Was lässt uns heimisch werden und wie gehen wir mit Fremdheit und Ungewissheit um - der eigenen und die der anderen? Projekte - Lebensläufe - Annäherungen.

17.07.2018, KURATORIN: M. BAUERMEISTER

Mein erster Teddy

 

von Gabriele Freytag

 

 

Der Taxifahrer hatte mich an der falschen Stelle abgesetzt – mit dem Hinweis, es sei "gleich da vorne". So war ich gezwungen, fast einen Kilometer auf hochhackigen Stiefeletten durch das nächtliche Berlin zu hasten. Glücklicherweise waren trotz der Kälte eine Menge Menschen auf den Beinen, die ich nach dem Weg fragen konnte.

Als ich endlich ankam sah ich noch die letzten Limousinen wegfahren. Außer den Türstehern stand niemand mehr draußen. Den roten Teppich, über den ich eilte, habe ich kaum wahrgenommen. Im Foyer war grelles Licht, nicht nur Teenager schossen dort alberne Selfies vor einer dafür präparierten Wand. Für die Garderobe hatte ich jetzt keine Zeit mehr und nahm Mantel und Rucksack mit in den Saal. Während ich auf meinen Platz in Reihe sechs schlüpfte, ertönten vorne schon die ersten Takte der Berlinale-Erkennungsmelodie. Wenig später erschien der Moderator - mit Strapsen, High-Heels und im Ledermantel.

Ich atmete aus. Genau das hatte ich gewollt.

Vor mir entdeckte ich fast ausschließlich Anzüge mit weißen Hemden drunter – wahrscheinlich auch mit Krawatten, aber ich sah die Männer nur von hinten. Während Sookee von queeren Tieren rappte schauten sich die Herren – jeweils paarweise – stirnrunzelnd an. Für einen Schwulen im teuren Zwirn waren ihre genialen Texte augenscheinlich zu komplex.

Egal, sagte ich mir und wandte mich nach rechts. Dort saß eine Frau, die nicht zu dem Paar neben ihr zu gehören schien. Nachdem ich ihr zugeraunt hatte „Wir beide erhöhen ja hier vorne den Frauenanteil beträchtlich“, hätte ich mich ohrfeigen können. Woher wusste ich, dass sie als Frau angesprochen werden wollte? Sie könnte eine Mann-zu-Frau-Transsexuelle sein – dann würde ihr meine Ansprache vielleicht gefallen – oder ein Frau-zu-Mann-Transsexueller vor der Transition – dann wäre meine Frage ganz schlecht gewesen. Oder sie war einfach eine queere Person, die sich einer Einordnung widersetzte. Und ich kam wie eine Landpomeranze mit Gender-Dualismus daher. Sie oder er reagierte frostig.

 

 

Auf der Bühne  gab ein Kerl als "Irmgard Knef" die Parodie von Schwester Hildegard. Die Anzüge applaudierten heftig, sie fühlten sich zu Hause.

 

Hinter mir saßen zwei schicke junge Mädels, offensichtlich verliebt, die mich freundlich anlächelten. Die eine im Glitzerkleid, die andere im Anzug – beide kurze Haare und teures Styling. Sicher tanzten sie nach Feierabend Standard und Latein.

Wir hatten es damals ähnlich gemacht – aber nicht mit solcher Perfektion. Das war vor über dreißig Jahren gewesen, der erste Frauenball im Hamburger Curio-Haus. Wir waren mächtig aufgeregt: Ans im schwarzen Anzug mit Fliege, ich im Marylin-Monroe-Fummel und lila Pumps – zwischen hunderten von aufgebrezelten Lesben. Beim Tanzen führte meistens ich, denn ich war schon länger dabei. Equality Dance steckte noch in den Kinderschuhen. Viele von uns wirkten auf dem Parkett noch etwas unbeholfen. Wie ich gehört hatte wurde inzwischen bei solchen Anlässen auf ziemlich hohen Level getanzt. Ich zupfte meine Haare zurecht.

Den Platz links neben mir hatte ich bezahlt und mit Klamotten belegt – meine Begleitung lag mit Grippe im Bett. Plötzlich eilte von hinten ein Mann herbei. Er wirkte so entschieden, dass ich sofort meine Sachen weg nahm und unter meinem Sitz verstaute. An der Art, wie er leise vor sich hin fluchte, erkannte ich, dass er Italiener war. Wollte mich jemand belohnen, indem der einzige italienische Mensch im Saal direkt neben mich geplumpst war? Dass ich ihn in seiner Muttersprache anredete schien ihn nicht zu wundern. Er kam aus Venedig. Ob er was mit Film zu tun hatte, konnte ich nicht herausbekommen.

