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24.09.2018, MICHELLE BAUERMEISTER
Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

»In welchem Wettbewerb wäre Siegen so schwer wie in diesem: Den Preis des dümmsten Menschen des Jahrhunderts zu erringen?«
- Ludwig Hohl

Eine erste Verblüffung

Es geht um eine Energie, die uns alle aufwühlt und aus der Fassung bringt, denn sie greift uns von zwei Seiten zugleich an, von außen und von innen: Die Dummheit.

Doch wenn von ihr die Rede ist, denken nahezu alle Menschen an andere Menschen und nicht an sich selbst. Obwohl die eigene Dummheit jeden von uns ungleich stärker bedroht als die der Anderen.

Balthasar Gracián bemerkt zu Recht: »Die eine Hälfte der Erde lacht über die andere, und Narren sind alle. […] Es gibt keinen Fehler, der nicht seinen Liebhaber fände.«

Die Unwiderstehlichkeit der Dummheit

Bei einigen der größten Dummheiten, die ich in meinem Leben beging, kam ich mir erstaunlich klug vor.

Tatsächlich ist eine Hauptfähigkeit der Dummheit die zur Täuschung. Sie kann einen Nebel erzeugen, der wie Helligkeit anmutet. Auch hat sie ein ausgesprochenes Talent zur Verkleidung. Dem, der sie gerade begeht, erscheint sie höchst selten im Gewand der Dummheit.

Im Grunde wäre es auch viel von der Dummheit verlangt, mit einem rot leuchtenden Warnhinweis aufzutreten: Vorsicht Dummheit! Tu es nicht!

Denn die Dummheit möchte ja begangen werden und kann dementsprechend auf eine gewisse Anziehungskraft nicht verzichten.

Und wie sagt Nietzsche so schön: »Lieber ein Narr sein auf eigene Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutdünken!«

Dummheit als Medizin

 

Jean Paul hält die Dummheit für eine Universalmedizin gegen alle Krankheiten.

Auch die Gesundheit der Tiere führt er auf das Fehlen von Geist zurück.

Aber nicht nur die Gesundheit des Körpers erhalte die Dummheit, auch die der Seele. Sie sei der leichteste Weg in den Himmel. Der Dumme untersuche nicht, er glaube. Der Mangel an Weisheit schütze ihn vor allen Gefahren, die den Denker ins zeitliche und ewige Verderben stürze.

Dass hohe Intelligenz eine Art Vitalitätsschwächung mit sich führt, ist nicht leicht von der Hand zu weisen. Dummheit hat in einem gewissen Sinn eine gesunderhaltende Funktion, oder frei nach Thomas Carlyle: Mit Dummheit und nem guten Magen lässt sich mancherlei ertragen.

Zumindest gehören alle Hochbegabten, die ich je traf, dem nervösen, magenempfindlichen Typus an.

Was aber meiner Beobachtung nach – trotz gegenteiliger Behauptung beinahe aller Genien der Geistesgeschichte – nicht zutrifft: Dass Dummheit für sich schon glücklich mache. Ich bin dummen Menschen begegnet, deren Unzufriedenheit und Unglück gerade darin bestand, nicht zu verstehen. Menschen, die sich auf die Geschehnisse in ihrem Leben überhaupt keinen Reim zu machen wussten. Deren persönliche Gefangenschaft darin bestand, keine angemessenen Schlüsse aus den Folgen ihres Handelns ziehen zu können.

Eine Illustration von einem Stethoskop

Hochbegabte kennen sich naturgemäß besser mit den Nebenwirkungen ihres immerwachen, nie sie in Ruhe lassenden Geistes aus, als mit den Unbilden des Geistesmangels. Die so entstandene Vorstellung, Dummheit sei eine Art Glücksgarant, ist jedoch ungenau. Es stimmt wohl, dass dem Dummkopf dank seiner eingeschränkten Fantasie manche Sorge erspart bleibt, aber durch die infolge seiner Dummheit entstehenden Misshelligkeiten und Zusammenstöße schleicht sich die Sorge doch und gleichsam von hinten an ihn heran. Er wird von seinen Dummheiten eingeholt.

Der Dummkopf ist kein Muttersprachler der Wirklichkeit

Goethe fragt, was den Dummkopf eigentlich vom gescheiten Menschen unterscheide. Und er antwortet, dass der Gescheite »das Zarte, Gehörige der Gegenwart schnell, lebhaft und eigentümlich ergreift und mit Leichtigkeit ausdrückt«; wohingegen der Dumme, gerade wie wir es in einer fremden Sprache tun, sich mit »schon gestempelten hergebrachten Phrasen bei jeder Gelegenheit helfen müsse«.

Der Dummkopf ist also kein Muttersprachler der Wirklichkeit. Er spricht von ihr nicht nur in Phrasen, er erlebt sie auch in Phrasen.

