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01.03.2018, MICHELLE BAUERMEISTER
Anfangsbild von Wolfgang Denkels Aufsatz

 

Was ist Arbeit?

Eine Illustration von einer Mühle

»Arbeit ist immer ein Inneres; und immer muss sie nach einem Außen gerichtet sein. Tätigkeit, die nicht nach einem Außen gerichtet ist, ist keine Arbeit; Tätigkeit, die nicht ein inneres Geschehen ist, ist keine Arbeit.« Diese Sätze stammen von dem Schweizer Autor Ludwig Hohl.

Der Arbeitsbegriff von Ludwig Hohl führt uns mitten ins Thema Lebenskunst, denn alles Lebendige erfüllt diese Echtheitsbewegung: Etwas Inneres nach Außen bringen. Arbeit, sagt Hohl, ist Bewegung, »aber die unsrige. Wir haben die verhängnisvolle Fähigkeit, andere nachahmen zu können, zum Beispiel ein Mühlrad. Das wirkliche Mühlrad, das sich dreht, arbeitet: denn das Drehen ist seine Bewegung, ist seine volle Möglichkeit.«

Wenn jedoch wir uns nur drehen, reicht das nicht aus. Als Nur-uns-Drehende bleiben wir unter unseren Möglichkeiten.

Einen in mancher Hinsicht ähnlichen Arbeitsbegriff vertritt Simone Weil. Für sie heißt Arbeit »ganz in seinem Inneren die Existenz der Welt« zu spüren. Arbeit sei »der ursprüngliche Bund des Menschen mit der Natur, der Seele mit ihrem Körper.«

Arbeit bedeutet hier Arbeit am Selbst und an der Welt. An der Erhellung der Welt und am Entfalten eigener Möglichkeit. Das Erfühlen uns eingeborener Ideen. Zum Beispiel jener (heute lächeln manche bei solchen Formulierungen) vom 'Wahren, Guten und Schönen'.

In der modernen Arbeit sei, so Simone Weil, das Ziel durch das Mittel ersetzt. Die Entwertung der Arbeit hält sie für das Ende der Zivilisation.

Ein Bienenschwarm

Zivilisation?

 

Tatsächlich hatte der Zivilisationsgedanke einstmals die Sittigung und Erhöhung des Menschen im Auge. Fronbefreit sollte er sich ausschließlich dem Wesentlichen widmen. Das aber ist trotz oder gerade wegen des technischen Fortschritts ganz und gar nicht der Fall.

Hinzu kommt ein Übel, auf das die fabrikarbeitserfahrene Simone Weil nachdrücklich hinweist: »Übermüdung durch Arbeit frisst auch die außerhalb des Betriebes verbrachte Zeit.« Und »wenn die Arbeit sinnentleert ist, dann wird auch die Freizeit ohne Sinn bleiben.«

Die Entwertung der Arbeit entwertet nicht nur die Arbeit selbst, sondern auch die Zeit, die sie uns zur freien Verfügung lässt. In der Feierabend-S-Bahn sieht man nicht wenige mit ihren Smartphones spielen, überaus schlichte Animationen, das einzige, was der Geist zu erledigen noch in der Lage ist.

Wir leben im Zeitalter der Posse vieler Arbeitsamer, schrieb schon Nietzsche: »Sie erkämpfen durch ein Übermaß von Anstrengung sich freie Zeit und wissen nachher nichts mit ihr anzufangen, als die Stunden abzuzählen, bis sie abgelaufen sind.«

Die Arbeit ist zu einer Art Krankheit geworden. Obwohl sie ihrem Wesen nach eins der größten Heilmittel ist, das wir kennen.

Sehr eindrucksvoll sind die Bilder des Deutsch-Amerikaners Michael Wolf. In seinem Projekt 'Tokyo-Compression' hat er japanische Werktätige in der U-Bahn fotografiert. Die enorme Müdigkeit und Erloschenheit der Gesichter. Moderne Leibeigene eines ausgeklügelt-ausgekühlten Systems. Dicht an dicht stehen sie, und doch jeder für sich, versunken in vollendeter Einsamkeit.

Michael Wolf sagt, er habe während des ganzen Projektes in den Zügen keinen einzigen lächelnden Menschen entdeckt.

