Was lässt uns heimisch werden und wie gehen wir mit Fremdheit und Ungewissheit um - der eigenen und die der anderen? Projekte - Lebensläufe - Annäherungen.

04.07.2018, KURATORIN: M. BAUERMEISTER

Niemand ist eine Insel

 

von Gabriele Freytag

 

Der alte Mann hielt sich ganz gerade. Er hämmerte gegen die Kirchentür und verlangte mit lauter Stimme Einlass. Ich kannte ihn: Es war Pietro, der Kapitän des längst abgeschafften Fischtrawlers der Insel. Mit seinen fast achtzig Jahren wirkte er immer noch stolz und stattlich. Wie ich später erfuhr, verkörperte Pietro die ehrenvolle Rolle als Helfer der Heiligen Familie schon seit Jahrzehnten. Die beiden jungen Leute hinter ihm senkten die Köpfe; mit ihren altmodischen Gewändern stellten sie Maria und Josef dar.

Aus dem Innern der Kirche war zum zweiten Mal ein deutliches und unfreundliches Nein zu hören. Maria, Josef und Pietro wandten sich ab, liefen um die Ecke des Gebäudes und erschienen einige Minuten später wieder von neuem.

Sicherlich war allen Zuschauenden klar, dass die drei beim nächsten Mal eingelassen würden – selbst mir, die ich das Ritual zum Fest des Inselheiligen nie zuvor erlebt hatte.

 

Ich fragte mich, ob irgendjemand das Schauspiel vor unseren Augen mit den Migrationen übers Mittelmeer in Verbindung brachte. Die Flüchtlinge in den Booten können sich nicht darauf verlassen, beim dritten Versuch hereingelassen zu werden. 

Unterhalb der Kirche schlug das Meer gegen die Felsen. Das Wetter hatte sich glücklicherweise heute beruhigt, nachdem es in den letzten Tagen mit außerordentlicher Stärke gestürmt und geregnet hatte. Die ZuschauerInnen trugen noch ihre Winterjacken, obwohl die Sonne jetzt im Frühjahr schon recht stark vom Himmel brannte. Ich hatte mich an diesem Morgen mit vielen FreundInnen und Bekannten unterhalten. Menschen, die ich lange nicht getroffen hatte, waren zum festlichen Anlass auf die Insel zurückgekehrt. Allgemein war man überrascht, dass ich in all den Jahren niemals beim Fest zugegen gewesen war. Man hätte schwören können, mich bereits dabei gesehen zu haben.

Die Insel besetzt seit vierzig Jahren einen festen Platz in meinem Herzen. Doch sie meine vierte oder fünfte Heimat zu nennen würde mir niemals einfallen. Und dafür gibt es Gründe, die mir derart typisch für Prozesse der Abgrenzung in Europa erscheinen, dass ich sie hier unter die Lupe nehmen möchte. Scharen von SozialforscherInnen müssten diesen oder einen ähnlichen Flecken Erde heimsuchen, um wie unter einem Brennglas zu erkunden, wie Zugehörigkeit und Ausschluss erzeugt werden.

BewohnerInnen von Inseln begreifen ihre Heimat gerne als eine Welt für sich. Abgrenzung gegen Eindringlinge war oft überlebenswichtig. Die Identität als InsulanerInnen wurde und wird wie eine Festung verteidigt.

Insel ist Heimat, alles andere bedeutet Fremde. Eine wichtige Zutat im insularen soziokulturellen Labor bildet seit vielen Jahren der Tourismus. Ackerbau, Fischfang, traditionelles Handwerk und Gewerbe werden vernachlässigt oder ganz aufgegeben, wenn sie wie hier durch die Kaufkraft von TouristInnen weniger lukrativ erscheinen. Mir kommt es vor, als würden Gemeinsamkeiten gegen Zugezogene, BesucherInnen und Eingeheiratete umso mehr beschworen, je weniger das, was die Insel einst auszeichnete, noch gepflegt wird. Das würde bedeuten, dass kollektive Identität umso exklusiver konstruiert wird, je weniger reale Bausteine dafür zu finden sind.

