Was lässt uns heimisch werden und wie gehen wir mit Fremdheit und Ungewissheit um - der eigenen und die der anderen? Projekte - Lebensläufe - Annäherungen.

KURATORIN: M.BAUERMEISTER
AUTORIN: GABRIELE FREYTAG
April 2019

 

Sri Lanka – eine Träne im Indischen Ozean

von Gabriele Freytag

Auf dem Rückflug erwischte es mich kalt. Im riesigen Angebot der Bordunterhaltung hatte ich mich spontan für „A private war“ entschieden – einen Spielfilm über die Kriegsberichterstatterin Marie Colvin, die 2012 getötet wurde, als sie aus dem belagerten Homs berichtete.

Gleich der erste Kampfschauplatz kam mir bekannt vor: die Geräusche der Vögel, die Vegetation, das Licht, das Aussehen der Menschen – das alles trug ich noch in mir. Colvin hatte 2001 mitten im Bürgerkrieg die tamilischen Gebiete im Norden Sri Lankas besucht. Als sie und ihre Begleiter auf dem Rückweg von einer Patrouille der Regierungstruppen beschossen wurden, gab sie sich um nicht getötet zu werden als unbewaffnete Journalistin zu erkennen. Die Granate, die daraufhin auf sie abgefeuert wurde, hätte sie fast das Leben gekostet. In Anuradhapura wurde sie medizinisch versorgt, doch ihr linkes Auge konnte nicht gerettet werden. Die schwarze Augenklappe galt fortan als ihr Markenzeichen. Zwischen zahlreichen Kriegsszenen sah ich – gleichsam zur Erholung der ZuschauerInnen wie auch der Protagonistin – Marie Colvin in ihre gepflegte Wohnung nach London und zu ihrem Lebensgefährten zurückkehren.

Auf dem engen Sitz des A380 fühlte ich mich als würde ich ebenfalls aus einem Krisengebiet nach Hause fliegen in mein komfortables Nest. Es schmerzte, wenn ich an die Menschen dachte, die mir in Sri Lanka ans Herz gewachsen waren – nicht so sehr, weil ich sie bereits vermisste, als vielmehr, weil ich ihre Lage als tragisch empfand.

G., die mich in Hamburg vom Flughafen abholte, erzählte ich von meiner Bestürzung über den Zustand des Landes, welches ich gerade viereinhalb Wochen bereist hatte. Sie antwortete verwirrt „Aber auf den Fotos, die du mir geschickt hast, wirkst du immer so fröhlich“. Ja, das stimmte. Ich hatte nämlich zwei Reisen in unternommen – eine fröhliche und eine traurige. Die fröhliche als Touristin mit Massagen, Schwimmen, Strandspaziergängen, Yoga, Meditation, Kultur, leckerem Essen und geselligen Tischrunden. Die traurige als Psychotherapeutin und politisch Interessierte, bei der ich das Land wie einen Patienten in der Tiefe zu verstehen suchte. Meine erste Reise hatte ich genossen, die zweite wollte noch begriffen werden.

In den Tagen nach meiner Rückkehr ließ mich Sri Lanka nicht los. Nachts träumte ich, ich läge in einer Palmblatthütte unter dem Moskitonetz. Wenn ich im Dunkeln aufwachte, wusste ich zunächst nicht wo ich war und fragte mich im Halbschlaf, ob es irgendwo in der Nähe eine Toilette gäbe.

Zwei Jahrzehnte zuvor war ich das erste Mal nach Sri Lanka gereist und hatte dort Ayurvedazentren aufgesucht, um Unterstützung zu finden bei der Heilung von Krebs. Die mütterlich energischen Ärztinnen, die sanften Masseurinnen, das feuchtwarme Klima und die freundliche Bevölkerung hatten mir unendlich gut getan. An meiner vollständigen Genesung neun Jahre später haben meine Erlebnisse auf der tropischen Insel einen wichtigen Anteil. Eine ayurvedische Panchakarmakur löst tiefgreifende und anstrengende körperliche Prozesse aus und wir KurgästInnen waren damals froh, nach den langen Behandlungen auf eine Liege im Schatten der Palmen zu sinken oder allenfalls noch einen Spaziergang am Meer zu unternehmen. Daher hatte ich von dem Land, dem ich so viel verdanke, nur wenig gesehen.

Nun war ich zurückgekommen. Und auf den ersten Blick wirkte Sri Lanka so wie ich es in Erinnerung hatte: Meer, Palmen, Reisfelder in zartem Grün, bunt gewandete Menschen, die freundlich lächelten, Hunde, die auf der Fahrbahn lagen, chaotischer Verkehr mit viel Gehupe, Tempelanlagen, Stupas und üppige Märkte – eine faszinierende Mischung von Schönheit, Dreck und Hitze.