Der von Goethe bewunderte Spinoza geht noch weiter. Er schreibt: »Die Tätigkeiten (Handlungen) des Geistes rühren von adäquaten Ideen allein her, die Leiden aber hängen von inadäquaten Ideen allein ab.«

Hier ist der eminente Nachteil der Dummheit formuliert: ihre nicht-entsprechenden Ideen von der Welt oder der Wirklichkeit. Diese Nicht-Entsprechung erzeugt Leiden. Bei den Opfern des Dummen, aber auch beim Dummen selbst.

Kampfmittel gegen die Dummheit

 

»Wer fühlt, dass ihm Verstand fehlt, hat ihn«, sagt Montaigne.

Ebenso gültig und obendrein höchst bedenklich ist allerdings auch das Umgekehrte: Wer nicht fühlt, dass ihm Verstand fehlt, hat keinen. Die dümmsten Menschen, auf die ich traf, waren solche, die eigene Dummheit ausschlossen. Dummheit war für sie ein ausschließlich externes Problem, ein Versagen der Anderen, an dem sie keinen Anteil hatten.

Tatsächlich ist eine der bedeutsamsten Aufgaben (und Schwierigkeiten) des Verstandes, seine eigenen Mängel zu bemerken. Ein Paradoxon und zugleich eine Unerlässlichkeit gelebter Intelligenz.

Paradoxie der Dummheit

 

Dummheiten helfen uns aus der Dummheit. Oder wie Novalis es ausdrückt: »Irrtum ist das notwendige Instrument zur Wahrheit

Eine moderne Formulierung zum Thema stammt von dem Schulpsychologen Laurence J. Peter: »Fehler vermeidet man, indem man Erfahrungen sammelt. Erfahrung sammelt man, indem man Fehler macht.«

Ohne eigenes Erleben können wir nicht verstehen. Und unser Erleben ist angewiesen auf unsere Fehler, auf unsere Dummheit. Also ohne unsere Dummheit kein Verstehen.

Intelligenz und Dummheit leben eben nicht in strenger Antipodenschaft gegeneinander; sondern sie sind in einem dualistischen Sinn notwendige Pole.

Ein Kopf in Scheiben geschnitten nach rechts blickend

»Zu viel Weisheit treibt uns die Leidenschaften, die Verschrobenheit und den Eigensinn aus.«

 

 

»Im Grunde ist die Erde für Narren und Nicht-Wisser wie geschaffen.«

Ein Kopf in Scheiben geschnitten nach links blickend

 

Nicht zu weise werden, oder: Die geheime Intelligenz der Dummheit

Wer nicht (zumindest gelegentlich) eine Freude an der Dummheit hat, wer immer nur weise sein will, dem entgeht ein guter Teil des Lebens. Das Leben braucht ein Mindestmaß an Dummheit, es spielt sich unterhalb der Weisheit ab. Daher auch gründen die Weltweisen keine Familien, und auch Gott selbst hat sich gegen die Familie entschieden.

Zu viel Weisheit treibt uns die Leidenschaften, die Verschrobenheit und den Eigensinn aus, unsere je eigene Kuriosität und eigentlich alles Lebendige. Im Grunde ist die Erde für Narren und Nicht-Wisser wie geschaffen. Hier können Sie ungestört oder gestört nur von anderen Narren gedeihen. Hier ist für sie und ihre Unterhaltung gesorgt. Kaum wird die Langeweile unerträglich, schon kommt eine Dummheit um die Ecke gerauscht und hält uns eine Weile in Atem, fesselt einen Moment lang unsere Aufmerksamkeit. Was sollten wir auch anfangen mit der Zeit, die wir für die Beseitigung oder Milderung der Folgen unserer Dummheit aufwenden müssen. Die dafür eingesetzten Kräfte sind gut angelegt.

Keine Weisheit könnte und würde uns auf Dauer derart entschädigen und erfreuen wie die ständig ihre Verkleidungen und die Begleitmusik wild wechselnde Dummheit? Die schönste Weisheit sei es, nicht gar zu weise zu sein, behauptete vorzeiten schon Silesius. Aber auch der stärker unserer Zeit angehörende Ludwig Wittgenstein ist überzeugt, es geschähe überhaupt nichts Gescheites, wenn die Menschen nicht manchmal Dummheiten begingen.

Tatsächlich entwickelt die Dummheit mitunter eine ihr eigene, erstaunliche Verwegenheit, als sei sie geradezu süchtig nach der angenehmen, aber auch unangenehmen Erfahrung.

Und selbst dümmstes Verhalten kann sich im Nachhinein noch als wünschenswert erweisen, indem es zu einem überraschend lebensvollen, prächtigen Ergebnis führt. Ein Beispiel: Sich derart zu betrinken, dass man zur sorgsamen Auswahl des Geschlechtspartners und zum sachgemäßen Gebrauch von Verhütungsmitteln unfähig wird, ist fraglos dumm. Wenn aber das Ergebnis ein ganz wunderbares, lebensverliebtes Kind ist (ein solcher Fall ist mir bekannt) glaubt man wiederum eine höhere Intelligenz am Werk zu spüren.

