Gender verweist außer auf die biologischen immer auch auf die sozialen, kulturellen und politischen Komponenten des Geschlechts, die sich historisch verändern können. Queer - gilt als Synonym für LGBTIQ. Queer irritiert. Queer ist widerständig und systemstörend. In beiden Bereichen gibt es täglich alte und neue Kämpfe auszufechten.

24.04.2018, NAIS BAIER
Zwei Menschen in blauen Kitteln mit Haar- und Mundschutz bei OP.

Geschlechtsangleichende Operationen bei Transgender

Bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts werden geschlechtsangleichende Operationen in Europa durchgeführt. Heute gibt es in Deutschland elf Kliniken, an denen Transgender sich operieren lassen können. An zweien davon arbeiten Prof. Dr. Susanne Krege (Kliniken Essen-Mitte) und Dr. Uwe von Fritschen (HELIOS Klinikum Emil von Behring in Berlin). Sie führen beide regelmäßig geschlechtsangleichende Operationen durch – pro Jahr kommen etwa 30 bis 50 Patient*innen zu ihnen.

 

Prof. Dr. med. Susanne Krege

Klinikdirektorin und Leitung des Prostatakrebszentrums an den Kliniken Essen-Mitte

 

geschlechtsangleichende Operationen: seit 1990 (Mann-zu-Frau)

 

 

Dr. med. Uwe von Fritschen

Chefarzt der Klinik für Plastische und Ästhetische Chirurgie, Handchirurgie am HELIOS Klinikum Emil von Behring

 

geschlechtsangleichende Operationen: seit 2000 (primär Frau-zu-Mann)

 

Wenn alle Voraussetzungen für die OPs erfüllt sind, besprechen die Ärzte die genauen Wünsche der einzelnen Patient*innen. Denn jeder Körper ist anders und manche Transgender wollen gar nicht die komplette Angleichung des Geschlechts – auch wenn das chirurgisch möglich ist.

Aber unabhängig davon, wie genau die Operationen aussehen sollen: Die Entscheidung zur Anpassung der Geschlechtsteile ist nie leicht. Nicht nur, weil es dafür unters Messer geht, was einige Risiken (bspw. Thrombose, Infektion, Wundheilungsstörung) mit sich bringt, sondern auch weil diese Veränderung unumkehrbar ist. Auch der zeitliche Faktor muss beachtet werden, denn die Geschlechtsangleichung passiert nicht über Nacht. Sowohl bei einer Mann-zu-Frau- als auch bei einer Frau-zu-Mann-Angleichung sind mehrere OPs notwendig, zwischen denen einige Zeit zum Verheilen der Narben liegen muss. Zusammengezählt kann so ein Klinikaufenthalt von etwa 20 Tagen zusammenkommen.

Den Grund dafür, dass sich trotz Aufwands und Risiken viele Transgender für die OPs entscheiden, sieht Ärztin Maria Garz darin, dass sie über Jahre hinweg unter ihrem Körper gelitten haben: „Ich habe den Eindruck, dass die Personen einfach vieles auf sich nehmen, wegen des hohen Leidensdrucks. Und dass es ihnen das wert ist.“

Bei der chirurgischen Angleichung eines Geschlechtsteils nutzen die Ärzte die Tatsache, dass sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsteile aus den gleichen Anlagen bestehen. So sieht bei Embryos unter fünf Wochen das Geschlecht noch gleich aus – egal, welches Geschlecht in der DNA festgelegt ist. Erst danach entwickeln sich die Geschlechtsteile auseinander.

In mehreren Eingriffen kehren die Ärzte diese spätere Entwicklung quasi um und operieren einen Penis zu einer Neovagina oder eine Vagina zu einem Neophallanx.

Mann-zu-Frau

Frau-zu-Mann

In der ersten OP werden aus dem Hodensack Schamlippen, aus der Eichel die Klitoris und aus der Penishaut die Vagina. Dabei wird aus der äußeren Haut des Penis, der sogenannten Schafthaut, ein Schlauch genäht, der dann die Neovagina bildet. Damit die an den richtigen Ort kommt, werden im Bauch die Blase und der Darm beiseitegeschoben und in den Raum wird die Neovagina eingestülpt.

Dieser Eingriff dauert etwa vier bis fünf Stunden.

In der ersten OP wird die weibliche Brust entfernt. Darauf folgt – wenn gewünscht – in der nächsten OP die Entfernung der Gebärmutter und Vagina.

Bei der dritten OP wird aus den großen Schamlippen der Hodensack geformt und als Neophallanx eine sogenannte Lappenplastik gebaut. Dabei wird aus einem Hautlappen, zum Beispiel vom Unterarm, zum einen die Harnröhre und zum anderen der Penisschaft gerollt. Dann wird die Klitoris etwas nach hinten verlagert und der Neophallanx angenäht. Bei diesem Eingriff operieren zwei Teams parallel und er dauert etwa sechs Stunden.

Bei der zweiten OP wird der Schamhügel gebildet und eventuell noch Korrekturen, zum Beispiel an der Position der Harnröhre, vorgenommen.

Bei der vierten OP wird eine Pumpe als Erektions-Prothese in den Neophallanx eingebracht und eventuell noch kleinere Korrekturen vorgenommen.

Wie wichtig die Operationen für ihre Patientinnen sind, erlebt Prof. Krege immer wieder hautnah mit. Oft merkt sie aber auch, dass viele die Auswirkung des chirurgischen Eingriffs auf ihr Leben stark überschätzen. „Ich vergleich das immer mit einer Reklame, die es mal in den 70er Jahren gab von Clerasil Gesichtswasser“, erzählt sie. „Wo dann Jugendliche gezeigt wurden mit ganz vielen Pickeln im Gesicht, dann wurde Clerasil Gesichtswasser genommen und dann waren alle Probleme der Pubertät gelöst. Die meisten denken, die OP ist das Entscheidende und dann ist alles gut – das stimmt aber nicht. Entscheidend ist ja das Leben im anderen Geschlecht, und das ist dann eben, merken manche, doch nicht so einfach, wie sie gedacht haben.“

Denn Transgender zu sein, ist auch heute immer noch ein Normbruch – dem gesellschaftlichen Druck dabei standzuhalten, ist ein großer Teil der Transition. Und eine immer noch eher patriarchalische Gesellschaft, macht es besonders Transfrauen schwer. Nicht jede hält durch. 

Prof. Krege kennt mehrere ehemalige Patientinnen, die heute nicht mehr als Transfrauen leben. Manchmal kommt der Wunsch nach einem Rückwechsel von der Person, dann ist er ganz unkompliziert: „Sie hat einfach wieder geswitched“, erzählt Prof. Krege. Manchmal wird ein Rückwechsel aber auch von außen erzwungen. 

Für viele Transfrauen bleibt ihr mit männlichen Hormonen gewachsener Körper auch nach geschlechtsangleichenden Operationen ein Problem. „Transmänner haben es in unserer Gesellschaft oft leichter“, beobachtet Dr. von Fritschen.

 

Wie es Melanie nach ihren geschlechtsangleichenden OPs ging, lest ihr hier.