 

 

Vorne wurden bereits die ersten Preise vergeben. Zwei Transen aus Brasilien bekamen ihren Teddy überreicht und dankten überschwänglich und gerührt. Als sie erklärten, dass die Situation in ihrem Heimatland für LGBTIQ-Angehörige immer schlimmer würde und wie sehr sie gerade uns und das hier brauchten, traten mir die Tränen in die Augen.

Ja. Auch deswegen war ich hier.

Der Italiener neben mir zappelte unruhig. Sein Gesicht zuckte.

 

Nun wurde Wieland Speck bejubelt, das Publikum stand sogar auf. Ich wurde leicht vergrämt, als ich mich fragte, ob man einer Frau den gleichen großen Empfang bereiten würde. Aber #metoo war hier nicht angesagt. Und verdient hatte er es allemal.

Im Stehen glaubte ich schräg vor mir Thomas Hermanns zu erkennen. Er sah alt aus. Und das wiederum sah richtig gut aus. Ich konnte nicht anders als ihn in der folgenden Stunde aus dem Augenwinkel zu beobachten. Um es gleich vorwegzunehmen: Thomas Hermanns hat jeden Test bestanden. Er applaudierte an den richtigen Stellen, wandte sich immer wieder Frauen zu und setzte sich selber überhaupt nicht in Szene. Toller Mann.

Auf der anderen Seite des Ganges saß eine Fotografin mit zweifarbigen Budapestern, Weste und einem Haarschnitt, der an Vokuhila erinnerte. Der Stil war Siebziger, ich identifizierte sie als Working-Class-Butch der klassischen Sorte – kesser Vater sagte man ja nicht mehr.

 

 

War es klug gewesen, dass ich ein schlichtes Kleid angezogen hatte? Würde ich damit irgendwelche Chancen haben?

Oder hätte ich mich richtig in Schale werfen sollen um Eindruck zu hinterlassen?

 

Zwei Schauspielerinnen aus Paraguay wurden gerade von ihrem Regisseur gelobt für den Mut, die lesbischen Hauptrollen in "Las herederas" zu spielen. Das erinnerte mich an Jake Gyllenhaal und Heath Ledger, die immer besonders gepriesen wurden, weil sie das Liebespaar in Brokeback Mountain verkörperten. Ich hätte ein Jahr meines Lebens dafür gegeben – notfalls zwei. Meine heftige Schwärmerei für Brokeback Mountain hatte mich zu der Einsicht gebracht, dass ein schwuler Cowboy in mir steckte. Mein Hals wurde langsam trocken. In meinem Rucksack unter dem Sitz befand sich eine Flasche Wasser. Ich trank sie halb aus.

Die Brasilianer sangen jetzt. Soweit ich verstand verkündeten sie gerade, dass sie keine Machos mit Schwänzen mochten, sondern Faggots wie sie selber, und dass sie dieses Ding, welches Männer üblicherweise zwischen den Beinen trugen, nicht sehr hoch bewerteten. Die Anzugträger erstarrten. Ich sank in meinen Sitz und entspannte. Es war völlig egal, was für ein Kleid ich anhatte. Es war überhaupt egal, wen oder was man performte. Selbst über Geschlechtsmerkmale könnte man großzügig hinwegsehen. Hier wurde nämlich gerade Dekonstruktion praktiziert.

Der Moderator zeigte sich inzwischen im Bustier, mit Uniformmütze und Stiefeln. Sein Hintern war beachtlich trainiert. Klavierspielen konnte er auch. Zumindest letzteres hatten wir gemeinsam.

Ein Mensch in Mönchskutte gab den politischen Mahner und erinnerte uns daran, dass nicht nur in anderen Ländern noch viel im Argen lag bei den LGBTIQ-Rechten. Auch hier musste das Erreichte konsolidiert werden – gegen neue Widerstände von rechts. Wir wurden aufgerufen, gerade jetzt wachsam und aktiv zu sein. Ich hatte erwartet, er würde nicht viel Applaus bekommen, doch ich täuschte mich. Sogar die Anzüge klatschten in die Hände. Dass sich Spaß und Glamour mit politischem Ernst verbindet, wurde hier offenbar vorausgesetzt.

