Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

27.04.2018, MICHELLE BAUERMEISTER
Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

»Religion als Wahnsinn ist Wahnsinn aus Irreligiosität«

- Ludwig Wittgenstein

Ich glaube, weil ich nicht begreife,

sagt Augustinus. Die Unvollkommenheit unseres Verstehens legt den Glauben nahe, erfordert ihn geradezu. Es muss noch etwas anderes geben als das, was ich verstehe. Denn dieses allein ist zu wenig und erklärt so Vieles nicht.

Nach Anselm von Canterbury glauben wir nicht nur, weil wir nicht verstehen, sondern sogar, um zu verstehen.

Unsere Seele will eine Verbindung zu dem uns Unverständlichen. Deshalb sagt Meister Eckart:

»Wohin die Seele mit all ihren Sinnen und Kräften nicht zu reichen vermag, dorthin trägt sie der Glaube.«

Glaube dient der Beglaubigung. Er verkörpert unsere Sehnsucht nach dem Echten. Doch hier nun entsteht eine Schwierigkeit. Was an meinem Glauben ist echt und was nicht, welche Art von Glaube ist wirklich Glaube und welche eher Aberglaube?

Thomas Hobbes behauptet, zwischen Religion und Aberglaube entscheide nur der Grad der Zulassung, d.h. die Vereinbarung, etwas als Religion zu autorisieren. Religion wäre hier nicht mehr als ein rituell willkürlicher Akt.

Aber auch der philosophisch und in Gottesfragen ganz anders gestimmte Pascal ist überzeugt, dass viele Menschen nur aus Aberglauben glauben.

Glaube und Aberglaube

Die Aufgabe der Religion sei es, so Leibniz, die Grundsätze der Sittlichkeit »tief in die Seele einzudrücken.«

Und dazu gehört – wie wir gerade heutzutage wieder deutlich spüren – in erster Linie Duldsamkeit. Religion darf nicht eifern und nicht geifern. Denn wie sagt Voltaire: »Nur eine Religion, die alle anderen duldet und so deren Wohlwollens würdig ist, kann aus der Menschheit ein Volk von Brüdern machen.«

Je weniger Aberglaube, desto weniger Fanatismus, ist Voltaire überzeugt, und je weniger Fanatismus, desto weniger Unheil.

Nun ist der Unterschied zwischen Glaube und Aberglaube nicht so deutlich und eindeutig, wie wir uns das vielleicht wünschen.

Die alten Germanen glaubten an Bäume. Bäume waren ihnen heilig. Wir Heutigen empfinden das vielleicht als Aberglauben. Aber unsere moderne Welt krankt sehr daran, dass wir Bäume und die Natur insgesamt zu wenig heilig halten.

'Macht euch die Erde untertan' – ist das nicht auch ein Aberglaube, an dessen Resultaten die Schöpfung inzwischen verzweifelt? Ein Aberglaube, mit dem der Mensch schweren Schaden zufügt, nicht nur der Natur, sondern vor allem auch sich selbst, seiner eigenen Seele.

Rousseau bemerkt sehr richtig, dass jede falsche Religion mit der Natur in Konflikt steht. 'Macht euch die Erde untertan' ist ein Irrweg, ein Aberglaube in einem ansonsten ernst zu nehmenden Glaubensgebilde.

Vielleicht muss es in jeder Religion solche Partikel des Aberglaubens geben. Vielleicht sind sie sogar ein Versuch, den Menschen zu erreichen, denn für Aberglauben ist er erreichbar, und das wahrhaft Hohe ist ihm nicht immer verständlich.

Gibt es ein Kriterium für die Echtheit des Religiösen?

 

 

Eine Illustration von einem Frauengesicht

 

Simone Weil sagt Ja. Eine religiöse Grundstimmung sei echt, wenn sie ihrer Richtung nach universell ist. Will heißen, wahrer Glaube verliert alles Enge, alles Ausschließende, jedes Gegeneinander-Stehen. Ein Glaube, der nur sich selbst für Glauben halten kann, ist eine Doktrin und d.h. er ist nicht echt.

