Das TIDE Online Magazin (TOM) ist die neue crossmediale Plattform des Hamburger Community- und Ausbildungssenders. Mit TOM erweitern wir unsere bisherige Ausbildung im Fernseh- und Radiobereich um crossmediale journalistische Darstellungsformen. Hier erzählen unsere Redakteure, Volontäre und Azubis ihre Geschichten. Gelegentlich gewinnen wir auch Hamburger Künstler*innen oder Bürgerproduzent*innen dafür, ihre Werke auf TOM zu veröffentlichen und unsere Plattform damit zu bereichern.

29.06.2018, MICHELLE BAUERMEISTER
Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

»Ohne Gerechtigkeit keine Freiheit.«

 

Beginnen wir mit einer Unvereinbarkeit 

Weder die Natur scheint Gerechtigkeit zu brauchen, noch die Götter. Nur der Mensch. Doch dessen Begabung zur Gerechtigkeit ist unvollkommen. Gewiss: Gerechtigkeit ist ihm ein Bedürfnis, das wie andere Bedürfnisse befriedigt sein möchte. Zugleich aber will jeder Einzelne bevorzugt werden, ob vom Schicksal, einer Prüfungskommission oder einer Personalabteilung. Es erzeugt ein Lustgefühl, anderen voraus zu sein, sie zu überragen, hervorzustechen. Jeder sportliche Wettkampf und das Interesse der Zuschauer basiert auf dieser Lust.

Diese Doppelempfindung des Menschen verhindert zwar auf der einen Seite das gleichgültige Zulassen fortwährender Ungerechtigkeit, auf der anderen jedoch genauso zuverlässig endgültige oder auch nur dauerhafte Gerechtigkeit. Anders formuliert: Durch diese Unvereinbarkeit unserer Bestrebungen scheinen wir zu beidem nicht wahrhaft bestimmt: Weder zur Ungerechtigkeit, noch zur Gerechtigkeit.

Gleich noch eine Unvereinbarkeit, ebenso waschecht, kratzfest und unverwüstlich.

Ohne Gerechtigkeit keine Freiheit. Aber Freiheit selbst wiederum ist ein Gefährder der Gerechtigkeit. Freiheit will Freiheit und nicht eigentlich Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit ist der Freiheit außer als Ermöglicher ihrer selbst herzlich gleichgültig. Freiheit will fliegen und die Welt von oben anschauen. Sie will kein Bestandteil sein, sondern der Gipfel der Möglichkeiten.

Und eine dritte...

nein, nicht gerade Unvereinbarkeit, immerhin aber schwierige Vereinbarkeit.

In der Menschheitsgeschichte hat die Gerechtigkeit selten auf der Seite der Macht gestanden und die Macht selten auf der Seite der Gerechtigkeit. Historische Glückszustände von vorübergehender Dauer. Und oft ging dem eine Phase der Barbarei voraus.

In einem gewissen Sinn kann man sogar sagen, dass die Ratlosigkeit, das Stutzen über die menschliche Unzulänglichkeit und Grausamkeit der Entwicklung von Gerechtigkeitsstrukturen förderlich ist. Um das nach der Hölle des Nationalsozialismus entstandene Grundgesetz wird Deutschland von vielen Nationen der Erde beneidet.

Gerechtigkeit ohne wirkende, sie durchsetzende Macht ist unmöglich. Die notwendige Nachbarschaft zur Macht bewirkt aber eine Anfälligkeit der Gerechtigkeit. Macht auszuüben ist in der Regel mit Überlegenheits- und Genussempfindungen verbunden. Die aber sind der Gerechtigkeit unbekömmlich. Die meisten von uns haben in ihrem privaten Umfeld oder auch an sich selbst schon eine Verwandlung von Gerechtigkeit in Selbstgerechtigkeit erlebt. Gerechtigkeit hat eine Kippneigung ins Willkürliche.

Für Mächtige ist Gerechtigkeit ein Affront, eine Zumutung. Natur und Schicksal stehen auf ihrer Seite, und nun kommen die Vernachlässiger ihrer selbst, die Energiearmen und Mindereifrigen, und fordern Gerechtigkeit ein. Das, was ihnen fehlt, an Kraft, Fleiß und Fortune, wollen sie von anderen, und zwar kostenfrei und nur auf der Basis ihrer eigenen Ohnmacht.

