Leben ein Kunstwerk. Auch Foucault greift diesen Gedanken auf, und seit drei Jahrzehnten die wieder zu Ehren gekommene philosophische Lebenskunst.

Gibt es eine Pflicht zur Selbstgestaltung?

Diese Frage kann man (trotz einiger Gewissensnöte) nur mit einem unerbittlichen Ja beantworten. »Es gibt kein öderes und widrigeres Geschöpf in der Natur als den Menschen, der seinem Genius ausgewichen ist«, schreibt schon der junge Nietzsche. Das klingt streng, und ist auch so gemeint. Jaspers wird später (sanfter gestimmt) von der Möglichkeit sprechen, sich zu verfehlen.

Eine Hand hält einen Pinsel mit gelber Farbe

Freunde des schöpferischen Menschen

Der Kreative hat die Fähigkeit, sich mit dem Zufall zu befreunden. Er sucht die Zusammenarbeit mit der unbegrenzt einfallsreichen Natur, sowohl der äußeren, als auch seiner inneren. Er überlässt sich vertrauensvoll den Bereichen ober- und unterhalb seines Bewusstseins.

Kreativität ist ein Aufenthalt im Raum des Möglichen, ein Umtasten, Vermessen und Ermächtigen des Noch-nicht-Seienden.

Die Möglichkeit wird gewissermaßen zum Geisteszustand des Kreativen. Durch eine jede Verengung meidende, nicht bevorzugende Aufmerksamkeit verhindert er das Übersehen von Eigentlichem.

Die großen, entdeckenden Wissenschaftler verfahren hier ebenso wie die Künstler. Und in der Regel ist ihnen eine spezielle Art Demut zu eigen, die man ihnen auf den ersten Blick nicht anmerkt. Aus Hochmut könne man nicht Edles schaffen, bemerkt Tolstoi.

Picassos Sinnspruch: »Ich suche nicht, ich finde« erhält in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung, fern von aller Arroganz. Der Schöpfende findet, indem er nicht sucht. Denn die Suche selbst kann zu einem Hindernis werden.

Die Hauptfeinde des Kreativen

 

Erstens: Die Angst vor dem Versagen. Sie stellt alle anderen Feinde derart in den Schatten, dass man diese kaum noch erwähnen möchte. Was würde nicht alles getan auf Erden, wenn die Angst zu scheitern es nicht verhinderte. Was würde man selbst alles tun, wenn das Gelingen garantiert wäre. Das eigene, das Leben der Meisten wäre ein grundlegend anderes.

Zweitens: Das vorschnelle Urteil, die Verwerfung oder Zertrümmerung von gerade erst Entstehendem hebt jede Schöpfungslust auf, zuverlässig und nachhaltig.

Drittens: Auch der Perfektionismus, dieser vielleicht einzigen gesellschaftlich anerkannten und sogar geförderten Form der Scham und Selbstablehnung ist ein starkes Kreativitätshemmnis. Die Vermeidung des Perfekten gilt in der asiatischen Philosophie als Weisheitszeichen. Im Japanischen gibt es dafür den Ausdruck Fukinsei (不均斉)

Viertens: Eine zu starke Verzweckung der Kreativität. Bei kleinen Kindern ist die Aufmerksamkeit noch nicht verzweckt. Deshalb können Wege, die man mit ihnen zusammen geht, lang werden. Andauernd wird etwas entdeckt. Die Neugier ist so groß, so unwiderstehlich, dass sogar eigenes Ungemach rasch vergessen werden kann beim Anblick eines Neuen. Einer solch maximalen Aufmerksamkeit steht die ganze Welt noch offen, während die typische Aufmerksamkeit des Erwachsenen wunsch- und strebensblockiert scheint.

Fünftens: Ein Feind des Kreativen ist auch die unsinnige Kreativität, auf die Somerset Maugham hinweist. Am meisten Energie, sagt er, vergeude der Mensch mit der Lösung von Problemen die niemals auftreten werden.

Vor einer weiteren Art von Kraftvergeudung warnt Michelangelo: Die Mühe, die wir aufwendeten, unsere Fehler zu verbergen, würde ausreichen, sie uns abzugewöhnen.

Der mühsame Geistesblitz

Den entscheidenden Geistesblitzen geht mitunter jahrelanges Mühen und Bangen um ein wenig Helligkeit voraus. Ein tägliches, nicht endendes Zusammentragen von Licht und Lösung. Die Überhelle des Geistesblitzes besteht aus tausenden Stunden Kerzenlicht.

»Ein hohes Ziel und die Mittel dazu wollen« – so definiert Nietzsche das Genie. Ohne die Mittel, die sogenannten Sekundärtugenden (Ausdauer, Beharrungsvermögen und Fleiß) ist ein Genie undenkbar. Goethe geht so weit zu behaupten: Genie ist Fleiß.

Inspiration setzt eine Empfänglichkeit, eine Freifläche, einen Landeplatz voraus, wo sie sich niederlassen kann. Die Muse will verführt sein, sonst küsst sie nicht.

Und wodurch verführt man die Muse? – Durch ein Warten, dem man alles Erwarten entzieht.

Drei Glühbirnen hängen nebeneinander

»Life always gives us exactly the teacher we need at every moment.«

Das Geheimnis

Doch selbst wenn seitens der Umgebung und unserer Empfänglichkeit alles zum Besten geregelt scheint, ist ein Gelingen des Ersehnten keineswegs garantiert. Jeder Schöpfung bleibt eine geheimnisvolle, ihr selbst entstammende Dynamik eigen, etwas nur sehr bedingt Steuerbares.