Es gibt sehr eindrucksvolle Schilderungen von Erleuchtungserlebnissen. Sie laufen beinahe alle auf eine Allverbundenheit hinaus, darauf, dass die Grenzen schwinden. Die Sufis nennen es das Einswerden mit dem Geliebten. Aber auch in der deutschen Mystik (Meister Eckardt/Jakob Böhme) kommen ganz ähnliche Formulierungen vor. Echte Religiosität ist immer weitend, nie verengend, daran kann man sie erkennen.

Echte Religiosität zeigt uns im Schwinden der Grenzen erst die Wirklichkeit. Denn in ihr ist alles miteinander verbunden. In diesem Sinn kann Simone Weil mit Recht sagen: »Der Glaube ist realistischer als Realpolitik.«

Wort oder Tat?

Rousseau ist überzeugt, dass man Religion nicht kennen lernen könne ausschließlich aus Büchern, sondern nur aus dem Verkehr mit den sie Praktizierenden.

Die Tat hat Vorrang vor dem Wort und hat ihm zu folgen, durch Haltung muss das Gepredigte beglaubigt sein. Eine Forderung schon der frühen griechischen, aber auch der asiatischen Philosophie. Wasser predigen und Wein trinken gilt nicht. 'Pfäffisch' nennt man solches Verhalten im Deutschen, und dieses Wort zeigt, wie gefährdet Religion, Religionsvermittler und Religionsführer sind in Bezug auf die Heuchelei.

Eine andere Gefahr ist der Hochmut. Denn auch im Bereich des Glaubens bleibt die menschliche Neigung zur Überhebung und zur Bemächtigung. Der vermeintlich Gläubige kann sich dem vermeintlich Ungläubigen überlegen fühlen.

Ein wirklich, ein auf echte Weise Gläubiger wird das aber nicht tun. Ein wirklich Gläubiger neigt zur Dankbarkeit und wird nicht von Überlegenheitsgefühlen bestimmt. Es gilt, der menschlichen Schwächen gewahr zu bleiben. Auch und gerade um den Glauben herum können jene Verführungen entstehen, die der Glaube eigentlich abbauen helfen soll: Macht, Intrige, Ausschluss bestimmter Personen, Festlegung, wer sich wo zugehörig fühlen darf.

»Wo Vorteil ist, da ist auch Frömmigkeit«, sagt Epiktet.

Es geht um die ganz praktischen Vorzüge, wenn man einer Ritualgemeinschaft angehört. Aber die zu genießen und zu nutzen, ist noch nicht Glaube. Glaube ist die Arbeit an mir und am eigenen Gott, durch alle Zweifel hindurch. Ja, Glauben ist zugleich Gnade und harte, beständige Arbeit, vor allem im Sinn einer Selbstprüfung.

Zugehörigkeit

Rousseau bemerkt trocken, der Glaube Vieler sei eine Sache der Geographie, und er sehe keinen Verdienst darin, in Rom statt in Mekka geboren zu sein.

Tatsächlich scheint die Mehrheit der Menschen dafür geschaffen, unter gleich welchen Riten und Werten aufzuwachsen. Die Mehrheit ist stets und schnell bereit zur Zugehörigkeit. Selbst wenn es – wie zum Beispiel im Nationalsozialismus – barbarisch zugeht. Die Selbstdenker, die Widerständler sind in der Regel eine Minderheit. Die meisten sind Mittuer oder zumindest Dulder. Gläubig zu sein ist keineswegs der Nachweis eines höheren Menschentums; es kann – je nach Halb- oder Viertel-Herzigkeit des Glaubens – im Gegenteil ein Indiz sein für Phlegma und Leidenschaftslosigkeit. Ein starker Glaube geht durch starke Zweifel auch. Und gerade deshalb stattet er mit Duldsamkeit aus. Auch Andersgläubigen oder Ungläubigen gegenüber.

Kant sagt, dass die so genannten Religionsstreitigkeiten, welche die Welt »so oft erschüttert und mit Blut bespritzt haben«, nie etwas anderes gewesen seien als »Zänkereien um den Kirchenglauben.«

Kant ist überzeugt, dass eine Religion, die den Menschen finster macht, falsch sei; denn der Mensch müsse Gott mit frohem Herzen und nicht aus Zwang dienen.

