Was lässt uns heimisch werden und wie gehen wir mit Fremdheit und Ungewissheit um - der eigenen und die der anderen? Projekte - Lebensläufe - Annäherungen.

KURATORIN: M.BAUERMEISTER
AUTORIN: GABRIELE FREYTAG
Dezember 2018

 

Nicht erschrecken mein Bruder

von Gabriele Freytag

Foto: Gabriele Freytag

 

In Bergamo kaufte ich mir wie immer die neueste Ausgabe des Manifesto. Es war ein sonniger und warmer Tag, wiewohl bereits Ende Oktober. Die Menschen begegneten mir freundlich, Wildfremde lächelten mich an, Kinder wollten mit mir spielen. Nur die Frau am Kiosk war mürrisch, was ich darauf bezog, dass ich eine Tageszeitung verlangt hatte, die sich als „Quotidiano comunista“ bezeichnet.

Im Manifesto fand ich seit Jahren Artikel, die mir ans Herz gingen. Andere italienische Tageszeitungen, welche in den Bars auslagen, hatten hingegen überwiegend Ärger und Ratlosigkeit bei mir ausgelöst.

Im Flugzeug nach Süden zog ich meine Lektüre aus der Tasche und las. In Rom war eine junge Frau vergewaltigt und ermordet worden – mutmaßlich von Senegalesen. Die Rechte rief nach einer harten Hand. Das Manifesto fragte sich, wie groß der Einfluss der Genossinnen und Genossen im betreffenden Stadtteil war und ob sie nicht alles zum Guten wenden konnten. In der politischen Positionierung fand ich die Zeitung ähnlich wie die vertraute deutsche Taz, bisweilen bedienten sie sich auch derselben Quellen. Nur die Beschwörung der Genossinnen und Genossen überraschte mich als wäre sie ein Relikt aus fernen Zeiten.

Ansonsten gab es nicht viel Interessantes und ich begann, leicht dösig aus dem Fenster zu schauen.

Erst beim zweiten Durchblättern entdeckte ich auf Seite 14 einen kleinen grau unterlegten Abschnitt, der „Il testo“ (der Text) überschrieben war.

Der Text des Tages erzählte von dem 22jährigen Tesfalidet Tesfom. Er war am 12. März 2018 in Italien angekommen, an Bord des spanischen Schiffes „Open arms“. Tesfalidet, Spitzname Segen, war vor dem Wehrdienst aus Eritrea geflüchtet und eineinhalb Jahre im libyschen Lager Beni-Walid festgehalten worden, bevor er entkommen konnte, um auf einem Schlauchboot Richtung Europa aufzubrechen.

Er wog bei seiner Ankunft 30 Kilo und zeigte Spuren von Gewaltanwendung. Gefragt, was ihn so zugerichtet hatte, sagte er nur leise „Libyen.“. Er starb am nächsten Tag, dem 13. März 2018, an Entkräftung und Tuberkulose.

In seiner Brieftasche fanden die HelferInnen zwei Gedichte.

Eins davon war abgedruckt.

Tesfalidet Tesfoms Zeilen trafen mich dahin wo es weh tut. In einfachen Worten erklärte er, worum es ging zwischen ihm und uns, zwischen den Flüchtenden und denen, die zu Hause oder wenigstens in Sicherheit bleiben können. Zentral war für ihn, ob wir Brüder und Schwestern waren und füreinander verantwortlich - oder nicht. Ob ein/e Fremde/r genauso viel zählte wie die/der Vertraute – oder nicht. Ob wir füreinander die Isolation wählten oder die Verbindung. Segen klagte nicht an, doch er brachte es auf den Punkt.

Noch im Flugzeug beschloss ich, darüber zu schreiben.

War ein solcher Entschluss einmal gefasst, so meine Erfahrung, war ich nur noch schwer davon abzubringen. Doch obwohl ich viel Zeit hatte, blieb die Zeitungsseite 14 die nächsten fünf Tage unberührt in meiner Brieftasche.

