Was lässt uns heimisch werden und wie gehen wir mit Fremdheit und Ungewissheit um - der eigenen und die der anderen? Projekte - Lebensläufe - Annäherungen.

KURATORIN: M.BAUERMEISTER
AUTORIN: GABRIELE FREYTAG
Januar 2019

Im Körper zu Hause

von Gabriele Freytag

Foto: Carla Lama

Wie können wir eine Heimat finden, wenn wir unseren Körper nicht bewohnen?

Die Psychotherapeutin und Autorin Susie Orbach berichtet in „Bodies – Schlachtfelder der Schönheit“:

 

„Die Leute suchen mich nicht unbedingt wegen bestimmter Körperprobleme auf, aber welcher Art ihre seelischen Nöte und Konflikte auch sein mögen – früher oder später kommen fast immer Probleme mit dem Körper zum Vorschein. Als ob es absolut alltäglich wäre, eine Geschichte über sich selbst zu erzählen, in der die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper eine zentrale Rolle spielt.“

 

Orbach spricht vom „instabilen Körper“ , der sich bei vielen Menschen von morgens bis abends „im höchsten Alarmzustand“ befände. Unter dem Diktat der Selbstoptimierung sei der Körper inzwischen zu einem ebenso komplizierten Feld geworden, wie es zu Freuds Zeiten die Sexualität gewesen war.

 

„Der Spätkapitalismus hat uns aus jahrhundertealten körperlichen Praktiken hinauskatapultiert, die in erster Linie mit Überleben, Fortpflanzung, der Beschaffung von Obdach und Nahrung zu tun hatten. Heute sind Geburt, Krankheit und Altern zwar immer noch Teil des natürlichen Lebenszyklus, zugleich aber auch etwas, das man durch persönlichen Einsatz unter Nutzung des medizinischen Fortschritts und der zur Verfügung stehenden chirurgischen Maßnahmen verändern oder stoppen kann. Der Körper gilt jetzt als unser eigenes Produkt.“

 

Orbach ist nicht die einzige, der rasant zunehmende Körperscham und Körperunbehagen große Sorge bereiten. Denn all die Menschen, die in ihrem Körper nicht mehr beheimatet sind, müssen mit großer Dringlichkeit anderswo nach Kompensationen greifen.

 

Dazu möchte ich aus meiner psychotherapeutischen Praxis erzählen (eine Geschichte die aus verschiedenen Patientinnengeschichten zusammengesetzt ist).

Die junge Frau, die meine Patientin geworden war, wirkte attraktiv. Die blonden Haare hatten genau den angesagten modischen Schwung. Ihre Figur war perfekt; ich sah ihrem Körper an, dass sie daran arbeitete: Bauch flach, Po straff, Oberarme gut definiert. Ihr Gang, als sie die steile Treppe zu meiner Praxis hinaufkam, war sportlich und elastisch. Gekleidet war sie mit jener modischen Lässigkeit, die den Gesamteindruck wie zufällig aussehen ließ.

Sie war verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Ihr Mann arbeitete als Akademiker in guter Position, ein geselliger Typ, den alle sympathisch fanden.

Und nun hatte sie sich in ihren Zumbalehrer verliebt, einen jungen Brasilianer, der gerne dem Tequila zusprach und häufig teure Uhren kaufte. Und selbstverständlich göttlich tanzte. Noch war mit Manuel nichts passiert außer heftigen Gefühlen und Blicken.

Vordergründig drehte sich alles um eine Entscheidung. Sicherheit oder Aufregung? Einfamilienhaus oder Abenteuer? Die Patientin war verzweifelt und fühlte sich schäbig gegenüber ihrem Ehemann. Doch worum ging es wirklich? Was lag dahinter?

Sie war keineswegs mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden. Als Tochter einer drogenabhängigen Mutter, die mit siebzehn von einem Unbekannten schwanger geworden war, hatte sie frühe Verlassenheit erfahren. Sie war mit knapp einem Jahr adoptiert worden. In der Familie, in der sie zusammen mit den leiblichen Kindern aufwuchs, hatte sie sich zwar versorgt, aber nicht geliebt gefühlt.

