Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

01.02.2018, MICHELLE BAUERMEISTER
Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

Warum es ohne Humor nicht geht

Ein verbreitetes Bonmot von Albert Camus besagt, die Phantasie tröste die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.

Es stimmt: Allein schon unsere eigene Unzulänglichkeit macht den Humor unverzichtbar; sie vor allem.

Unzulänglichkeit ohne den sie ausgleichenden oder zumindest erleichternden Humor wäre eine unverzeihliche Grausamkeit der Götter.

Im Grunde entstammt aller echte Humor der Ratlosigkeit.

Die Tiefe der Not entscheidet über die nötige Höhe des Scherzes. Und aus der tiefsten Not befreit nur der kraftvollste, Abgrund und Dunkelheit nicht scheuende Scherz.

Die erleichterndsten Scherze sind jene, deren man am stärksten bedarf.

Bei all dem steht der Humor auf der Seite des Lebens. Durch ihn ertappt sich der Scherzende selbst. Er lacht über die eigene Dummheit; darüber, dass er etwas anderes hat erwarten können.

Die Welt, wie sie ist

 

Durch Humor unterzeichne ich die Welt, wie sie ist. Leiste etwas, das eigentlich nur ihr Schöpfer darf oder kann, und werde in diesem Akt selbst zum Schöpfer. Humor erhöht und autorisiert mich in einer Not oder Verlegenheit, der ich sonst ohnmächtig ausgeliefert wäre.

Humor lässt uns von einem Erleidenden zu einem Bewegenden werden. Er sorgt dafür, dass Leben weitergeht und wir den Anschluss nicht verlieren.

Im Lachen wird der Fluss wiederhergestellt, eine Stauung aufgehoben. Eine antithrombotische Methode, die Erneuerung eines Fließgleichgewichtes.

Humor schafft Übergänge. Er integriert eine Zumutung in unsere Wirklichkeit, und nimmt ihr auf diese Weise das Zumutungshafte.

Die Abwehrleistung, der Widerstand besteht gerade darin, anzunehmen. Das klingt widersinnig, ist es auch, und genau dadurch wird es zum wirksamen Heilmittel gegen den Widersinn der Welt.

Die wiedergewonnene Unendlichkeit

Humor ist im Grunde eine metaphysische Betätigung, er lässt uns für einen Moment unendlich werden. Im Humor sind wir eins mit dem uns angrimmenden Universum.

Erreicht wird dies im Wesentlichen durch die Anerkennung unserer Nichtigkeit, über eine Art Demut.

Humor spricht die Götter von ihrer unsererseits ihnen auferlegten Pflicht frei, für unser Wohlergehen zu sorgen. Er lässt unsere Anklage ruhen, dass sie zu wenig täten für unser Glück und für das der Welt.

Humor anerkennt unsere eigene Verantwortung für unser eigenes Schicksal. Er versucht, nicht Last zu übergeben, sondern sie in Energie zu verwandeln, in Fortfahrensenergie.

Und in der Anerkenntnis eigener Kleinheit findet der Humorist doch noch zur Größe.

»Der Grund des Lachens verweist zweifellos auf den Grund der Seele.«

 

 

 

Die scheinbare Höhe

Überaus angenehm am Humor ist, dass er alles scheinbar Hohe vom Sockel stößt. Deshalb kann Jean Paul ihn als das »umgekehrte Erhabene« bezeichnen. Humor zieht die Wirklichkeit und das Gewöhnliche dem Erhabenen, Andacht Erzwingenden vor und strahlt dadurch schon eine gewisse Lebensfreundlichkeit oder Lebensbejahung aus.

Sowohl der sogenannte subtile Humor als auch Slapstick und derbe Scherze leben und künden vom Sturz aus der scheinbaren Höhe.

Im Gegensatz zum Sarkasmus und Zynismus schwingt im Humor (wie peripher auch immer) eine Menschenliebe mit. Geifernder, hasserfüllter oder auch nur eifernder Humor ist undenkbar. Humor ist stets Zeichen einer Grundgelassenheit oder zumindest einer Gelassenheit des Augenblicks.

Eine Häuserfront aus der Froschperspektive
Eine Häuserfront aus der Froschperspektive auf Kopf

 

Nicht-humoristische Formen des Lachen

In seiner Erklärung des Lachens zeigt sich Hobbes tiefe Überzeugung, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Er sagt: »Die Leidenschaft des Lachens ist nichts anderes als ein plötzliches Hochgefühl, das entsteht, wenn wir unverhofft in uns selbst Überlegenheit gegenüber der Schwäche eines anderen [...] entdecken.«

Die neueste Forschung zum Thema stimmt ihm im Wesentlichen zu. Ein gewisser Anteil des Lachens, die sogenannte Schadenfreude, entsteht genau auf diese Weise.

Schopenhauer nennt die Schadenfreude das Hohngelächter der Hölle, Baudelaire das hämische Lachen satanisch. Und Nietzsche schreibt: »Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man.« Er gibt zu bedenken, Gewöhnung an die Ironie, ebenso wie die an Sarkasmus verderbe den Charakter, sie verleihe allmählich »die Eigenschaft einer schadenfrohen Überlegenheit«. Man sei zuletzt »einem bissigen Hund gleich, der noch das Lachen gelernt hat, außer dem Beißen.«

Der Grund des Lachens verweist zweifellos auf den Grund der Seele. Und wird so zum Verräter auch eines wenig feinfühligen Gemütes. Ein weithin dröhnendes Arschlochlachen kann in unangenehmste Vibration versetzen. Ganz zu schweigen von dem blutgefrierenden Gelächter der Grausamkeit.