Die kleine Insel fand ich vor wie ich sie seit Jahrzehnten kannte. In der späten Nachsaison war ich die einzige Touristin, der Sturm tobte, die Wellen rasten über die Mole, Tragflügelboote konnten tagelang nicht anlegen. Gegenstand der Gespräche war das Wetter. Über Brisantes, wie das Sterben im Meer, an dessen Gestaden die InsulanerInnen lebten, wurde nicht gesprochen.

Mein Freund A. erklärte mir, dass die Femizide – die Morde an Frauen durch Ehemänner, Ex-Ehemänner und Geliebte - das große Problem des Landes seien. Es werde aber nirgendwo Stimmung gegen den Machismo gemacht, sondern stets gegen MigrantInnen. Ich stimmte zu. Auch er sprach nicht von den vielen Ertrunkenen, für die sein geliebtes Meer ein anonymes Grab geworden war. In diesem Jahr war der Prozentsatz der Aufgebrochenen, die ihr Leben verloren, drastisch gestiegen.

Foto: Gabriele Freytag

 

Die ganze Woche meines Aufenthalts fühlte ich mich unfähig, eine einzige Zeile zu schreiben und fragte mich schon, ob ich Segens Gedicht aus Versehen weggeworfen hatte.

Klar war, dass ich mächtig zögerte.

Meine Gedanken über den Wolken erschienen mir inzwischen wie die Einschätzungen von Alkoholisierten über ihre Fähigkeiten am Steuer. Angetrunkene halten ihre Fahrkünste, Forschungen weisen das nach, für außerordentlich gut, was der Überprüfung keineswegs standhält.

Zurück in meinem Heim in Mittelitalien schob ich weiter vor mir her, begann mich aber zu fragen, was die Ursache dafür war.

Irgendwas kam mir zu viel vor an Segens Gedicht.

Ich befürchtete, als manipulativ empfunden zu werden, wenn ich Tesfalidets Zeilen verbreitete. Als wolle ich den LeserInnen Einfühlung und eine migrationsfreundliche Haltung aufzwingen.

Die Verbindung zwischen dem tragischen Tod des Autors und dem Kunstwerk, die nun einmal nicht zu vermeiden war, schien mir für eine Publikation zu dick aufgetragen. Und ich fragte mich, ob das Gedicht wirklich so gut war wie ich dachte.

Im Web fand ich den Vergleich des ausgezehrten Segen, der nicht mehr aus eigener Kraft von Bord gehen konnte, mit den Überlebenden der Nazi-Konzentrationslager.

Die Zeugnisse der Überlebenden und Ermordeten der Vernichtungslager zu verbreiten, hatte niemand außer der extremen Rechten unpassend gefunden, sprach ich mir Mut zu.

Ich nahm „Die Spur des Anderen“ von Emmanuel Lévinas und die Denktagebücher von Hannah Arendt aus dem Regal. Die beiden PhilosophInnen, die ihre Gedanken an der Migration und der Shoah geschärft hatten, sollten meine schlingernde Haltung wieder zurechtrücken. Und das taten sie.

Es ging nicht darum, ob man Migration befürwortete oder nicht, oder ob man es sympathisch fand, dass Menschen aus dem Süden bei uns leben wollten. Und es ging auch nicht darum, ob Segens Gedicht den Geschmack der LeserInnen traf oder nicht. Das war keine Geschmacksfrage.

Die Themen waren sehr viel größer und sie lauteten:

Wie halte ich es mit der Wahrheit? Und: Was macht Menschlichkeit aus?