 

Die Preisverleihung näherte sich ihrem Ende. Ich hatte noch keinen einzigen Menschen entdeckt, den ich kannte - und meine Versuche, Kontakt anzubahnen, waren fast ausnahmslos gescheitert. Der Italiener hatte sich bereits verkrümelt.

 

Als das Publikum ins Foyer entschwand suchte ich mir einen ruhigen Sitzplatz in der Ecke, leicht erhöht, und besorgte mir eine Flasche Bier. Damit blieb ich eine Stunde sitzen und es gelang mir, in eine Stimmung zu geraten, in der ich nichts mehr beabsichtigte. Ich fühlte mich so sehr am richtigen Platz wie selten unter Menschen.

Mir schien, als sähe ich nicht nur meine gesamte Vergangenheit vorbei defilieren, sondern auch gleich die Zukunft mit. Und das alles in leuchtender Gegenwart.

Männer mit dunklen Bärten und eleganten Abendkleidern bewundere ich spätestens seit Conchita Wurst den ESC gewonnen hat. Ich finde diese Kombination unglaublich rührend und elegant zugleich. Diesbezüglich kam ich voll auf meine Kosten.

Zwei füllige Lesben in Gesundheitstretern, Jeans und karierten Hemden standen nahe vor mir im intensiven Gespräch mit einem kleinen Mann. Ihre Ausstrahlung von Stärke und Souveränität kam mir bekannt vor. Sie erinnerten mich an leidvolle Erfahrungen, die mich zu der Einschätzung gebracht hatten, dass dieser Typ Frau nicht einlöste was er versprach.

Während ich meinen Blick schweifen ließ, spürte ich meinen Körper intensiv und wohlig. Gleichzeitig kam es mir vor, als sei ich so mit der Umgebung verschmolzen, dass ich schon fast unsichtbar wurde.

Links hinten konnte ich die kesse Fotografin erkennen in lebhaftem Kontakt mit Monika Treut, einem der wenigen Menschen, die ich zumindest vom Sehen kannte. "Die grausame Frau" hatte mich bei der Premiere in Hamburg vor fast dreißig Jahren ziemlich geflasht – und ihre späteren Filme nicht minder. Sogar den Film vom norddeutschen Pferdehof mochte ich gern.

Mahide Lein war zugegen wie stets bei solchen Anlässen. Ich dachte an ihre Veranstaltung mit LGBT-AktivistInnen aus Zimbabwe, an der ich vor über zwanzig Jahren in Berlin teilgenommen hatte. Die AfrikanerInnen sagten in jedem zweiten Satz das Wort "Mugabe". Und ich dachte damals, wenn sie so auf ihn fixiert sind, werden sie ihn nie los. Vor einigen Monaten war Mugabe endlich von der Bühne abgetreten. Ob die AktivistInnen wohl noch lebten?

 

Eine Flasche Bier reichte – oder trug womöglich gar nichts Entscheidendes dazu bei – dass ich in eine sanfte Stimmung von Versöhnlichkeit driftete, mir selbst und allen Anwesenden gegenüber.

Was hatten wir alles geschafft.

Wie hatten wir gekämpft und uns immer wieder nach vorne geworfen.

Wie hart waren wir geschliffen geworden und hatten doch immer wieder um Weichheit gerungen.

Und wie verschieden waren wir und darin doch möglicherweise verbunden.

War das hier meine Heimat? fragte ich mich gerade, als mein nächster und letzter Kontaktversuch scheiterte. Obwohl ich mit meiner Rolle als Beobachterin völlig zufrieden war, hatte ich Monika Treut in dem Moment zugelächelt, als sie mich kurz anschaute. Sie drehte sofort den Kopf weg, und ich merkte, es bedeutete mir nichts.

Irgendwie war das Ganze jetzt überpersönlich geworden. Als befände ich mich gleichzeitig in meinem Körper wie auch in dem der anderen. Ich fühlte mich alt und wunderbar zeitlos.

Meine Gedanken und Gefühle wanderten weit.

My first teddy.

 


Gabriele Freytag

  

Diplompsychologin, tiefenpsychologische Psychotherapeutin, Autorin

Interessiert sich seit dem Studium (Psychologie und Politikwissenschaft) für die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft

Promovierte über Identitätskonstruktionen

Schreibt in Prosa, Theaterstücken und Fachaufsätzen über: Körper, Geschlecht, Trauma, Identität und Heimat

Lebt in Deutschland und Italien

 

Publikationsliste und Leseproben unter www.einwilderort.de

 

 

Foto: Marina Vincenti