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17.10.2018, KURATORIN: M.BAUERMEISTER

 

Meine vier Heimaten

 

von Gabriele Freytag

 

 

 

»Wir sind keine Flüchtlinge« sagte meine Mutter, als ich in Neuhofen bei Ludwigshafen in die erste Klasse kam. Eigentlich war es weniger ein Sprechen als vielmehr ein wütendes Zischen – fehlte noch, dass sie mich geschüttelt hätte. Ich konnte mir nicht erklären was das sollte, natürlich waren wir nicht auf der Flucht, wir lebten ja in einer schönen, großen Wohnung mit Garten. Doch der Unterton machte mir klar, dass es besser war, ihrer Definition nicht zu widersprechen.

 

 

Heimat 0

Meine Eltern Hannelore und Hans stammen aus Auma und Zeulenroda in Thüringen, von einem hügeligen Landstrich, der vierzig Jahre lang, von Westdeutschland aus betrachtet, hinter dem „eisernen Vorhang“ der innerdeutschen Grenze verschwunden blieb. Ihrer beider Familien hatten dort schon immer gelebt, wie die umfangreiche Ahnenforschung der Freytags bezeugte. Heimat blieb für meinen Vater und meine Mutter genau dieser Fleck Erde. Auch wenn sie über fünfzig Jahre ihres Lebens in Neuhofen in der Pfalz verbrachten. Unbedingt wollten sie beide in der Heimat bestattet werden. So stand ich zwei Mal vor einer Urne in der Friedhofskapelle von Auma und lauschte dem Pfarrer mit dem langen, schütteren Pferdeschwanz.

Am Weihnachtsabend wurden in meiner Kindheit dicke Kerzen in alle Fenster gestellt – sogar ins Klofenster – für unsere Brüder und Schwestern im anderen Teil Deutschlands. Meine Mutter raste durch die Wohnung als ginge es um Leben und Tod, das Tropfen von Wachs schien sie in die Verzweiflung zu treiben. Ich verstand wieder nicht: Warum war diese Aktion beinahe das Wichtigste an Weihnachten und wie sollten die Brüder und Schwestern von so weit weg unsere Kerzen sehen? Während der Feiertage mit den Großeltern in Thüringen zu telefonieren galt als großes Glück. Man musste dazu „beim Amt“ ein sogenanntes Interzonengespräch anmelden. Unter günstigen Umständen wurde man noch am gleichen Tag, meistens jedoch erst am nächsten zurückgerufen und dann kam das Gespräch sofort zu Stande – oder gar nicht. Dafür mussten sowohl wir als auch die Großeltern die ganzen Tage zu Hause bleiben. An das Telefonieren selber kann ich mich nicht erinnern, wohl aber an die ganze Aufregung davor.

Mein Vater war 1944, mit siebzehn Jahren, an die Ostfront geschickt worden und in russische Gefangenschaft geraten. Nachdem er Wundbrand, Hunger und die Ruhr überlebt hatte und heimgekehrt war, wollte er auf keinen Fall dort bleiben. Thüringen wurde zur sowjetisch besetzten Zone erklärt - und sollte ab 1949 zur DDR gehören. Er versuchte Ende 1948 mehrmals erfolglos, über die "grüne Grenze" bei Coburg in den Westen zu kommen – beim dritten Mal klappte es mit der Ortskenntnis von Fluchthelfern. Was er mitbrachte passte in einen mittelgroßen Rucksack. Mein Vater war jung, ehrgeizig und kreativ und baute sich ein neues Leben auf. Wieso er trotz seiner Flucht regelmäßig in die Heimat zurückkehren konnte, habe ich mich erst gefragt, nachdem er schon gestorben war. Ich vermute, es war möglich, weil er kurz vor der Gründung der BRD und der DDR bereits seinen Wohnsitz in München angemeldet hatte. Meine Mutter und er lernten sich in Zeulenroda kennen. Einige Verwandte meines Vaters munkelten, sie habe ihn geheiratet, um die DDR verlassen zu können. "Legal übergesiedelt" nannte meine Mutter ihren Umzug in die Pfalz, auch ein Ausdruck, dessen Bedeutung sich mir lange entzog. Erst als Erwachsene begriff ich, dass ohne ihre Eheschließung eine Flucht der einzig mögliche Weg in den Westen gewesen wäre. Meine Eltern beschränkten ihre Kontakte auf ein Minimum in dem kleinen pfälzischen Dorf, in dem ich Ende der Fünfziger Jahre geboren wurde. Inmitten untereinander verwandter und verschwägerter Einheimischer lebten sie ihr Fremdsein mit einem Stolz, der an Starrsinn grenzte. Sie trugen bereits eine Heimat in ihren Herzen und der blieben sie eisern treu. Pfälzisch, so lernte ich, war eine ordinäre Sprache ohne jeden Nutzen und durfte unter keinen Umständen von mir benutzt werden. Die Pfalz fühlte sich immer wie ein Provisorium an. Sie war gut zum Geld verdienen und um in einer wirklichen Demokratie zu leben. Das Herz aber schlug in der Heimat. 