Foto: Gabriele Freytag

 

Arendt schreibt im April 1953 in ihr Denktagebuch „Das spezifisch Böse der Gewalt ist ihre Stummheit … So wird Gewalt zum herrschenden Faktor der Realität.“

Und 1963: „Das Wahre, das man nicht zu hören wünscht, erzeugt Lügen.“

Lévinas gilt als radikaler Denker der Begegnung zwischen dem Selbst und dem Anderen. Nicht Selbstverwirklichung sei die Maxime für den Sinn des Lebens. Lévinas macht die Verantwortung für den Anderen zur Grundlage von Ethik. Erst ein Einlassen auf das absolut andere im Gegenüber bringt unsere Menschlichkeit zum Vorschein. Der oder die andere muss fremd bleiben, um den Fehler zu vermeiden, der in der sogenannten „harmonischen Bemächtigung“ liegen würde, der gutgemeinten Vereinnahmung des Anderen als einer Version, ein Spiegel des Selbst.

„Einem Menschen zu begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten zu werden“ schreibt Lévinas.

In der Begegnung mit dem Antlitz des anderen offenbart sich das Verbot „Du sollst nicht töten“ und das Gebot „Du sollst mich in meinem Sterben nicht allein lassen“. In letzter Konsequenz wird der Tod des anderen wichtiger als der eigene Tod, steht die Not des anderen über der eigenen.

Lévinas knüpft die Verantwortung eng an Freiheit und fragt „Soll man sagen, dass allein ein freies Wesen das Gewicht der Welt, das es auf sich nimmt, zu empfinden vermag?“

Foto: Gabriele Freytag

 

Von all dem weiß Tesfalidet Tesfom, genannt Segen. Die tiefe Nacht seiner Seele und seines Körpers erhellt die Erkenntnis, das wir, sobald wir es ernst meinen mit der Menschlichkeit und der Freiheit, niemals getrennt sind vom Anderen. Dass wir erst in der Verbindung vollständig werden.

 

Nun endlich konnte ich sein Gedicht, ursprünglich in Tigrinisch verfasst, vom Italienischen ins Deutsche übersetzen.

Nicht erschrecken mein Bruder,

Nicht erschrecken mein Bruder, sag mir nur, bin ich dein Bruder?

Warum erkundigst du dich nicht nach mir?

Ist es wirklich gut, allein zu sein und deinen Bruder in der Not zu vergessen?

Ich suche nach euch und ich fühle wie ich untergehe

Nicht einmal Rufe, die ins Nichts gehen, kann ich tätigen

Das Leben mit seinen täglichen Hürden überfordert mich

Ich bitte dich Bruder, versuch mich zu verstehen

Ich wende mich an dich, weil du mein Bruder bist

Ich bitte dich mir zu helfen

Warum erkundigst du dich nicht nach mir – oder bin ich gar nicht dein Bruder?

Niemand kommt mir zu Hilfe

oder tröstet mich

Man kann besetzt sein von eigenen Schwierigkeiten

Doch es gereicht nicht zur Ehre den eigenen Bruder zu vergessen

Die Zeit fliegt dahin mit dem was es zu bereuen gibt

Und ich hasse dich nicht

Aber es ist immer besser einen Bruder zu haben

Nein, sag mir nicht, dass du die Einsamkeit gewählt hast

Während ich dich immer gesucht habe

Wärst du auch so grausam, wenn ich vom gleichen Stamm wäre wie du?

Nun habe ich nichts

Denn in diesem Leben habe ich nichts gefunden

Wenn ich Geduld übe

Heißt das nicht, dass ich satt bin

Jeder wird das Seine bekommen

Und du und ich, Bruder, können als Sieger hervorgehen

Vertrauend auf Gott

 


Gabriele Freytag

  

Diplompsychologin, tiefenpsychologische Psychotherapeutin, Autorin

Interessiert sich seit dem Studium (Psychologie und Politikwissenschaft) für die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft

Promovierte über Identitätskonstruktionen

Schreibt in Prosa, Theaterstücken und Fachaufsätzen über: Körper, Geschlecht, Trauma, Identität und Heimat

Lebt in Deutschland und Italien

 

Publikationsliste und Leseproben unter www.einwilderort.de

 

 

Foto: Marina Vincenti