Dies ist der H1-Tag

03.08.2018, NAIS BAIER

SELBSTVERSORGUNG IN DER STADT

Mitten im Industriegebiet von Hamburg-Wilhelmsburg stößt man auf eine Oase: zwischen Stahl, Asphalt und LKW-Lärm – auf einmal Grün.

Seit 2017 arbeiten Käthe Schäfer und Stevie Engelbrecht hier auf dem Gelände einer ehemaligen LKW-Werkstatt an der Verwirklichung ihrer Utopie der ersten Community-Stadtfarm Hamburgs.

Panoramabild vom Minitopia-Gelände mit Garten, Halle, Kran und Hof.

Foto: Minitopia.

Wenn man an der großen Halle mit den neu eingerichteten Holz- und Metall-Werkstätten und dem Aufenthaltsraum vorbei läuft – immer weiter weg vom lauten Straßenverkehr – fühlt es sich an, als würde man eine Parallelwelt betreten. Eine Welt, in der alles möglich zu sein scheint, den Ideen keine Grenzen gesetzt sind. Eine Welt wie ein Spielplatz.

Blick durch das Tor einer großen Halle mit Holz- und Metallwerkstätten, zwei junge Männer laufen von rechts nach links.
Zwei Frauen und ein Hund stehen im Aufenthaltsraum mit Sesseln und Sofas.
Garten mit Hochbeeten von oben.

Fotos: Aufenthaltsraum - Lisa Knauer, Garten - Minitopia.

 

 

Es ist ein Spielplatz mit großen Zielen: mit Minitopia“ wollen Stevie und Käthe das Bewusstsein der Hamburger für die Auswirkungen ihres Lebensstils und die Verantwortung jedes Einzelnen schärfen – und Alternativen finden, die nachhaltiger sind.

 

 

Zwei Frauen stehen bzw. sitzen sich gegenüber an einem Holztresen.

Die beiden "Minitopia"-Gründerinnen Stevie (l.) und Käthe (r.) im Aufenthaltsraum. 

 

 

"BACK TO THE FUTURE"

Wie mache ich den Bohnenüberschuss der üppigen Ernte haltbar? Wie repariere ich die Zylinderkopfdichtung am alten Trecker, und können wir aus den Ringelblumen am Zaun nicht auch eine Creme machen? Das Motto in „Minitopia“ lautet: Back to the Future.

Altbewährte Methoden werden mit moderner Technik und aktuellen Erkenntnissen kombiniert und dadurch sollen auch neue Methoden entdeckt werden.

 

Trend zur Selbstversorgung

In den letzten Jahren ist die Zahl der Nachbarschaftsgärten und Urban Gardening-Flächen in deutschen Großstädten stark gewachsen – in Berlin entstanden um die 100, in Hamburg über 50 solcher Projekte. Die Forscher des Zukunftsinstituts sehen darin einen Trend zur Selbstversorgung in den Städten.

 

Selbstgebautes Windrad aus Holz und Metall liegt in der Werkstatt.

In „Minitopia“ geht es von der Idee schnell zur Praxis: Hier wird angepackt. Vom Bewässerungssystem für den Garten bis zur eigenständigen Stromversorgung – irgendwo experimentiert immer jemand.

Zum Beispiel am neuen Windrad: Tobi hat es aus alten Motorteilen, die er auf dem Gelände fand, gebaut. 

Foto: Minitopia.

Unter anderem sollen damit LED-Strahler zur Beleuchtung der Werkstatt-Halle betrieben werden. Umwandler und Batterie sorgen dafür, dass bei Flaute nicht das Licht ausgeht.

Das Ergebnis: bis zu 400 Watt Strom, selbstgemacht.

Sich drehendes Windrad vor blauem Himmel.

Foto: Minitopia.

Als studierter Wirtschaftsingenieur mit Schwerpunkt Maschinenbau hat Tobi das Know-How und „Minitopia“ ermöglicht ihm, es praktisch anzuwenden. Beim Aufstellen des Mastes für das Windrad helfen ihm noch 2 ½ andere Freiwillige (die halbe Portion ist fünf Jahre alt und sitzt stolz mit Tobi am Kransteuer). Kurze Besprechung, alles zusammen suchen, los geht’s: Eine halbe Stunde Motorenknattern und Schweißgerät-Zischen, dann ragt der Mast kerzengerade in den Himmel.

Garten mit Salatturm und Hochbeeten.

Ein "Salatturm", eine Art senkrechtes Beet (vorne) und selbstgebaute Hochbeete mit Salat und Gemüse.

Ruhiger geht es da im Hochbeetgarten zu. Bohnen, Mais, Salat und vieles mehr wachsen hier unbeeinträchtigt von den Spuren, die vorige Industrien und Chemie-Firmen im Wilhelmsburger Boden hinterlassen haben. 

Zur vollständigen Ernährung der 27-köpfigen Hochbeetgruppe reichen die Erträge nicht, aber man muss ja auch nicht alles allein schaffen.

Foto: Minitopia.

 

Wie viel Platz braucht Selbstversorgung?

John Seymour, der Pionier der modernen Selbstversorgung, schreibt dazu: „Selbstversorgung ist nicht nur eine Sache für jene, die zwei Hektar eigenes Land besitzen. (…) Ein großer Vorstadtgarten kann eine ganze Familie ernähren.“ 

 

Daher verbündeten sie sich Anfang 2018 mit dem Biohof „Quellen“, um nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft zusammen zu arbeiten. Das heißt: Privatpersonen finanzieren mit einem Beitrag landwirtschaftliche Betriebe und erhalten im Gegenzug die Ernte – direkt vom Hof. Mittlerweile werden so über die „Solawi Wilhelmsburg“ schon über 300 Menschen mit Lebensmitteln aus dem Hamburger Umland versorgt.