Hinweg mit dem Fußvolk der Ohnmächtigen. Wie aber kann man ihre Ansprüche abwehren unter möglichst geringfügiger Kränkung? Damit die Empörung ausbleibt, aus der im ungünstigen Fall eine Rebellion werden könnte. Wie kann man sie abspeisen, die gierigen Armen.

Nur denen, die gänzlich ohne Mittel sind, ist Gerechtigkeit leicht vorzuenthalten. Weil ihnen die Macht fehlt, sie einzuklagen. Und weil sie mit dem lebensrettenden Wenigen sich zufrieden zu geben bereit sind.

Erhöht man also die Not, umso leichter lassen sich die noch bekundungsfähigen Bedürfnisse befriedigen. Irgendwann darf man mit einer gewissen Apathie der Bedürftigen vielleicht sogar rechnen. So dass es beim Begehren bleibt und kein Aufbegehren daraus wird. Soweit die Hoffnung der Mächtigen.

Was steht wem zu?

Seit Platon kennt man die Forderung: Jedem das Seine. Aber was genau ist das? Was steht einem Menschen zu? Was alles muss man über ein Individuum wissen, um das beurteilen zu können? Wird man jemals auch nur einem einzigen Menschen vollends gerecht werden können? Oder bleiben alle Bemühungen im Ungenauen, Ungefähren? Müssen wir uns vielleicht sogar damit abfinden, dass wir – gleichgültig, was wir tun – ungerecht sind?

Ist Gerechtigkeit gar keine menschliche Möglichkeit?

Eine Illustration von einer Waage

 

Fest steht: Die Gerechtigkeit kann den steigenden Ansprüchen kaum noch standhalten. Wenn eine von sieben Milliarden Menschen in sinnverwirrend-sinnlosem Wohlstand lebt – haben die anderen sechs Milliarden nicht das gleiche Recht? Ein Recht auf Überfluss im Sinne der Gerechtigkeit?

Wir in Europa leben in einem unrechtmäßigen Wohlstand

Da es aber ein Wohl- und kein Übelstand ist, konnte eine Empfindung von Unrechtmäßigkeit schwer nur entstehen. Was soll schlecht daran sein, dass es uns gut geht? Wir wollen nicht, dass etwas schlecht daran ist, dass es uns gut geht. Außerdem sind wir von unserem übereilenden Lebensstil derart übermüdet, dass uns ein wenig äußere Annehmlichkeit durchaus auch zusteht.

Und überhaupt: Ist es nicht ein wenig penibel und sogar lächerlich, dass wir inzwischen für jedes Elend noch im entferntesten Winkel der Welt verantwortlich sein sollen? Die Menschen dort, die im Elend – würden die etwa den Wohlstand, so er ihnen möglich wäre, ablehnen oder weniger genießen als wir es tun? Gewiss nicht.

Auch diese innere Stimme kennen vermutlich die meisten von uns. Doch sie überzeugt nicht mehr zuverlässig. Ein zunehmend schlechtes Gewissen bedroht uns inzwischen den Genuss. Auf unzähligen Gebrauchsgütern wird uns durch Embleme oder ausführlichen Text bedeutet, dass beim Erwerb gerade dieses Artikels ein Schuldgefühl unnötig sei. Immer mehr Menschen kaufen sich frei. Es gibt inzwischen ganze Supermärkte mit solchen Gewissens-Entlastungswaren. Eine neue Art Ablasshandel, die kapitalistisch-konsumistische Variante, gehört fest zu unserem Alltag. Von meinem Wohnort aus sind drei Großmärkte der Absolution bequem zu Fuß erreichbar.

Ein leerer Einkaufswagen

»Es gibt inzwischen ganze Supermärkte mit solchen Gewissens-Entlastungswaren.«

 

Ewige oder veränderliche Gerechtigkeit?

Eine Frage, die einst schon Gustav Gundlach aufwarf: Steht, was gerecht ist, ein für alle Mal fest? Oder ist es, wie vieles andere, einem Wandel unterworfen?

Aus einem aktualisierten Blickwinkel gefragt: Kann es sein, dass etwas, das mir auch rechtlicherseits einst zustand, irgendwann nicht mehr zusteht? Zum Beispiel ein Eigentum.

