Gender verweist außer auf die biologischen immer auch auf die sozialen, kulturellen und politischen Komponenten des Geschlechts, die sich historisch verändern können. Queer - gilt als Synonym für LGBTIQ. Queer irritiert. Queer ist widerständig und systemstörend. In beiden Bereichen gibt es täglich alte und neue Kämpfe auszufechten.

24.04.2018, NAIS BAIER

IN TRANSITION

Ein Bauernhof irgendwo in Norddeutschland, Anfang der 90er Jahre. Ein Kind – etwa acht Jahre alt, kurze blonde Haare – steht vor dem Spiegel. Es dreht sich hin und her und betrachtet zufrieden sein Spiegelbild. Eben hat sich das Kind heimlich ein paar Kleider seiner Mutter geholt, denn in Frauenkleidern findet es sich am schönsten. Plötzlich horcht es auf: Motorengeräusche im Hof, der Vater ist zurück vom Feld. Schnell versteckt es die geliebten Kleider, schlüpft in Hose und Pulli, wird wieder zu dem Jungen, als der es geboren wurde. 

Niemand soll wissen, dass er Frauenkleider mag, sie regelmäßig anzieht – und sich dabei so gut fühlt. Wer sollte das schon verstehen? Er versteht es ja selbst nicht und schämt sich danach immer. Aber damit aufhören kann er nicht.

Kind sitzt am Steuer eines grünen Treckers.

Melanie als Kind auf dem Hof ihrer Eltern. | Foto: privat.

2009. Aus dem kleinen Kind ist ein erwachsener Mann geworden – zumindest nach außen hin. Er hat inzwischen die Schule abgeschlossen, seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr absolviert und eine Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker begonnen. Aber noch immer trägt er, wenn es niemand sieht, Frauenkleider. Die Heimlichkeit macht ihm zu schaffen, immer wieder versucht er, damit aufzuhören, aber lange hält er es nicht durch. Irgendwann kann er die Tatsache vor sich selbst nicht mehr verbergen und gesteht sich ein, dass er trans* ist.

Junger Mann in Uniform steht vor einem Bundeswehr-Panzer.

Melanie beim Gelöbnis der Bundeswehr. | Foto: privat. 

„Ich bin transsexuell und möchte als Frau leben. Ab jetzt bin ich Melanie.“ Mit diesen Worten outet sich Melanie 2009 vor ihrer Familie und ihrer Berufsschulklasse als Transsexuelle. Die Reaktionen in beiden Umfeldern unterschieden sich stark: „Also in der Klasse war das relativ unproblematisch, das war ja eine Technikerklasse, das heißt, wir waren nur Männer beziehungsweise dann nachher ich als Frau, und ich hatte das Gefühl, es gibt so was wie eine political correctness, also die haben das runtergeschluckt. Aber Familie war tatsächlich ein großes Problem.“

Ein junger Mann und eine ältere Frau sitzen an einem festlich gedeckten Tisch.

Weihnachtsfeier bei Melanies Familie - damals saß sie noch als Sohn neben ihrer Mutter. | Foto: privat.

Ihre Bitte, sie ab jetzt mit „Melanie“ anzureden, wird ignoriert. Die Eltern und der Bruder verwenden weiterhin ihren alten Männernamen. Auch ohne Unterstützung durch ihre Familie wagt sie den nächsten Schritt. Endlich weiß sie, wohin sie will. Jetzt kann sie ihre Frauenkleider öffentlich tragen: 2010 beendet sie die Technikerschule und nimmt in einem knielangen schwarzen Kleid ihre Abschlussurkunde als Landmaschinenmechanikerin entgegen, ihre langen Haare lässig hochgesteckt. Die Hormone, die sie seit ein paar Monaten nimmt, machen ihren Körper langsam etwas weiblicher.

Junger Mann in T-Shirt und Hemd lacht in die Kamera.

Melanie vor ... 

 

 

Eine schick gekleidete junge Frau mit Brille und Hochsteckfrisur.

und nach dem Outing. | Fotos: privat.