Arbeit als Ware

Mit der Industrialisierung ist die Arbeit zur Ware geworden und damit der ihr potenziell innewohnenden Würde und Gestaltungskraft entledigt. Der in dieser Zeit entstandene, bis heute verschleppte und gültige Arbeitsbegriff hat eine nicht nur ökologisch, sondern auch für den Einzelnen stark zerstörerische Komponente, die gegenwärtig unter dem Schlagwort Burn-out diskutiert wird. Man opfert sich der Arbeit, statt in ihr die Möglichkeit der Selbst- und Welt-Erforschung zu sehen.

Das Problem des derzeit wirkenden Arbeitsbegriffes ist, dass er die Menschheit auf eine zweifache Weise in die Selbstvernichtung führt. Wir vernichten Notwendiges, um Nicht-Notwendiges hervorzubringen. Und das sowohl im Äußeren als auch in unserem Innern. Fast alle Tätigkeit und ein Großteil der Schöpfungskraft in der westlichen Hemisphäre gilt inzwischen dem Nicht-Notwendigen.

Ein allein profitorientierter Arbeitsbegriff vernichtet sogar die Arbeit selbst, Arbeit im Sinne einer von Menschen verrichteten Tätigkeit. In einer Welt technisierten Fortschritts und einer Logik der Rendite ist der Mensch nicht mehr rentabel. Ist es aber seine Aufgabe, sein einziger oder hauptsächlicher Wert, rentabel zu sein? Unser Arbeitsbegriff gibt Auskunft über unser Menschenbild. Und ein pervertierter und erniedrigter Arbeitsbegriff lässt unweigerlich eine Ratlosigkeit entstehen.

Ein Haufen Münzen

Das Drama des Kapitalismus: Er ist nicht in seinem Bereich verblieben, dem Kaufmännischen, dem eigentlichen Handel, sondern ist metastasierend nach und nach in alle Bereiche hineingewuchert, die ihrer Natur nach von anderen Gesetzmäßigkeiten bestimmt werden. Zum Beispiel in die Medizin, früher Heilkunst genannt. Oder in die Wissenschaften. Oder auch in die Literatur. In all diesen Bereichen hat der Kapitalismus nichts zu suchen. Doch es wurden und werden keine Bereiche definiert, die von seiner groben Dynamik frei zu bleiben haben oder wieder frei werden sollten.

Wollt ihr die totale Tätigkeit?

Ein Mensch, der des echten Müßiggangs unfähig ist, zeigt nach Kierkegaard, dass er sich nicht zur Humanität erhoben hat.

Um human zu sein, muss man sowohl zur Arbeit bereit, als auch mußefähig sein. Wie immer bestimmt auch hier das Maß den Grad der Freude.

Für Nietzsche ist jeder ein Sklave, der nicht zwei Drittel des Tages für sich hat. Sei er übrigens was er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter oder Gelehrter.

Auch diese Formulierung ist unvermindert aktuell. Es gibt gehorchende und befehlende Sklaven, aber auch die befehlenden Sklaven sind Sklaven. Und so wird es von hochgestellten Arbeitssüchtigen auch beschrieben.

Der Beruf sei zwar das Rückgrat des Lebens, meint Nietzsche, doch warnt er zugleich spöttelnd vor Übertreibung: »Männer halten selten einen Beruf aus, von dem sie nicht glauben oder sich einreden, er sei im Grunde wichtiger als alle anderen.«

Wenn ich als Kind die Erwachsenen von ihrer Arbeit erzählen hörte, hatte ich sehr oft den Eindruck, gerade von der unentbehrlichsten Tätigkeit auf der Erde zu erfahren. Ob ein Hausmeister, ein Maurer, ein Lastwagenfahrer oder ein Angestellter der Berufsgenossenschaft sein Wirken beschrieb, immer war mir, als sei dies nun die bedeutsamste und segensreichste aller Beschäftigungen.

Fast jeder Beruf, sagt Nietzsche, werde als Mittel zu einem Zweck gewählt und begonnen, aber als letzter Zweck fortgeführt. Eine Gefahr der übertriebenen Tätigkeit bestehe darin, dass ein stark beschäftigter Mensch seine Anschauungen selten ändere. Auf diese Weise befreit Arbeit nicht mehr, wie Kierkegaard fordert, sie weitet nicht, sondern sie nimmt gefangen und versteinert. Sie hindert die Beweglichkeit.

Es gibt Redewendungen, diese Gefangennahme und tote Bewegung zu bebildern. 'Im Rad laufen' ist so eine. Oder die Wörter 'Tunnelblick' und 'Fachidiot' als Bezeichnung einer verdunkelnden Einseitigkeit.