 

Mit meinem ersten Gastgeber, der mich am frühen Morgen vom Flughafen abholte, hätte ich es nicht besser treffen können: J. war ein interessierter und großherziger Mann – in Sri Lanka aufgewachsen, mit 15 in die USA gegangen und nun seit vielen Jahren amerikanischer Staatsbürger. Warum so weit weg aufs College? fragte ich. Es zeigte, dass die Familie es sich leisten konnte, war seine Antwort. Ist das immer noch so? Ja. Und war es nicht einsam für dich? I was terribly lonely. J. vermietete Zimmer in der alten Villa seiner Familie vor den Toren Colombos. Tissa, der Koch, bereitete uns traditionelle Mahlzeiten auf dem Holzfeuer zu: Es gab drei Mal am Tag Reis und Curry. Am zweiten Tag besuchten J. und ich ein Fischerdorf in der Nähe. Er wollte mir das Meer zeigen, und ich wollte nicht an einen touristischen Strand. Besonders einem der Fischer war es ein dringendes Bedürfnis, uns seine Geschichte zu erzählen – die mir J. fast simultan ins Englische übersetzte. Warum sein Fang immer spärlicher ausfiel hat er uns nicht erklärt, doch dass er seine Familie davon nicht ernähren konnte haben wir verstanden. Er fuhr inzwischen mit den anderen Fischern des Ortes bis fast bis zur somalischen Küste – mit dem Risiko, bei einem Motorschaden Richtung Indien abgetrieben zu werden und dort im Gefängnis zu landen. Dann, so hatte er gehört, würde man von den Indern gefoltert. Meinen Einwurf, ob denn die Regierung nichts für sie unternehme, verstand er nicht. Die Regierung, so J., verfolge andere Interessen. Wir schauten auf den traumhaften Strand, das glitzernde Meer und die Palmen, als er von seiner Frau sprach, die, um die zunehmende Armut der Familie zu lindern, in den Emiraten als Hausmädchen gearbeitet hatte und – Gott sei Dank – wieder von dort zurückgekommen sei. Nicht alle hätten dieses Glück, eine Nachbarin sei dort in ihrem von außen verschlossenen Zimmer verbrannt.

 

In den folgenden Wochen erlebte ich noch viele GastgeberInnen und traf J. zwischen meinen Fahrten mehrmals wieder Außer ihm lernte ich noch genau zwei weitere zufriedene Menschen kennen: ein verliebtes Paar, das ein wunderbares Ayurvedazentrum führte und das erste Kind erwartete.

Alle anderen präsentierten sich mir ganz überwiegend als unzufrieden, verhärtetet, depressiv, verzweifelt, krank oder erschöpft – im schlimmsten Falle voller Hass. Meinen Eindruck gewann ich nicht primär aus Beobachtungen, sondern er beruhte auf Selbstauskünften. Das ganze Land war offenbar in keinem guten Zustand.

In Anuradhapura begegnete ich A.: Ende Sechzig, Rechtsanwältin im Ruhestand, Witwe und Mutter von drei erwachsenen Söhnen. Als wir am frühen Morgen von ihrem Fahrer vorbei an Reisfeldern und Teichen zu einem Kloster gefahren wurden, schüttete sie mir auf dem Rücksitz ihr Herz aus. Beim Anblick von Seidenreihern und Lotosblüten erfuhr ich, dass ihr Mann ein führender Politiker in der nördlichen Zentralprovinz gewesen und vor zehn Jahren an einem Herzinfarkt verstorben sei. Sie habe immer Angst gehabt um ihre Söhne – auch heute noch. Die Bilder von den blutigen Körpern, als ihr Mann und sie nach einem Attentat der LTTE, der Tamil Tigers, das Krankenhaus besuchten, stünden ihr jeden Tag vor Augen. Deswegen habe sie ihre Kinder in die Hauptstadt auf ein Internat geschickt, das würden sie ihr jetzt übel nehmen, das Verhältnis zu ihnen sei nicht gut. Ihrem Haus, in dem ich übernachtete, konnte ich ansehen, dass sie keine Kraft hatte für ihre Umgebung zu sorgen: Obwohl oberflächlich gepflegt wirkte es vernachlässigt und kalt. Was ich ihr empfehlen würde, fragte sie mich mit traurigen Augen, sie fände keinen inneren Frieden. Mit Meditation versuche sie es seit Jahren, doch das allein würde nicht helfen.

„You pay the price“ sagte ich. Meine bemüht warme Stimme hatte nicht ausgereicht, die Botschaft freundlich klingen zu lassen. „For the comfort and the money“ erwiderte sie sofort zerknirscht. „I did non mean that“ entgegnete ich, „your husband was a politician in war time, he could not do his job properly, for the people, inevitably he has become guilty. Then he died of a heart attack – and you remained with all the rest.“ Er habe es immer allen recht machen wollen, presste sie mit Tränen in den Augen hervor. Ich sagte nicht, mag sein, aber er hatte Blut an den Händen.