Ist eine Not denkbar, unter der ein Zuviel, ein Mehr-als-Nötig an Besitz dem ursprünglichen Eigentümer nicht mehr zukommt? In der, um Leben zu retten, ein solcher Besitz aufgehoben werden muss? In der das Recht auf Eigentum aus Gerechtigkeitsgründen nicht mehr aufrechtzuerhalten ist? In der es geradezu eine Rechtspflicht wird, Eigentum aufzugeben?

Müssen wir unsere Gerechtigkeitsvorstellungen sowohl globalisieren als auch wieder stärker personalisieren?

In der antiken Philosophie, bei Platon, Aristoteles und der gesamten Stoa, ist die Ausübung von Gerechtigkeit eine Voraussetzung für Glückseligkeit.

Indem wir gerecht sind, handeln wir im eigenen Interesse. Wir erfüllen ein Bedürfnis und zugleich ein universelles Gesetz. Unsere Seele ist Teil eines Ganzen. Und was für das Ganze angemessen ist, ist auch angemessen für uns. Ohne Gerechtigkeit zu üben, kann ich unmöglich ein zufriedener Mensch werden.

Auf die Frage nach einer Richtschnur für das ganze Leben antwortete Konfuzius: »Was dir selbst unerwünscht ist, füge auch keinem anderen zu.« Eine nahezu gleichlautende Formulierung gibt es auch in unserem Kulturkreis: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Selbst Kants berühmter kategorischer Imperativ ist im Grunde nichts anderes als eine Ermahnungs- und Überprüfungsformel zur Herstellung von Gerechtigkeit: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« Mit anderen Worten: Handle gerecht.

Was ist ein Staat und was kann er leisten?

Kant definiert den Staat als ein »Volk, das sich selbst beherrscht«. Die Doppeldeutigkeit des Wortes 'beherrschen' darf man hier durchaus ernst nehmen. Es ist Kants Erwartung an den einzelnen Menschen, sich selbst zu beherrschen, sowohl im Sinne einer Selbstlenkung, als auch in dem einer Zurückhaltung und Mäßigung seiner Triebansprüche und Begierden.

Diese aber, die Mäßigung der eigenen Begierden, ist ein entscheidender Schritt zur Gerechtigkeit hin. Indem ich verzichte, begünstige ich andere mit ihren auch berechtigten Ansprüchen. Nun aber ist 'Verzicht' eins der am stärksten tabuisierten Wörter unserer Zeit. In politischen Reden kommt es so gut wie nie vor. Ein Wort, um Wahlen zu verlieren und die Gunst eines erwartenden, vielerlei begehrenden Publikums. Dass Gerechtigkeit auch Verzicht bedeutet, ist ebenso naheliegend wie schwer zu vermitteln. Etwas, das man instrumentell zwar versteht, aber nicht wahrhaben will. Also doch nicht versteht. Denn was man wirklich versteht, aus dem wird unwillkürlich und von selbst ein Tun. Wirkliches Verstehen ist eine Vorform der Tat, ein Aufwärmvorgang der entscheidenden Muskeln. Hinter wirklichem Verstehen kann niemand mehr zurückkriechen in die Höhle der Untätigkeit und Trägheit. Wo dieses Zurückkriechen noch möglich ist, wurde nicht verstanden.

Wenn der Staat, wie Hegel behauptet, die Wirklichkeit der sittlichen Ideale wäre, dann müsste er den Gedanken und die Möglichkeit des Verzichtes fördern. Nicht nur um der Gerechtigkeit, sondern um des bloßen Überlebens willen. Er tut es aber nicht. Im Gegenteil.

Die institutionalisierte Gerechtigkeit erodiert und ist teilweise in Auflösung begriffen.

Die antiken Konzepte der personalen Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit als Ausdruck persönlicher Haltung und Tugend, sind in einer Zeit der Undurchschaubarkeit und des maximalen Durcheinanders wert, wiederbelebt zu werden. Jeder von uns wird wieder mehr eigenhirnig, eigenhändig und eigenherzig Gerechtigkeit leben und verkörpern müssen. Der Staat, aber auch der Staatenzusammenschluss Europa zieht sich (jeden Monat spürbarer) aus seinen Verpflichtungen zurück. Auch aus der grundlegendsten: Gerechtigkeit zu organisieren und dadurch zu ermöglichen.