Auch Bertrand Russell plädiert gegen ein Zu-ernst-Nehmen der Arbeit. Er fordert Urlaub für jeden, der seine Arbeit für bedeutend hält, und berührt damit einen neuralgischen Punkt.

Wir scheinen es zu brauchen, unsere Arbeit für bedeutend zu halten, um uns selbst für bedeutend halten zu können. Ohne eine von uns erbrachte Leistung fühlen wir uns wertlos. Es fällt uns offenkundig schwer, uns an und für sich für wertvoll zu halten. Ein Wert geht von uns nur aus durch Tätigkeit; und keineswegs immer durch eine dem Gemeinwohl dienende. Auch der dem Gemeinwohl entgegenarbeitende, mit Grundnahrungsmitteln spekulierende Banker bezieht seinen Selbstwert aus seiner Tätigkeit, sogar wenn sie größtenteils aus Untaten besteht.

 

Der Beruf sei das Rückgrat des Lebens.

Eine Illustration von Friedrich Nietzsche

 

Die eigentliche Arbeit, oder: Arbeit als Eigentlichkeit

Für Simone Weil ist Arbeit die Einwilligung in die Ordnung des Universums. Und Ludwig Hohl schreibt: »Arbeiten heißt Übersetzen vom Vergänglichen in das, was weitergeht.«

Dies wäre also der eigentliche Sinn der Arbeit: Die Übersetzung des Vergänglichen ins Unvergängliche. Irgendetwas zu schaffen, das man den Göttern hinhalten kann. Von dem man sagen kann: es war gut, dass ich es tat. Das muss keineswegs ein großes Kunstwerk sein. Eine Geste der Zuwendung oder der Loyalität. Irgend ein Inneres, das ich nach außen bringe, das ich äußere. Etwas, ohne das ein auf Dauer lebenswertes Leben nicht möglich wäre. Das ist Arbeit. Ein Liebesdienst an mir und anderen.

Arbeit bedeutet, konzentriert und liebevoll dem Jeweiligen, dem Notwendigen sich zuzuwenden. Leichtigkeit in der Arbeit entsteht nur durch kraftvolle Zuwendung.

Wenn wir die Arbeit als etwas Existenzielles, Spirituelles verfehlen, dann wird sie, wie Simone Weil formuliert, »zur Unterwerfung unter die Materie.«

Wenn wir jedoch die Arbeit in ihrer existenziellen Bedeutung anerkennen und leben, dann kommt sie uns gar nicht wie Arbeit vor. »In allen Augenblicken«, sagt Nietzsche, »in denen wir unser Bestes tun, arbeiten wir nicht, Arbeit ist nur ein Mittel zu diesen Augenblicken.«

Das ist das wunderbar Widersinnige oder Gegensinnige der Arbeit: Wenn wir in ihr aufgehen, fühlt sie sich nicht an wie Arbeit. Sie und wir werden leicht. Arbeit ist dann gelebte Liebe, und weil sie es ist, gelingt sie uns. Weil wir nicht lieblos sind, gelingt sie.

Wenn Arbeit gelingt

Wenn Arbeit gelingt, wenn sie richtig verstanden wird, ist sie tatsächlich eine Verbindung von Innen und Außen. Zwischen uns und der Welt. Ziel der eigentlichen Arbeit ist es, uns mit der Welt zu verbinden, uns mit der Welt in Verbindung zu setzen. Arbeit, richtig verstanden, müsste eine Einladung an alle sein, ihre jeweils verschiedenen Talente, Eigenarten und Kräfte in ein offenes, lebendiges Ganze einzubringen. Arbeit müsste zu einem Ort des Zusammenlegens werden. Und zum Ziel sollte sie die Zufriedenheit der Menschen haben, als Arbeitende und als über die Arbeit Hinauslebende.

Das, was Ludwig Hohl Arbeit nennt, »ein Inneres nach Außen bringen«, erfüllt nicht nur ein individuelles Streben, es ist ein metaphysischer Akt insofern, als dadurch erst kenntlich wird, was dem jeweiligen Menschen eingeboren ist. Denn wir Alle kommen mit Aufträgen auf die Welt, und indem wir unser Inneres nach Außen bringen, zeigen wir mehr als uns selbst, wir repräsentieren eine Idee, eine Farbe im Universum oder eine in uns einmalige Mischung von Farben. Wir haben geradezu die Pflicht, auf diese existenzielle, schöpferische Weise zu arbeiten. Wir haben eine Entfaltungspflicht, vor der wir uns nicht, wie Ludwig Hohl es ausdrückt, in »tote Bewegung« flüchten dürfen, in sinnlose Spiele, in unsere Ablenkungskultur, ins Saufen und Kaufen.