A. lehrte mich, dass die Opfer immer auf beiden Seiten zu finden sind.

Niemand möchte in Sri Lanka über den Bürgerkrieg sprechen. Ich bin nicht in die traditionell tamilischen Gebiete in den Norden und Osten gereist, doch Berichten zu Folge reden auch die meisten TamilInnen nicht gerne darüber. Nachdem 2003 ein Friedensabkommen geschlossen worden war zwischen der Regierung und der LTTE wurde es 2006 von tamilischer Seite aufgekündigt. Inwieweit die Erfahrungen nach dem Tsunami 2004 zumindest teilweise dafür verantwortlich waren kann man nur vermuten. Unbestritten ist, dass die Tsunami-Hilfe weniger den Betroffenen an der Küste, den Fischern und ihren Familien, zu gute kam, sondern dafür eingesetzt wurde, sie aus ihren angestammten Siedlungsgebieten zu vertreiben und den Küstenstreifen für der Errichtung von Luxushotels freizumachen. Für touristische Bauvorhaben gilt die Einhaltung eines Sicherheitsabstandes vom Meer offensichtlich nicht. Insbesondere im tamilischen Osten der Insel, wo die schönsten Strände zu finden sind, flossen die Hilfsgelder in die Taschen von PolitikerInnen und InvestorInnen, die Menschen wurden ärmer als je zuvor. Ausländische Hilfsorganisationen waren teilweise so verhasst, dass sie von der Bevölkerung gewaltsam angegriffen wurden.

Die 2006 wieder aufgeflammten Kämpfe wurden im Mai 2009 durch einen Sieg der Regierungstruppen beendet. Dabei gilt inzwischen international als gesichert, dass die tamilische Bevölkerung zuerst aufgefordert wurde, sich zu ihrem Schutz in sogenannte „no fire zones“ zu begeben, um dann dort bombardiert und beschossen zu werden. Es ergeht seit Jahren die dringende Aufforderung an die Regierung, Untersuchungen über Menschenrechtsverletzungen einzuleiten, was nur ansatzweise befolgt wurde. Ein Versöhnungsprozess zwischen den beiden Volksgruppen SingalesInnen und TamilInnen – wie z.B. in Südafrika oder Ruanda von der Regierung verordnet – findet nicht statt.

 

Die PsychotherapeutInnendichte ist in Sri Lanka äußerst gering. In seiner zweihundert Jahre alten Villa voller Kunstschätze traf ich einen emeritierten Psychologieprofessor. Als einer der wenigen GesprächspartnerInnen widerstand er meinen Versuchen, ihm mehr persönliche Informationen zu entlocken. Doch er schilderte mir seinen Eindruck, dass spätere PsychologInnen überwiegend eine Beschäftigung in Bereichen der Arbeitspsychologie suchen würden: Werbung, Organisation, Mitarbeiterführung, betriebliche Kommunikation etc. Wir teilten die Einschätzung, dass in Sri Lanka Traumatherapie dringend notwendig sei, aber so gut wie nirgends stattfände. Er befürchtete, dass bevor sich überhaupt eine Gesprächskultur der Psychotherapie in Sri Lanka etablieren könnte, der Zugriff der internationalen Pharmakonzerne dies verhindern werde. Im Netz fand ich den Aufruf des jungen Kanadiers Nilusha, für seinen Onkel Dr. Jegan über gofundme.com Geld zu spenden. Der Psychiater Jegan sucht in Killinochchi – der einstigen Hochburg der Tamil Tigers – psychisch Kranke in ihren Häusern auf, um mit ihnen zu reden. Das Ausmaß des Elends, über das ich mich in einem Artikel der New York Times informierte, zerriss mir fast das Herz. Der Anteil der Kinder, die an posttraumatischer Belastungsstörung leiden, wird auf mindestens 30% geschätzt. Die Suizidrate ist extrem hoch. Selbst die Regierung gibt an, dass 10% der Bevölkerung gravierend psychisch gestört sind. Ich überwies 50 Dollar und hatte kurzfristig das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, auch wenn es nur ein Tropfen war auf den heißen Stein.

Die Unzufriedenheit drückte sich bei jedem Taxifahrer, Landarbeiter, Manager, jeder Marktfrau, Aktivistin und Köchin, die ich traf, in den gleichen Anklagen aus: Die Regierung sei korrupt und würde nur in die eigene Tasche wirtschaften und die Menschen hätten immer höhere Steuer- und Kostenlasten zu tragen. Beides ist wahr.