Wir schreiten mit kräftigen Schritten auf ein Zeitalter der Verantwortung zu, in dem wir uns (nicht nur in Fragen der Gerechtigkeit) auf staatliche Vorgaben nicht mehr werden verlassen können. In sämtlichen Bereichen der Überforderung, vor allem in sozialen Belangen, wird es zu einer Politik der Zurückhaltung kommen. Einer Politik, die sich (wie Wirtschaftskonzerne) immer mehr auf ihre Erfolgsbereiche konzentriert. Wo es noch möglich ist, wirksam und gelingend zu regieren, wird der Staat tätig, anwesend und auftrumpfend sein. Wo nicht, wird er das Feld dem Ehrenamt überlassen, der Initiative und dem Gerechtigkeitssinn Einzelner. Entsprechend dieser Umstellung wird die Gerechtigkeit von einer institutionalisierten wieder zu einer personalen, zu einer eigenen Angelegenheit und Tugend werden müssen.

Und was bekommen wir dafür?

 

 

Zwei illustrierte Hände zeigen zueinander

Denn ohne Belohnung möchten wir nicht.

»Die schönste Frucht der Gerechtigkeit ist Seelenfrieden«, weiß Epikur. Über viele hundert Jahre in der Philosophie- und Menschheitsgeschichte war dies, der Seelenfrieden, das Höchste, der am stärksten angestrebte Wert. Heute wissen die Allerwenigsten mit einem solchen Begriff etwas anzufangen. Er klingt für moderne Ohren so altmodisch, als sei er nicht die Erfindung einer anderen Zeit, sondern eines anderen Universums.

Und doch kennzeichnet er genau das, was uns am meisten fehlt.

»Alles Lebendige«, schreibt Ludwig Hohl, »strebt nach dem Gericht. […] Es will nicht den eitlen Plunder, Ruhm, Besitz; sondern Gerechtigkeit: Anerkennung. (Wo es nach dem eitlen Plunder strebt, ist es längst nicht mehr wirklich lebendig.)«

Eben darauf wird einiges ankommen, wie Viele am Ende noch auf der Seite des Lebendigen stehen.

DER AUTOR

 

 

 

 

 

 

 

 

Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Wolfgang Denkel, geboren im Jahr 1958 im Rheinland, studierte Germanistik und Philosophie.

 

VERÖFFENTLICHUNGEN

Ja.Nein.Ja.

Roman, Droschl-Verlag, 2008
»Was glauben Sie, ist das Schönste von allem?" - "Das Schönste ist, dass das Schöne nicht zerstört werden kann. Egal, was auch geschieht, immer wieder entsteht das Schöne. Das ist das Schönste.«

Der scheue Leonard Kramer wird eines Tages aus seinen Gewohnheiten gestoßen: zum einen stirbt ein Fremder in seinen Armen, zum anderen weicht eine Frau im grünen Kleid nicht mehr von seiner Seite. Von diesem Moment an öffnet sich sein Leben, er wird zum Mittelpunkt einiger verwirrender und auch befreiender Ereignisse, pendelt zwischen Größenwahn und Nichtigkeit und wünscht sich ein Unglück und zugleich, dass endlich alles gut wird.

Eines geeigneten Tages

Erzählungen, Droschl-Verlag, 2010

»Ich wäre so gern ein bedeutender Mensch. Es würde das Leben erleichtern, indem es dessen Anstrengungen begründen könnte.«

Ein Maler, der an seinem erfolgreichsten und berühmtesten Werk verzweifelt und eine Frau, die sich beim Öffnen eines Marmeladenglases fragt, weshalb sie das Leben lieben sollte. Ein anderer Mann, der erkennt: »Es geschieht, weil ich es sehe«, und der daraufhin die Augen schließt, »um niemanden in Gefahr zu bringen.« Die Geschichten handeln von Träumen und ihren Unmöglichkeiten, von Liebe und Tod und vor allem von Worten als Körper, Ort und als einzige Wirklichkeit, nach der die Figuren auf der Suche sind. 

Herr Blau oder Ein guter Ort, um sich zu sehnen

Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, 2015

»Einmal sagte Herr Blau etwas. Und während er es sagte, ahnte er, dass es nicht verstanden würde.

Und er sagte es dann so, dass er selbst es nicht mehr verstand. Mehr konnte Herr Blau nun wirklich nicht tun.«

Ein aufgeschlagenes Buch