Doch zurück zum Anfang, zu meinem Anfang. Vor vierzig Jahren tauchte ich am Endpunkt einer langen Bahnreise zum ersten Mal auf der Insel auf. Und war sofort verzaubert. So viel schroffen Fels und türkisblaues Meer hatte ich noch nie gesehen; außerdem belästigte mich niemand und die Preise kamen mir selbst für ein studentisches Budget moderat vor. Die Insel ist besonders grün. Ihre Pinienwälder reichen bis ans Meer. Mich begeisterte, nach dem Schwimmen im Schatten von Bäumen ausruhen zu können. Im Laufe der ersten Jahre errang ich durch hartnäckige Besuche den Zugang zur einzigen Villa am Ort. Die Besitzerin versorgte über zwanzig Katzen und ließ nur ausgewählte Menschen bei sich wohnen. Das einst prächtige Gebäude, von Palmen umgeben, zeigte den morbiden Charme allmählichen Verfalls. Vom Bett aus hörte man das Rauschen des Meeres. Die Gäste aus verschiedenen Ländern frühstückten jeden Morgen auf der Terrasse. Wir passten auf, uns niemals gegen das Geländer über der Steilküste zu lehnen, denn das war nicht mehr gut verankert. Inzwischen ist die alte Dame gestorben, die Villa aufwändig renoviert und eine Woche im Jahr bewohnt – doch da zu später mehr.

Ich kam jedes Jahr zurück, immer mit dem Zug, wobei ich mehrere Tage und Nächte unterwegs war. Wieder zurück in Hamburg weinte ich mich die ersten Tage in den Schlaf, weil ich meine Insel so sehr vermisste. Später pflegte ich eine leidenschaftliche Beziehung zu einem jungen Insulaner. Was dazu führte, dass ich nach der Trennung für zwanzig Jahre fernblieb. Über einiges musste erst Gras wachsen. Heute sind A. und ich wieder herzlich befreundet, doch zum Ritual der heiligen Familie wollte er mich nicht begleiten; zu viele Menschen dort, sagt er, früher war es schöner.

Als die Menge vor der Kirche sich langsam auflöst, besuche ich meine Studienfreundin Regula, um von ihr mehr über Heimatgefühle zu erfahren. Vor siebenunddreißig Jahren hatten wir gemeinsam auf der Insel einen Teil unserer Diplomarbeit geschrieben. Vier Jahre später ließ sie in der Schweiz alles zurück, um auf die Insel zu ziehen. Wir setzen uns auf ein Mäuerchen; sie antwortet mir leicht zögernd:

 

» Dass die Insel meine Heimat ist, würde ich nicht sagen. Obwohl sie mir natürlich sehr am Herzen liegt, mehr als jeder andere Platz auf der Welt. Aber Zürich würde ich immer noch als meine Heimat ansehen, das hat wohl auch mit meiner Familiengeschichte zu tun. «

 

Ich vermute, Zürich als Heimat hat auch mit der Tatsache zu tun, dass InsulanerInnen nur diejenigen als ihresgleichen ansehen, welche mindestens in der zweiten Generation dort geboren sind. Regulas Mann stammt ebenfalls nicht von der Insel, sondern vom nahen Festland, und wird daher auch nach dreißig Jahren als zugezogen angesehen. Die gemeinsamen Söhne sind von Anfang an auf der Insel aufgewachsen. Bei wohlwollender Betrachtung hätten sie gute Chancen "Insulaner D.O.C." genannt zu werden, bei strenger Betrachtung jedoch nicht.

Der Terminus InsulanerIn D.O.C. wurde, so erklärt mir A. später, erst in den letzten Jahren kreiert. Er bezieht sich auf ein Qualitätsprädikat von Weinen: "Denominazione di origine controllata" meint "von kontrollierter Herkunft." Das Gesetz wurde in den Sechziger Jahren gegen das "Panschen" erlassen. Es richtet sich eindeutig gegen unkontrollierte Vermischung. Der Terminus erfreue sich hier zunehmender Beliebtheit. A. mag ihn nicht.

Mein Freund A. ist unbestreitbar ein waschechter Insulaner. Was auch bedeutet, dass er sich eine Menge leisten kann, man mag ihn immer noch genauso. Wenn man der Sohn eines Insulaners ist oder gar wie in seinem Fall bereits der Enkel, dann ist die grundsätzliche Akzeptanz durch nichts zu erschüttern. Geheiratet wird übrigens selten innerhalb der Inselbevölkerung, man sucht sich jemanden von den Nachbarinseln – oder vom Festland. In der Regel ist es der Mann, der eine Frau von außerhalb nach Hause bringt.

A. liebt seine Insel sehr und mag sich nicht vorstellen, woanders zu leben. Wenn er nur einen Tag auf dem Festland weilt, sagt er, fühle er sich verloren. Er könne es kaum erwarten, wieder den Fuß auf das Schiff und wenig später auf seine Insel zu setzen.

Gleichzeitig beklagt er sich, dass früher alles besser war, herzlicher, verbundener. Sie seien vor zwei, drei Jahrzehnten noch nicht durch Geld und Konsum, genauer: durch Unterschiede im Wohlstand getrennt gewesen. Inzwischen gibt es Familien, die es verstanden, finanziell stark vom Tourismus zu profitieren – und andere, denen das nicht gelang. Die Nachfahren der letzteren haben heute bei der Familiengründung Probleme, eine bezahlbare Wohnung oder gar ein Haus zu finden.