Bei meinem Besuch Ende der Neunziger Jahre schien mir Sri Lanka noch über eine gut geschützte lokale Ökonomie zu verfügen, die es ermöglichte im Fischfang, der Landwirtschaft, als KleinunternehmerIn oder HandwerkerIn den Lebensunterhalt zu verdienen. Die größte Sehnsucht der Menschen war damals nicht Wohlstand – sondern ein Ende des Bürgerkrieges. Danach, so erhoffte man sich, würde es ökonomisch bergauf gehen.

Doch das Gegenteil ist eingetreten. Seit Beginn des Jahrtausends – verschärft nach dem Tsunami – fielen die Schranken, das Land und seine Menschen vor Privatisierung und Ausverkauf an ausländische Investoren (public private partnerships) zu schützen. Zudem hatte Sri Lanka sich durch Waffenkäufe stark verschuldet. Ganze Küstenabschnitte wurden von der Regierung verkauft, die Mangrovenwälder abgeholzt, damit Luxusressorts und Garnelenfarmen aufgebaut werden konnten. Häfen und die Wasserversorgung wurden privatisiert und Freihandelszonen eingerichtet. Die Menschen sehen, wie mit Hilfe – und in die Taschen – ihrer gewählten Politiker das große Geld fließt, und es gleichzeitig für sie immer schwieriger wird genug Geld für das Überleben zu verdienen. In der Regel arbeiten alle Familienmitglieder vom Teenager bis zur Greisin für ein bescheidenes Auskommen.

Unverdrossen träumen junge Sri Lanker von einer Karriere im Tourismussektor. Sie hoffen auf ein kleines Guesthouse in Eigenregie, eine Anstellung an der Rezeption eines Hotels, eine Arbeit als ÜbersetzerIn, FahrerIn oder FremdenführerIn. Nachdem ich mir zahlreiche sich ähnelnde Zukunftsträume angehört hatte, wandelte sich meine anfängliche Begeisterung zunehmend in Skepsis. Es fiel mir schwer, an die Realisierung zu glauben.

 

Einer meiner ebenfalls erwerbslosen Gesprächspartner erzählte mir an einem einsamen Strand unterm Sternenhimmel, dass er in England touristic management studiert habe und nach einem Jahr psychisch krank geworden sei. Er habe plötzlich überall Menschen gesehen, die ihn mit Messern töten wollten, und daraufhin einige Monate in der Psychiatrie verbracht. Während wir zu fünft köstlichen Fisch und Reis mit der Hand aßen und eine Flasche Wein tranken, fragte ich, ob ihm geholfen worden sei. Ja, antwortete er, und fügte nach einer Weile hinzu: Wenn ihr Weißen in unser Land kommt heißen wir euch freundlich willkommen und behandeln euch gut – wenn wir zu euch kommen ist das nicht so.

Auf Twitter folge ich Prof. Vyshali Manivannan. Während meiner ersten Woche im Land las ich ihren Thread vom 1.2.2019 über Sri Lanka. Sie berichtet von schwierigen Gefühlen, wenn sie Fotos und Kommentare der – mehrheitlich weißen – TouristInnen betrachtet, die fast nur die singalesischen Teile des Landes bereisen würden. Wer profitiere von diesen Reisen, welche Geschichtsschreibung über Bürgerkrieg und Nachkriegszeit werde dabei bevorzugt – und was übersehen? Wenn es ihnen unbequem vorkomme, den Norden und Osten, also das ganze Land, zu bereisen, warum kämen Menschen dann zu Retreats, Yoga- und Meditationsseminaren ausgerechnet nach Sri Lanka? Die Narrative über „Schönheit und Spiritualität“ und „Touristifizierung für Wirtschaftswachstum“ hören sich in Manivannans Ohren wie ein Code an, um die tamilische Kultur zum Verschwinden zu bringen.

Auf der vielgepriesenen Erfahrung des Fremden durch Reisen scheint in Sri Lanka ein gewaltiger Schatten zu liegen. Die Insel, so wird oft gesagt, habe die Form eines Tropfens im Indischen Ozean.

Mir kommt es eher vor wie eine Träne.

 

 

Für mehr Information hier klicken:

"Schatten im Sonnenparadies - Tourismus und Menschenrechte in Sri Lanka", Gesellschaft für bedrohte Völker

 

Fotos: Gabriele Freytag

 


Gabriele Freytag

  

Diplompsychologin, tiefenpsychologische Psychotherapeutin, Autorin

Interessiert sich seit dem Studium (Psychologie und Politikwissenschaft) für die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft

Promovierte über Identitätskonstruktionen

Schreibt in Prosa, Theaterstücken und Fachaufsätzen über: Körper, Geschlecht, Trauma, Identität und Heimat

Lebt in Deutschland und Italien

 

Publikationsliste und Leseproben unter www.einwilderort.de