 

Wie genau funktioniert Solidarische Landwirtschaft?

Hier gibt's weitere Informationen.

 

AUCH FÜR ZUKÜNFTIGE GENERATIONEN

Damit von „Minitopia“ und der dort gelebten Vision auch langfristig etwas bleibt, haben Stevie und Käthe dort zusätzlich einen außerschulischen Lernort geschaffen – und das Angebot wird dankend angenommen. Unter der Woche finden regelmäßige Schulkurse und Kita-Besuche statt.

Das Ziel dabei: Rausgehen, Natur genießen und mit den eigenen Händen etwas gestalten. 

Und wo kommt der Strom zum Handy-Aufladen eigentlich her? Darauf gibt es bei „Minitopia“-Projekten nicht nur eine theoretische Antwort, sondern die wird auch gleich ausprobiert – und ein Windrad als „Handytankstelle“ kurzerhand selbst gebaut, an der bis zu fünf Handys gleichzeitig aufgeladen werden können.

Zettel mit Skizze von einem Windrad liegt auf dem Boden.

Von der Skizze ...

Drei Menschen stehen draußen und bauen ein Windrad zusammen.

... mit vielen helfenden Händen ...

Selbstgebautes vertikales Windrad, das bunt angemalt ist.

... zur Windkraft-Ladestation.

Fotos: Skizze & Aufbau - Tobias Wagner.

Learning by doing – das gilt in „Minitopia“ für jede Generation. Und der Ansatz scheint zu funktionieren: Nicht nur die Schüler nehmen viel aus dem Projekt mit, auch die Freiwilligen lernen hier immer weiter dazu.

Mittlerweile, ein Jahr nach der Gründung von „Minitopia“, helfen bereits über 30 Hamburger regelmäßig mit. Käthe führt das auch auf die Lage mitten in der Stadt zurück: „Wir haben dadurch irgendwie ein ganz großes Netzwerk. Und ich glaube, die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert hier auch total gut. Gefühlt sind wir hier draußen auf dem Land, aber man ist eben in zehn Minuten mit dem Rad dann schon an der S-Bahn-Station Wilhelmsburg oder fährt die paar Stationen mit dem Bus – das ist dann einfach super schnell erreichbar.“

Die Gruppe der Freiwilligen ist buntgemischt: Studierende, Handwerker, junge Familien –  jede*r bringt sich auf eigene Art ein.

Nick (l.) und Tobi (r.) packen regelmäßig in "Minitopia" mit an und nutzen die Möglichkeit, hier ihre Ideen in der Praxis ausprobieren zu können.

ZWISCHEN FREIHEIT UND AUFLAGEN

Schon bei der Projektplanung müssen in "Minitopia" alle Kreativität beweisen, um Alternativen zum Konsum zu finden. Um dabei als Vorbild zu dienen, versuchen sie bei allen Aktionen möglichst viel weiter zu verwerten, statt neues Material zu kaufen. Einige Dinge (Steine, alte Reifen und Geräte wie einen kleinen Bagger) fanden sie direkt auf dem gemieteten Gelände, andere bekommen sie geschenkt oder retten sie vor dem Verschrotten.

Aber bei einigen Dingen lässt sich das Kaufen auch in „Minitopia“ nicht vermeiden – das Geld dafür herbeizuschaffen, ist eine von Stevies und Käthes Hauptaufgaben. 

Eine Herausforderung, die die beiden bislang erfolgreich meistern – irgendwie hat sich bisher alles gefunden, erzählt Stevie, und das sei eine ihrer wichtigsten Erfahrungen im letzten Jahr gewesen: „Darauf zu vertrauen: Es kommt alles zu einem.“

 

Stevie und Käthe bringen dabei ihre Erfahrungen aus der Arbeit im Verein Alternation e.V. ein. Alternation e.V. ist eine Plattform für Initiativen, die nachhaltige Konzepte umsetzen. Damit fördert der Verein bürgerschaftliches Engagement in Amerika, Asien und Europa. „Minitopia“ ist das erste Projekt in Hamburg, das von Alternation e.V. durch Stevie und Käthe in den ersten drei Jahren, der Pilotphase, unterstützt wird.

Neben der Finanzierung bedeutet das vor allem Organisations- und Koordinierungsarbeit für die beiden: „Ab und an gibt es so Sachen, wo wir dann sagen: Das muss jetzt mal, weil wir haben zum Beispiel eine Förderung dafür gekriegt und das muss dokumentiert werden und dem Förderer dann vorgelegt werden, dass es auch wirklich passiert.“

Aber das bleibt die Ausnahme, denn an sich gibt es wenig Regeln, um „die Leute da auch nicht zu bevormunden.“ Aber so ganz ohne geht es nicht, erzählt Käthe, daher gilt: „Es wird kein Müll abgeladen und wir sind auch keine Kommune“, also niemand wohnt auf dem „Minitopia“-Gelände. 

IN DEN HÄNDEN DER FREIWILLIGEN

Für die Gründerinnen ist die Organisation des Projektes demokratisch, demnach wird primär von den Freiwilligen bestimmt. Die Freiwilligen entscheiden auch über die Zukunft von „Minitopia“.

Nach der dreijährigen Pilotphase werden Stevie und Käthe das Projekt der Gemeinschaft übergeben. Was dann aus „Minitopia“ wird, bleibt den Freiwilligen überlassen.

Gruppe von Menschen sitzt gemeinsam um einen Grill und gart Stockbrot.

Rund 35 Freiwillige kommen regelmäßig nach "Minitopia".

Foto: Minitopia.