Zwei Eltern, die nichts miteinander anfangen können, die auch nicht gerade erleuchtet sind – und in ihrer Mitte dieses leuchtende Kind mit dem dauerverschmitzten Gesichtsausdruck, der zu sagen scheint: »Na, wie hab ich das gemacht?!«

Ein berührender Anblick und eine Demutsschule.

Der Unterschied zwischen Dummen und Intelligenten ist vielleicht nur der, dass die Intelligenten mehr nachdenken, bevor sie ihre Dummheiten begehen.

Zumindest sind intelligente Menschen meist auch in ihren Dummheiten kreativer. Sie achten darauf, ihre Fehler zu wechseln oder ihnen wenigstens den Anschein von Neuigkeit zu verleihen. Die Bühne ihrer Fehlentscheidungen dekorieren die Intelligenten häufiger um als die Dummen. Das sind sie sich und ihrem Publikum schuldig.

Wer das Erkannte nicht tut, hat es nicht erkannt

In der 'Morgenröte' schreibt Nietzsche: »Weil Etwas für uns durchsichtig geworden ist, meinen wir, es könne nunmehr keinen Widerstand leisten – und sind dann erstaunt, dass wir hindurchsehen und doch nicht hindurch können! Es ist dieselbe Torheit und dasselbe Erstaunen, in welches die Fliege vor jedem Glasfenster gerät.«

Gereimt bietet uns Grillparzer das Ungereimte dar: »Gescheit gedacht und dumm gehandelt, so bin ich meine Tage durchs Leben gewandelt.«

Die Meisten von uns kennen das. Und doch ist in mir mit den Jahren die Überzeugung gereift, dass die Einsicht, die nicht zur Tat wird, keine Einsicht ist.

Wir befinden uns hier in dem vielleicht tiefsten Mysterium des Menschen: Man begreift einen Fehler als Fehler und lässt doch nicht von ihm ab; gibt sich (trotz Einsicht) der Wiederholung des Falschen hin. Wie soll man das deuten?

Nach reiflicher Überlegung und genauer (Selbst-)Beobachtung bleibt eigentlich nur eine Erklärung übrig: Diese Art Einsicht ist keine Einsicht, zumindest keine, die den Namen verdient. Es ist nur eine Draufsicht, meinetwegen der Beginn einer Einsicht, aber eine Einsicht ist es nicht. Denn die müsste und würde Veränderungen mit sich bringen. An ihren Taten werdet ihr sie erkennen, auch die Einsichten. Das Kriterium für Einsicht ist deren Wirkung. Einsicht ist ein Verstehen, dem eine Handlung folgt oder eine Änderung der eigenen Haltung, was auch eine Handlung wäre, und zwar eine stark verändernden Charakters. Wer nach einer Einsicht derselbe bleibt, hat nicht eingesehen. Nur ein Kitzeln unterm Schädeldach war’s, ein frisch geschlüpftes Plausibilitätsküken, der Wunsch womöglich, eine Auseinandersetzung zu beenden… aber Einsicht, Einkehr, Umkehr war es nicht. Die wird noch warten müssen oder in diesem Leben nicht mehr glücken. Und warum nicht? Weil ich im Grunde eben doch nicht will. Was ich wirklich, was ich unnachgiebig und meist schmerzlich einsehe, das will ich und das tu ich. Alle echte Einsicht zwingt und nur die unechte bleibt unverpflichtend.

Worum geht es? Es geht um die Trägheit des Herzens, die sich sehr deutlich zeigt in den scheinbaren Formen des Einsehens. Sie galt früher zu Recht als eine der Todsünden. Es ist tatsächlich unsere Ursünde, etwas Falsches als falsch zu begreifen und damit fortzufahren. Ein Fluch, den wir über uns selbst aussprechen. Diese Freiwilligkeit verdammt uns tiefer als jeder Tyrann oder Teufel es könnte.

Im Grunde, stellt Nietzsche fest, verträgt sich der enge Kopf zum Erschrecken gut mit einem engen Herzen.

Die Trägheit des Herzens (lateinisch: Acedia) ist die tiefste aller Dummheiten. Der Hauptteil des Weltelends geht auf sie zurück. Echte Erkenntnis ist immer Bewegung, ist immer schon Tat. Sie hat eine unwiderstehliche Neigung zur Verkörperung, zur Verwirklichung.

Eine kleine Übung zum Schluss

Man sollte nicht jede Gelegenheit zur Dummheit nutzen. Ruhig mal die ein oder andere auslassen. Nur jede zweite oder dritte mögliche Dummheit begehen. Auch daran kann man sich gewöhnen. Und eine neue Bequemlichkeit schätzen lernen. Denn die zwangsläufigen Folgen unintelligenten Handelns entfallen. Nach einer kraftvollen Dummheit muss man ja oft langwierig restaurieren.

Durch gelegentliche Dummheitspausen kann man das Leben unter Umständen neu genießen lernen. Natürlich auch nach dieser Seite hin nicht übertreiben. Auch dies wäre - wie gesagt - eine Dummheit.