Je erfahrener, souveräner und begabter ein Künstler ist, umso mehr wird er Widerstände, wird er Abweichungen von ursprünglichen Plänen und Absichten in das Entstehende zu integrieren verstehen. Der wahrhaft befreite Künstler arbeitet mit Allem zusammen, was sich ergibt. Er kennt keine Feinde mehr.

Genau dieses Verfahren ist auch jedem angeraten, der es in der Kunst des Lebens zu etwas bringen will: So wenig wie möglich als Feind zu betrachten. Oder, wie es die amerikanische

Zen-Meisterin Joko Beck formuliert: »Life always gives us exactly the teacher we need at every moment. This includes every mosquito, every misfortune, every red light. […] Every moment is the guru.«

Stufen der Kreativität

Die Illusionen, die wir uns machen, sind ohne Zweifel schöpferisch. Schöpferischer aber noch wäre, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind. Denn unser Eingreifen in die Weltläufe wird auf diese Weise um einiges passgenauer und segensreicher.

Um nicht missverstanden zu werden: Wir brauchen die Illusionen – wer schon käme ohne sie aus?! Aber wir sollten es uns in ihnen nicht allzu bequem machen, sonst behindern und zerstören sie unser Gestaltungsbedürfnis.

Im Umgang mit unseren Illusionen haben wir die tragfähigeren zu begünstigen, d.h. sie bevorzugt mit Energie zu versorgen, zulasten der weniger tragfähigen.

Persönliche Reifungsprozesse sind zu messen an der Leichtigkeit, mit der man nicht-tragfähige Illusionen aufgibt.

Ein Würfel

Kreatives Miteinander

Es wäre einfältig und ein wenig schal, Kreativität erst dort beginnen zu lassen, wo sie sich an einem Stein oder in einer Tonfolge manifestiert.

Die geglückte Verständigung mit dem eigenen Innern, mit den eigenen Dämonen, mag ein lautloser Vorgang sein. Doch er ist schöpferisch, vielleicht sogar der schöpferischste Vorgang überhaupt. Und irgendwann wird er auch im Äußeren Wirkung zeigen, wenn die eigentliche Gestaltungsleistung womöglich lange schon zurückliegt.

Empathie ist ein hochkreativer Akt. Es ist der Versuch, sich in einem fremden Betriebssystem wenigstens so gut auszukennen wie im eigenen, das einem ja auch immer ein wenig unbekannt bleibt.

»Dass die Beziehung mit anderen schöpferisch ist, schöpferisch sein muss, wenn sie Beziehung sein will, das hat fast niemand begriffen«, sagt Ludwig Hohl.

Ein kreatives Miteinander, das, was Joseph Beuys 'Soziale Plastik' nennt, bleibt vielleicht das stärkste und zugleich unerhörteste menschliche Streben.

Man selbst zu werden, und sich in einer derart errungenen oder gewonnenen Echtheit mit dem Echten der Anderen in Verbindung zu setzen. Ist eine höhere Kunst denkbar?


DER AUTOR

 

 

 

 

 

 

 

 

Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Wolfgang Denkel, geboren im Jahr 1958 im Rheinland, studierte Germanistik und Philosophie.

 

VERÖFFENTLICHUNGEN

Ja.Nein.Ja.

Roman, Droschl-Verlag, 2008
»Was glauben Sie, ist das Schönste von allem?" - "Das Schönste ist, dass das Schöne nicht zerstört werden kann. Egal, was auch geschieht, immer wieder entsteht das Schöne. Das ist das Schönste.«

Der scheue Leonard Kramer wird eines Tages aus seinen Gewohnheiten gestoßen: zum einen stirbt ein Fremder in seinen Armen, zum anderen weicht eine Frau im grünen Kleid nicht mehr von seiner Seite. Von diesem Moment an öffnet sich sein Leben, er wird zum Mittelpunkt einiger verwirrender und auch befreiender Ereignisse, pendelt zwischen Größenwahn und Nichtigkeit und wünscht sich ein Unglück und zugleich, dass endlich alles gut wird.

Eines geeigneten Tages

Erzählungen, Droschl-Verlag, 2010

»Ich wäre so gern ein bedeutender Mensch. Es würde das Leben erleichtern, indem es dessen Anstrengungen begründen könnte.«

Ein Maler, der an seinem erfolgreichsten und berühmtesten Werk verzweifelt und eine Frau, die sich beim Öffnen eines Marmeladenglases fragt, weshalb sie das Leben lieben sollte. Ein anderer Mann, der erkennt: »Es geschieht, weil ich es sehe«, und der daraufhin die Augen schließt, »um niemanden in Gefahr zu bringen.« Die Geschichten handeln von Träumen und ihren Unmöglichkeiten, von Liebe und Tod und vor allem von Worten als Körper, Ort und als einzige Wirklichkeit, nach der die Figuren auf der Suche sind. 

Herr Blau oder Ein guter Ort, um sich zu sehnen

Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, 2015

»Einmal sagte Herr Blau etwas. Und während er es sagte, ahnte er, dass es nicht verstanden würde.

Und er sagte es dann so, dass er selbst es nicht mehr verstand. Mehr konnte Herr Blau nun wirklich nicht tun.«

Ein aufgeschlagenes Buch