 

Heimat 1 

Auch mein Herz habe ich kaum an die Pfalz gehängt, in der ich die ersten achtzehn Jahre meines Lebens verbrachte. Ich lernte schwimmen in den ehemaligen Kiesgruben, fand FreundInnen und besuchte mit Freude die Schule. Später engagierte ich mich kirchlich und politisch – auch daran habe ich nur gute Erinnerungen. Dass ich mich durch innere Zurückhaltung um die Wärme einer Bindung brachte, war mir nicht klar. Und den pfälzischen Dialekt beherrsche ich bis heute nicht. Erst jetzt entdecke ich, dass die Pfalz sehr schön ist und ich dort immer noch an Freundschaften anknüpfen kann. Und erst jetzt, nachdem meine Eltern gestorben sind, verspüre ich das Bedürfnis, regelmäßig zurückzukehren.

 

 

Heimat 2

Dreißig Jahre wohne ich schon mitten im Wald, 50km südwestlich von Hamburg – wo ich nach dem Studium, das möglichst weit weg von der Pfalz stattfinden sollte, hängen blieb. Heimat? Besonders eifrig habe ich mich im naheliegenden Dorf nicht integriert, wozu auch mein Beruf beiträgt. Als Psychotherapeutin kennt man zehn Prozent der EinwohnerInnen eines Ortes aus dem Behandlungszimmer, und mindestens weitere dreißig Prozent aus deren Erzählungen. Heimat ist aber auch, wo man zu jeder Jahreszeit auf Wegen oder querfeldein läuft. Wo man die Plätze kennt, an denen die Tiere stehen, die Stellen in den Wiesen, die immer nass bleiben, und die Bäume, an die man sich gut anlehnen kann. Das Naturschutzgebiet vor meiner Haustür könnte ich schier mit geschlossenen Augen begehen.

 

 

Heimat 3

Thüringer Dialekt zu hören kann mich übergangslos zum Weinen bringen. In meiner Kindheit und Jugend habe ich stets die Sommerferien in Auma verbracht – während meine KlassenkameradInnen bereits an die Adria oder Costa Brava fuhren. In Thüringen erlebte ich Freundschaft und Verliebtheit, auch für mich wurden die Gegend und die Menschen zum Sehnsuchtsort. Gleichzeitig wurde mir eingebläut, dass man in der DDR nicht frei leben konnte. Sich ernsthaft in einen Jungen oder ein Mädchen aus Thüringen zu verlieben war undenkbar. Wenn zu meinem sechzigsten Geburtstag, den ich letztes Jahr in den italienischen Marken feierte, die Verwandtschaft aus dem Osten nicht dabei gewesen wäre – hätte mir das Zentrum des Festes gefehlt. Als ich die Thüringer vor der Kulisse des Monte Nerone erblickte, spürte ich wie endlich zusammenkam, was in meinem Herzen noch nicht in wirklicher Eintracht gelebt hatte.

 

 

 

Heimat 4

Als ich Anfang dieses Jahrtausends ein altes Natursteinhaus im bergigen Innern der italienischen Marken erwarb, blieben mein Vater und meine Mutter merkwürdig ungerührt. Nach dem Grund ihrer kühlen Zurückhaltung befragt zögerte mein Vater zunächst. Und dann sagte er nur einen einzigen Satz „Wir hatten gehofft, du würdest ein Haus in Thüringen kaufen.“ Ich verzieh ihnen augenblicklich. Eigentlich hatte ich gewusst, dass ich mich von ihrem Du-wirst-einmal-in-die-Heimat-zurückkehren-Auftrag entlastet und mit Italien das neutrale Ausland gewählt hatte. Die Marken gefallen mir sehr gut, mein Haus ist wunderschön, ich habe zum ersten Mal in meinem Leben einen Garten angelegt, die Landschaft ist zu jeder Jahreszeit grandios, das Essen phantastisch, meine Freundinnen und Freunde einfach toll. Ganz leben möchte ich in Italien jedoch nicht – denn dazu fühle ich mich auf Dauer zu fremd. Obwohl ich gut Italienisch spreche, verstehe ich viele Anspielungen nicht einmal, wenn man sie mir erklärt. Ich teile die Geschichte nicht, nicht die der Fernsehsendungen, der lokalen Ereignisse, der Lieder oder des Essens. Diese Alltagskultur spielt in Italien für die Verbundenheit untereinander eine viel größere Rolle als in Deutschland. Doch ich kann prima auf Italienisch Witze machen – und genau das bewirkte, dass Italien zu meiner vierten Heimat werden konnte.

 

 

 


Gabriele Freytag

  

Diplompsychologin, tiefenpsychologische Psychotherapeutin, Autorin

Interessiert sich seit dem Studium (Psychologie und Politikwissenschaft) für die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft

Promovierte über Identitätskonstruktionen

Schreibt in Prosa, Theaterstücken und Fachaufsätzen über: Körper, Geschlecht, Trauma, Identität und Heimat

Lebt in Deutschland und Italien

 

Publikationsliste und Leseproben unter www.einwilderort.de

 

 

Foto: Marina Vincenti