 

 

Der Zeitraum, in dem man in eine andere Geschlechtsrolle wechselt, wird Transition genannt. Dazu gehört es zu lernen, wie man gesellschaftlich eine andere Geschlechtsidentität leben kann oder wie man überhaupt eine Geschlechtsrolle findet, in der man sich wohl fühlt. Zur Transition kann auch eine körperliche Angleichung des Geschlechts gehören – muss aber nicht. In der Spezialambulanz für Sexuelle Gesundheit und Transgender-Versorgung am Hamburger UKE können sich Transgender psychotherapeutische und medizinische Hilfe holen und werden bei ihrer Transition durch eine Gesprächstherapie begleitet. Laut Maria Garz, Ärztin in der psychotherapeutischen Facharzt-Ausbildung am UKE, stehen viele Transgender anfangs vor ähnlichen Entscheidungen: „Da geht es einfach um die Frage, wie empfinde ich meinen eigenen Körper? Wie gehe ich mit dem Körper um? Wie zufrieden oder unzufrieden bin ich mit dem Körper? Von unserer Seite kommt dann auch die Frage, mit welchen Teilen des Körpers eben explizit Probleme bestehen.“

Die Spezialambulanz für Transgender-Versorgung am Universitätskrankenhaus in Eppendorf wird für Melanie zu einer wichtigen Anlaufstelle. Hier kann sie endlich offen über all das reden, was sie jahrelang versteckt und unterdrückt hat. Gemeinsam mit den Ärzten bespricht sie ihre Entwicklung und plant ihre Zukunft: Sie will ihr altes männliches Ich hinter sich lassen. Sie will den männlichen Schatten loswerden, der sie noch immer verfolgt in Form von Briefen, auf denen sie mit „Herr“ und ihrem alten Namen angesprochen wird, und auch in Form ihres körperlichen Geschlechts, das sie schmerzlich an die alte falsche Rolle erinnert.

Dokument, Beschluss des Amtsgerichts Hamburg zu Melanies Namensänderung.

Auszug aus dem Beschluss des Amtsgerichts Hamburg zu Melanies Namensänderung.

 

 

Seit fast 40 Jahren gibt es in Deutschland die Möglichkeit, seinen Vornamen und die Geschlechtsangabe (Teil des sogenannten Personenstands) ändern zu lassen. Seit 1981 das Transsexuellengesetz in Kraft trat, können Amtsgerichte eine Personenstands- und Vornamensänderung beschließen. Anfang 2012 ist es für Melanie endlich so weit. Das Amtsgericht Hamburg beschließt: „Der Vorname der Antragstellerin wird in Melanie geändert. Die Antragstellerin ist als dem weiblichen Geschlecht zugehörig anzusehen.“ Auf ihrem Personalausweis und in offiziellen Schreiben steht nun „Frau Melanie B.“. Dazu musste Melanie die nötigen Gutachten vorlegen, in denen zwei unabhängige Sachverständige, beispielsweise Psychotherapeuten, bestätigen, dass Melanie aus ihrer Sicht trans* ist, schon seit mindestens drei Jahren als Frau lebt und sich das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ändern wird.

Nach dem Beschluss des Amtsgerichtes ist Melanie nun auch für die Behörden weiblich. Doch ihre Familie benutzt weiterhin ihren alten Namen: „Ich glaub, die Angst war vorher erst davor da, dass ich so eine Art Papagei werde, also irgendwas, was völlig schrill ist und was man nicht definieren kann, und so was total ungewisses Irgendwas. Weiß ich nicht, die sitzt nachher in Strumpfhose und Rock aufm Trecker oder so was, was natürlich völliger Blödsinn ist, aber das heißt, ich trage ja natürlich die völlig normale Arbeitskleidung wie alle anderen auch.“

Im kargen Vorzimmer zum OP-Saal des Essener Krankenhauses riecht es nach Desinfektionsmittel. Melanie liegt im OP-Hemd im Bett und wartet darauf, sich von Dr. Susanne Krege operieren zu lassen. Es ist Sommer 2014 und seit ihrem Outing sind sechs Jahre vergangen. Für diese OP ist sie extra 400 Kilometer bis nach Essen gefahren. In der Spezialabteilung für Urologische Chirurgie wird sie sich heute der von ihr gewünschten Geschlechtsangleichung unterziehen.

Der große Leidensdruck, unter dem viele Transgender vor der Anpassung ihrer Geschlechtsmerkmale an ihre Geschlechtsidentität stehen, ist gleichzeitig Motivation und Voraussetzung für die geschlechtsangleichenden Operationen. Um von der Krankenkasse die OPs genehmigt zu bekommen, müssen Transgender in Deutschland folgende Bedingungen erfüllen:

 

 

  • Seit mindestens 18 Monaten müssen sie in der gewünschten Geschlechtsrolle leben (der sogenannte „Alltagstest“)
  • Seit mindestens 18 Monaten müssen sie beim Psychiater oder Psychotherapeuten in Behandlung sein, als Nachweis wird ein Zwischenbericht benötigt
  • Seit mindestens 6 Monaten müssen sie eine gegengeschlechtliche Hormontherapie machen, dafür brauchen sie ein ärztliches Attest über Dauer, Medikation und Verträglichkeit als Nachweis
  • Sie müssen nachweisen, dass ein Psychiater oder Psychotherapeut die Diagnose „Transidentität“ überprüft und bestätigt hat
  • Sie müssen nachweisen, dass (psychische) Begleiterkrankungen stabilisiert oder ausgeschlossen sind
  • Sie müssen nachweisen, dass ihr Leidensdruck so hoch ist, dass er als „krankheitswertig“ angesehen wird