Mit der Insel sind große Veränderungen geschehen. Wein- und Ackerbau waren schon bei meiner ersten Ankunft fast aufgegeben, die Felder zu Weideflächen geworden bzw. der zunehmenden Verbuschung ausgesetzt. Inzwischen sind jedoch auch die Tiere weg. Man sieht keine Kühe, Schafe oder Ziegen mehr. Was auch bedeutet: die Landschaftspflege durch Weidetiere hat aufgehört, die Vegetation wird sich verändern.

Der Grund für die Vernachlässigung des Bodens liegt nicht nur darin, dass junge Leute für ihre Ausbildung wegziehen oder lieber auf der Insel als Kellner arbeiten. Große Teile der Ländereien – wie auch die schöne alte Villa - wurden vor einigen Jahren von einem reichen Industriellen aus dem Norden aufgekauft. Die Erben der Dame, die mich einst so großherzig aufgenommen hatte, konnten sich den Erhalt des Gebäudes nicht mehr leisten und verkauften schweren Herzens. Der neue Besitzer, der rund um den Globus viele Gebäude und Grundstücke sein eigen nennt, er verbringt jährlich genau eine Woche auf der Insel. Er wird dann, ebenso wie seine Gäste, per Helikopter eingeflogen. An einer Bewirtschaftung hat er bisher kein Interesse gezeigt, obwohl auf der Insel immer wieder von diesbezüglichen Plänen gemunkelt wird.

Der Fischfang vor der Küste ist stark zurückgegangen. Die Fischer werden dafür bezahlt, dass sie nicht fischen, viele lassen sich als Touristenführer umschulen. Ein großer Teil der Meerestiere, der in den Restaurants auf den Tisch kommt, stammt nicht aus der näheren Umgebung.

 

Selbst das Brot wird nicht mehr wie früher auf der Insel gebacken, sondern täglich mit dem Schiff angeliefert. Dafür evoziert man in der alten Bäckerei, wo man es am Vormittag verkauft, heftig das Lokalkolorit alter Zeiten (viel Holz, karierter Stoff, alte Steinfliesen, grobes Papier).

Die Inselschule wurde vor zehn Jahren geschlossen. Die meisten Eltern wollten es so. Sie erhofften sich für ihre Kinder eine bessere Ausbildung auf dem Festland.

Das Verschwinden der Schulkinder und ihrer Eltern lässt die Insel noch mehr zu einer Kulisse werden. Die meisten Menschen wohnen inzwischen auf dem Festland und kommen nur noch am Wochenende (bei gutem Wetter!), an Feiertagen und in den Sommerferien. Genau diese Menschen sehen sich als Hüter der Inselidentität.

Als Psychologin verstehe ich das alles gut: Je mehr die ursprünglich identitätsbildenden Bereiche verschwinden, desto stärker ist man auf ein Konstrukt angewiesen, das die Leerstellen überdeckt. Wie das rustikal eingewickelte Brot, das nie einen Inselofen gesehen hat, wird auch die Zugehörigkeit täglich neu verpackt und ausgestellt.

Verhalten, welches auf Angst gegründet ist, erzeugt keine gute Grundlage für die Zukunft. Das ist bei Individuen so wie bei Kollektiven und ganzen Gesellschaften. Da wird festgezurrt, wo Flexibilität gefragt wäre, und verschlossen und verriegelt, wo Offenheit weiterhelfen würde. Denn auch wenn man versucht, eine Gemeinschaft von innen zu verschließen, kann die Veränderung nicht aufgehalten werden.

Meine Insel ist nach wie vor schön.

Jedes Mal, wenn ich wieder mit dem Gepäck an der Mole stehe und auf das Schiff warte, das mich zum Festland bringen soll, wird mir weh ums Herz. Nicht nur, weil ich weiß, dass ich sie vermissen werde, sondern auch, weil ich mich um sie sorge.

 


Gabriele Freytag

  

Diplompsychologin, tiefenpsychologische Psychotherapeutin, Autorin

Interessiert sich seit dem Studium (Psychologie und Politikwissenschaft) für die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft

Promovierte über Identitätskonstruktionen

Schreibt in Prosa, Theaterstücken und Fachaufsätzen über: Körper, Geschlecht, Trauma, Identität und Heimat

Lebt in Deutschland und Italien

 

Publikationsliste und Leseproben unter www.einwilderort.de

 

 

Foto: Marina Vincenti