Aber das hat mit Humor nicht das Geringste zu tun. Ebenso wenig wie das vorgetäuschte, das falsche Lachen. Oder auch das Lachen mit den Falschen.

»Die Fliege antwortet auf die Grenze einer Fensterscheibe mit beharrlichem Dagegenstoßen.«

 

 

Eine Fensterfront aus der Froschperspektive

 

Humor als Haltung

Echter Humor braucht im Grunde niemanden, schon gar nicht, um zu drangsalieren. Der starke Humor ist, wie schon Freud feststellt, genügsam und auf Bestätigungsgelächter nicht angewiesen.

Es ist überaus schwer, sich einen humorlosen weisen Menschen vorzustellen. Mir persönlich will es gar nicht gelingen.

Die Fliege antwortet auf die Grenze einer Fensterscheibe mit beharrlichem Dagegenstoßen. Und wir tun es auch, viel häufiger, als uns lieb ist. Die angemessenere, geschmeidigere Antwort auf eine Grenze jedoch wäre Humor.

Die angenehmste Art der Selbstaufhebung

Humor ist die Bereitschaft, sich selbst für einen Moment zu vergessen, es ist die Erleichterung, sich um das empfindsame, nach ständiger Erhöhung gierende Ich vorübergehend nicht kümmern zu müssen. Humor ist die angenehmste Art der Selbstaufhebung.

Ungeklärt muss bis auf weiteres die Frage bleiben, ob jemand, der vollkommen humorfrei ist, lieben kann? Ich bin mir nicht sicher, aber skeptisch. Wie soll das gelingen? Setzt Liebe nicht immer auch die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung voraus? Wenn ich niemals vor die Tür des eigenen Ichs trete, wie soll ich dann jemand Anderen lieben können?

Ist der Humor das Werk des Menschen oder der Mensch ein Werk des Humors?

Ich bin versucht, zu behaupten: beides.

Schopenhauer glaubt, die Natur habe sich im Menschen ein Licht aufgesteckt, und Ernst Penzoldt schreibt, dass sich die Welt im Humor selbst durchschaue. Für ihn ist Humor ein vom Menschen unabhängiges Elementargesetz.

Und als solches habe ich ihn durchaus schon erlebt. Die Welt ist eben nicht nur zutiefst absurd und grotesk, sondern ebenso tief auch humoristisch angelegt.

Welt und Hose

In der von Salcia Landmann zusammengestellten und kommentierten Sammlung jüdischer Witze finden wir unter der Rubrik 'Philosophie und Wissenschaft' den folgenden:

Frei nach Schopenhauer.

Ein Ingenieur kommt in ein galizisches Städtchen. Er bestellt dort bei dem jüdischen Schneider eine Hose. Die Hose wird nicht rechtzeitig geliefert, und der Ingenieur fährt wieder weg. Sieben Jahre später ist er wieder dort. Da bringt ihm der Schneider die fertige Hose. Der Ingenieur wundert sich. »Der liebe Gott hat die ganze Welt in sieben Tagen fertiggestellt und Ihr braucht für Eure Hose sieben Jahre
Der Schneider, zärtlich über die Hose streichelnd:
»Ja, aber seht Euch an die Welt, und seht Euch an die Hose!«

DER AUTOR

 

 

 

 

 

 

 

 

Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Wolfgang Denkel, geboren im Jahr 1958 im Rheinland, studierte Germanistik und Philosophie.

 

VERÖFFENTLICHUNGEN

Ja.Nein.Ja.

Roman, Droschl-Verlag, 2008
»Was glauben Sie, ist das Schönste von allem?" - "Das Schönste ist, dass das Schöne nicht zerstört werden kann. Egal, was auch geschieht, immer wieder entsteht das Schöne. Das ist das Schönste.«

Der scheue Leonard Kramer wird eines Tages aus seinen Gewohnheiten gestoßen: zum einen stirbt ein Fremder in seinen Armen, zum anderen weicht eine Frau im grünen Kleid nicht mehr von seiner Seite. Von diesem Moment an öffnet sich sein Leben, er wird zum Mittelpunkt einiger verwirrender und auch befreiender Ereignisse, pendelt zwischen Größenwahn und Nichtigkeit und wünscht sich ein Unglück und zugleich, dass endlich alles gut wird.

Eines geeigneten Tages

Erzählungen, Droschl-Verlag, 2010

»Ich wäre so gern ein bedeutender Mensch. Es würde das Leben erleichtern, indem es dessen Anstrengungen begründen könnte.«

Ein Maler, der an seinem erfolgreichsten und berühmtesten Werk verzweifelt und eine Frau, die sich beim Öffnen eines Marmeladenglases fragt, weshalb sie das Leben lieben sollte. Ein anderer Mann, der erkennt: »Es geschieht, weil ich es sehe«, und der daraufhin die Augen schließt, »um niemanden in Gefahr zu bringen.« Die Geschichten handeln von Träumen und ihren Unmöglichkeiten, von Liebe und Tod und vor allem von Worten als Körper, Ort und als einzige Wirklichkeit, nach der die Figuren auf der Suche sind. 

Herr Blau oder Ein guter Ort, um sich zu sehnen

Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, 2015

»Einmal sagte Herr Blau etwas. Und während er es sagte, ahnte er, dass es nicht verstanden würde.

Und er sagte es dann so, dass er selbst es nicht mehr verstand. Mehr konnte Herr Blau nun wirklich nicht tun.«

Ein aufgeschlagenes Buch