Schon Cicero empfiehlt, die Wahl seines Berufs ganz von seinem inneren Wesen abhängig zu machen, und auch Seneca ist sicher, dass eine Arbeit, die einem nicht gemäß ist, keinen Wert habe.

Arbeitsunlust, wenn sie nicht habituell ist, es sich also um einen notorischen Faulpelz handelt, kann ein Schutz auch sein vor unsinniger Arbeit. Unsinnige Arbeit abzulehnen gehört so sehr zur Naturausstattung des Menschen, dass die Nationalsozialisten in ihren KZs mit unsinniger Arbeit gefoltert, gequält und entmutigt haben.

Cicero erteilt den nach wie vor beherzigenswerten Ratschlag, jedermann das tun zu lassen, was er am besten verstehe. Allein eine solche Maßnahme würde zur Zufriedenheit, Wohlfahrt und Friedlichkeit der Menschen einen entscheidenden Beitrag leisten.

Zumindest sollten eigene Wesensart und die Haupttätigkeit eines Menschen keinen Gegensatz bilden.

Die wertende Unterscheidung von geistiger und körperlicher Arbeit ist hierbei unsinnig; sie geht von einem veralteten, wenig einsichtigen und ungenauen Menschenbild aus. Geistige Arbeit ist gegenüber körperlicher Arbeit nicht höherwertig. Wenn man den Wert von Arbeit unterscheiden oder klassifizieren will, dann endlich in 'notwendig' und 'nicht-notwendig'.

Die meiste Arbeit heute (zum Beispiel die vieler Callcenter) ist nicht-notwendig. Und die wenigste sogenannte geistige Arbeit ist geistig. Sie schont ebenso den Geist wie den Körper; und ist doch anstrengend, eben weil sie nicht-notwendig ist.

Wenden wir uns also dem Notwendigen zu. Denn nichts befriedigt und entspannt anhaltender und tiefer, als das Angemessene zu tun.

Nach oben zeigende Hände

DER AUTOR

 

 

 

 

 

 

 

 

Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Wolfgang Denkel, geboren im Jahr 1958 im Rheinland, studierte Germanistik und Philosophie.

 

VERÖFFENTLICHUNGEN

Ja.Nein.Ja.

Roman, Droschl-Verlag, 2008
»Was glauben Sie, ist das Schönste von allem?" - "Das Schönste ist, dass das Schöne nicht zerstört werden kann. Egal, was auch geschieht, immer wieder entsteht das Schöne. Das ist das Schönste.«

Der scheue Leonard Kramer wird eines Tages aus seinen Gewohnheiten gestoßen: zum einen stirbt ein Fremder in seinen Armen, zum anderen weicht eine Frau im grünen Kleid nicht mehr von seiner Seite. Von diesem Moment an öffnet sich sein Leben, er wird zum Mittelpunkt einiger verwirrender und auch befreiender Ereignisse, pendelt zwischen Größenwahn und Nichtigkeit und wünscht sich ein Unglück und zugleich, dass endlich alles gut wird.

Eines geeigneten Tages

Erzählungen, Droschl-Verlag, 2010

»Ich wäre so gern ein bedeutender Mensch. Es würde das Leben erleichtern, indem es dessen Anstrengungen begründen könnte.«

Ein Maler, der an seinem erfolgreichsten und berühmtesten Werk verzweifelt und eine Frau, die sich beim Öffnen eines Marmeladenglases fragt, weshalb sie das Leben lieben sollte. Ein anderer Mann, der erkennt: »Es geschieht, weil ich es sehe«, und der daraufhin die Augen schließt, »um niemanden in Gefahr zu bringen.« Die Geschichten handeln von Träumen und ihren Unmöglichkeiten, von Liebe und Tod und vor allem von Worten als Körper, Ort und als einzige Wirklichkeit, nach der die Figuren auf der Suche sind. 

Herr Blau oder Ein guter Ort, um sich zu sehnen

Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, 2015

»Einmal sagte Herr Blau etwas. Und während er es sagte, ahnte er, dass es nicht verstanden würde.

Und er sagte es dann so, dass er selbst es nicht mehr verstand. Mehr konnte Herr Blau nun wirklich nicht tun.«

Ein aufgeschlagenes Buch