Betende Hände

 

 

Es menschelt, oder: Was ist heilig?

Für Ludwig Feuerbach ist Religion etwas rein Menschliches: Der Mensch sei der Anfang der Religion und das Ende.

Ohne Mensch keine Religion. Sie ist durch ihn und für ihn. Also gewissermaßen auch nicht größer als er oder tiefer.

Den Unterschied zur Philosophie kennzeichnet Feuerbach so: Der Religion sei nur das Heilige wahr, der Philosophie hingegen nur das Wahre heilig.

Hier klingt an, was bei vielen modernen Philosophen beklagt wird: die geistige Freiheitseinschränkung durch Religion. Tatsächlich auch ist über Jahrhunderte durch die Inquisition ein freies Sich-Äußern und Miteinander-Verständigen gefährlich gewesen. (Und zunehmend wird es das wieder.)

Über diesen verdunkelnden Aspekt des Glaubens empören sich besonders nachdrücklich Schopenhauer und Nietzsche. Für Nietzsche ist der Glaube sogar das Haupthindernis des Menschen. Er sagt, zwar habe der Glaube bisher noch keine Berge versetzen können; aber er vermöge Berge dorthin zu setzen, wo keine sind.

Auch zweifelt Nietzsche, dass in unserem Gewissen die Stimme Gottes spricht: Der Glaube an Autoritäten, sagt er, sei die Quelle des Gewissens: »Es ist also nicht die Stimme Gottes in der Brust des Menschen, sondern die Stimme einiger Menschen im Menschen.«

Recht hat er gewiss insoweit, als die Stimmen in uns nicht leicht nach ihrer Herkunft zu unterscheiden sind. Ist es meine eigene innere Stimme, die da spricht, oder die Stimme von mich beeinflussenden Anderen oder gar die Stimme Gottes?

Anstrengender und bequemer Glaube

Auffällig ist die Übereinstimmung, die zwischen den Zehn Geboten und den moralischen Forderungen der allermeisten Philosophen herrscht.

Die einzig konsequente Ausnahme stellt hier Nietzsche dar, und in Frankreich noch de Sade, den man aber vielleicht nicht unter die Philosophen rechnen muss.

Bei dem konsequentesten aller Atheisten, Arthur Schopenhauer, gibt es eine bemerkenswerte Formulierung: »Bei keiner Sache hat man so sehr Kern und Sache zu unterscheiden, wie beim Christentum. Eben weil ich den Kern liebe, zerbreche ich zuweilen die Schale.«

Aus Liebe zum Kern, zum Wesen der Sache, kann er sich nicht mit der Schale, dem Äußeren des Christentums begnügen. Er meint es zu ernst, um sich und sein Anliegen dem konventionalisierten Glauben einer Kirche und ihren Funktionären anzuvertrauen. Tatsächlich geht es ums Ernst-Meinen. Damit haben es die Philosophen ebenso wie die Heiligen. Sie verachten alles Laue.

Für Feuerbach gehört kein Mut, kein Charakter, keine Anstrengung, kein Opfer dazu, Christ zu sein. Christentum und weltlicher Vorteil seien identisch.

Das sehen Augustinus, Thomas von Aquin, Kierkegaard und Simone Weil völlig anders. Ein wahrhaftig Gläubiger zu sein, ein den Geist des Christentums Lebender, ist für sie die höchste, aber auch lohnendste Anstrengung.

Für Kierkegaard ist Christ zu sein das genaue Gegenteil von Bequemlichkeit: »Wo ein Christ werden soll, muss Unruhe sein; und wo einer Christ geworden ist, wird Unruhe.« Karl Rahner betont, die Bergpredigt verstehen könne nur ein Mensch, der den Mut habe, sich selbst radikal infrage zu stellen – »sich selbst, nicht die anderen, nicht nur dies und das an sich selbst.«

Wahrhaftiges Christentum ist also eine Mutprobe, während phlegmatisches Mitläufer- und Bequemlichkeitschristentum Ausdruck von Opportunismus und Feigheit ist.