 

Quelle: MDS

In Vorgesprächen hat sie mit der Ärztin genau besprochen, was sie möchte und was chirurgisch möglich ist. Nach zahlreichen Gutachten, Nachweisen und Berichten wird Melanies Leben als biologischer Mann nach dieser OP beendet sein. Aber bis die körperliche Angleichung zur Frau vollkommen abgeschlossen ist, wird es noch weitere zwei Jahre und insgesamt vier operative Eingriffe brauchen. Im November 2016 ist es dann endlich so weit: Melanies Geschlechtsangleichung ist abgeschlossen. Siebeneinhalb Jahre lebt sie da schon als Frau, jetzt ist sie es auch körperlich. Nach dieser langen Zeit und all den Operationen kann auch ihre Familie sie endlich als Melanie akzeptieren.

 

 

Was genau wird bei den OPs eigentlich gemacht? Hier geht es zu den Details.

 

  

Der Wechsel in eine andere Geschlechtsrolle umfasst mehr als nur chirurgische Eingriffe. Trotzdem spielten die Operationen eine wichtige Rolle für Melanies Selbstverständnis als Frau: Seit ihrer körperlichen Angleichung traut sie sich in ihrer Frauenrolle noch mehr zu. Und trotzdem – noch immer hat sie das Gefühl, eher am Rande der Gesellschaft zu stehen. Für Melanie ist das Fluch und Segen zugleich. 

Mittlerweile lebt Melanie in Hamburg, studiert Soziologie und Philosophie und gehört zur Damen-Eishockeymannschaft des HSV. Zwischen dem kleinen Jungen von früher und ihrem heutigen Ich liegt ihre Transition. 

 

Heute ist sie Studentin, Mitspielerin, Frau – und vor allem ist Melanie angekommen in ihrer Rolle, zu der sie sich schon immer zugehörig gefühlt hat.

Junge Frau in einem HSV-Trikot lacht in die Kamera.

Melanie auf ihrem Spielerinnenfoto für den HSV. | Foto: privat.

HILFE?

 

Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen für Trans*Personen findet ihr hier:

Selbsthilfegruppen in Hamburg

Gruppentreffen und individuelle Beratung

Lockere Treffen und "Queere Biere"

 

FILM- & SERIENTIPPS


"The Danish Girl"
 

Lili Elbe ist eine dänische Malerin – und eine der ersten bekannten Personen, die sich um 1930 geschlechtsangleichend operieren lassen. Basiert auf einer wahren Geschichte.

 

Schauspieler: Eddie Redmayne, Alicia Vikander, Amber

Länge: 1h 59min

Jahr: 2015

 


"Mein Sohn Helen"
 

Tobias Wilke ist Witwer und alleinerziehender Vater. Als er seinen 17-jährigen Sohn nach dessen Auslandsjahr am Flughafen abholt, steht er plötzlich Helen gegenüber – und erkennt langsam sein Kind wieder.

 

Schauspieler: Heino Ferch, Jannik Schümann, Winnie Böwe

Länge: 1h 29min

Jahr: 2015

 

 

"Gendernauts"

Ein Dokumentarfilm über die Transgender-Szene in San Francisco Ende der 1990er Jahre. Er ist das erste Gruppenporträt transsexueller Menschen und zeigt ihren Alltag sowie das Tom Waddell Health Center, eine Transgender-Klinik in San Francisco.

 

Regie: Monika Treut

Länge: 1h 26min 

Jahr: 1999   

 

 

"Transparent"

Die Familie Pfefferman lebt in L.A. und besteht aus Vater Mort und Mutter Shelly, geschieden, sowie ihren drei erwachsenen Kindern Sarah, Josh und Ali. Soweit so langweilig bis Mort, schon über 70, sich als transsexuell outet und beschließt, als Frau mit dem Namen Maura weiterzuleben.

 

Schauspieler: Jeffrey Tambor, Amy Landecker, Gaby Hoffmann

Länge: 51 Folgen à 30 Minuten

Jahr: 2014-

 

 

"Her Story"

Ein Blick in das Dating-Leben von queeren und Transfrauen.

Die Besonderheit: Bei dieser Kurz-Serie werden die Transgender-Rollen auch von Transgender-Schauspielern gespielt.

(auf Englisch)

 

Schauspieler: Jen Richards, Laura Zak, Angelica Ross

Länge: 6 Folgen à 10 Minuten

Jahr: 2016