Beides befindet sich unter einem Kirchendach. Dort sitzen auf derselben Bank der Ernstmeinende und der eigentlich Gleichgültige nebeneinander. Aber auch das hat etwas Versöhnendes.

 

Beweisen

 

oder

 

lieben?

 

 

Während es unter den männlichen Denkern des Christentums eine Neigung gibt, Gott zu beweisen und den Glauben zu verwissenschaftlichen, gehen die Philosophinnen einen anderen Weg. Sie reden offen von Empfindungen, auch in Glaubensfragen.

Theresa von Avila sagt klipp und klar, es gehe auf dem geistigen Weg nicht darum, viel zu denken, sondern viel zu lieben.

Oder eine der schönsten Formulierungen von Simone Weil: »Der Glaube ist die Erfahrung, dass der Verstand durch die Liebe erleuchtet wird.«
Ja, was uns eigentlich erleuchtet, ist die Liebe.

Nicht stundenlange Meditationspraxis, oder häufiges Beten, auch nicht das Studieren heiliger Texte. Das alles kann uns dienlich sein auf unserem Weg. Was uns aber erleuchtet, ist die Liebe.

Edith Stein ist überzeugt, das sicherste Zeichen für das Vorhandensein der Gottesliebe sei die deutlich erkennbare Nächstenliebe.

Doch schon für Thomas von Aquin war die Liebe das Maß religiöser Vollkommenheit. »Wer keine Liebe hat, ist ein religiöses Nichts.« Es sei zum Heil notwendig, die Liebe zu haben. Keineswegs aber sei es notwendig zu wissen, dass man die Liebe habe. Es nicht zu wissen, sei sogar meistens besser.

DER AUTOR

 

 

 

 

 

 

 

 

Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Wolfgang Denkel, geboren im Jahr 1958 im Rheinland, studierte Germanistik und Philosophie.

 

VERÖFFENTLICHUNGEN

Ja.Nein.Ja.

Roman, Droschl-Verlag, 2008
»Was glauben Sie, ist das Schönste von allem?" - "Das Schönste ist, dass das Schöne nicht zerstört werden kann. Egal, was auch geschieht, immer wieder entsteht das Schöne. Das ist das Schönste.«

Der scheue Leonard Kramer wird eines Tages aus seinen Gewohnheiten gestoßen: zum einen stirbt ein Fremder in seinen Armen, zum anderen weicht eine Frau im grünen Kleid nicht mehr von seiner Seite. Von diesem Moment an öffnet sich sein Leben, er wird zum Mittelpunkt einiger verwirrender und auch befreiender Ereignisse, pendelt zwischen Größenwahn und Nichtigkeit und wünscht sich ein Unglück und zugleich, dass endlich alles gut wird.

Eines geeigneten Tages

Erzählungen, Droschl-Verlag, 2010

»Ich wäre so gern ein bedeutender Mensch. Es würde das Leben erleichtern, indem es dessen Anstrengungen begründen könnte.«

Ein Maler, der an seinem erfolgreichsten und berühmtesten Werk verzweifelt und eine Frau, die sich beim Öffnen eines Marmeladenglases fragt, weshalb sie das Leben lieben sollte. Ein anderer Mann, der erkennt: »Es geschieht, weil ich es sehe«, und der daraufhin die Augen schließt, »um niemanden in Gefahr zu bringen.« Die Geschichten handeln von Träumen und ihren Unmöglichkeiten, von Liebe und Tod und vor allem von Worten als Körper, Ort und als einzige Wirklichkeit, nach der die Figuren auf der Suche sind. 

Herr Blau oder Ein guter Ort, um sich zu sehnen

Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, 2015

»Einmal sagte Herr Blau etwas. Und während er es sagte, ahnte er, dass es nicht verstanden würde.

Und er sagte es dann so, dass er selbst es nicht mehr verstand. Mehr konnte Herr Blau nun wirklich nicht tun.«

Ein aufgeschlagenes Buch