„Du wirst mal eine Nutte wie deine Mutter“ bekam sie zu hören. Als sie mit achtzehn einen jungen Mann „aus guter Familie“ kennenlernte, schien das ihre große Chance, endlich geliebt und geachtet zu werden. Thomas, der sie, als sie schwanger wurde, heiratete, konnte jedoch ihren Körper nicht zum Klingen bringen. Oder war sie selber es, die keinen Zugang zu körperlichem Genuss finden konnte?

Foto: Carla Lama

 

Wie spüren Sie ihren Körper? fragte ich.

Sie lachte. Gar nicht, gab sie zur Antwort.

Nie? Auch nicht in manchen Momenten?

Wenn mir etwas weh tut. Kopfschmerzen, Menstruationsbeschwerden.

Sonst gar nicht? Wie ist es mit Sonnenbaden? Duschen? Eincremen?

Mache ich nicht gerne, sagte sie.

Denken sie, allen Frauen geht das so?

Sie lachte. Nein, aber ich kenne das andere eigentlich nur aus Filmen.

Das andere? Ja, dass es Frauen gefällt, die sexuelle Hingabe.

Welche Gefühle oder Gedanken verbinden sie mit dem Wort Hingabe?

Sie wird blass. Nun ja, nicht wirklich gute.

Gefährlich?

Ja.

Was noch?

Nuttig.

Pause. Sie meinen, ihre Mutter sei durch ihre Hingabe, durch Freude an der Sexualität zur Prostitution gekommen?

Pause. Passt ja eigentlich nicht.

Prostituierte sind nicht dafür bekannt, es aus Spaß zu tun. Was ihre Mutter vermutlich praktiziert hat, nennt man Beschaffungsprostitution. Meinen sie, ihre Mutter sei verliebt gewesen in ihren Vater?

Pause. Vorstellen kann ich es mir schon.

Was stellen sie sich genau vor? Wie sieht ihr Vater dabei aus? Wie ihre Mutter?

Sie sehen gut aus, beide. Sie haben Spaß, sie sind ganz – ja, ganz, äh - leidenschaftlich.

Sie haben das Gefühl, sie seien ein Kind der Leidenschaft?

Ja, vielleicht.

Das kann ich mir gut vorstellen, es gibt ja durchaus die Idee, für die Empfängnis müsse eine Frau bereit sein. Sie meinen, ihre Mutter wollte von genau diesem Mann in genau diesem Moment ein Kind?

Nein, das passte doch gar nicht.

Man kann auch etwas wollen, was nicht passt. Weil es schön ist. Weil man nicht so viel nachdenkt.

Pause.

Ist ihnen aufgefallen, dass auch sie gerade etwas wollen, was nicht passend ist, aber schön. Dass ihre Gefühle für Manuel nicht auf Nachdenken beruhen?

Ja, das ist schon so. Bin ich jetzt wie meine Mutter?

Was meinen sie damit „wie meine Mutter“?

Naja. Am Abstürzen. Abhängig. Heruntergekommen.

Vielleicht sind sie gerade so wie das Beste in ihrer Mutter?

Verstehe ich nicht.

Was könnte das Beste an ihrer Mutter gewesen sein?

So habe ich das noch nicht gesehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wirklich geliebt hat.

Weil sie sich nicht von ihr geliebt fühlten?

Sie hat mich weggegeben. Sie hat sich nicht um mich gekümmert. Sie hat sich nie gemeldet.

Das beste wäre die Fähigkeit ihrer Mutter gewesen zu lieben, auch wenn es unvernünftig ist. Ich habe schon öfter gehört, dass leibliche Mütter in ähnlichen Situationen sich später bei ihrem Kind gemeldet haben, die Briefe aber nicht weitergeben wurden, weil man glaubte, es sei für das Kind besser, einen harten Schnitt zu machen.

Pause. Ich kenne die zuständige Sozialarbeiterin.

Es wäre möglich nachzufragen. Wie geht es ihnen, wenn sie sich ihre Mutter als liebend vorstellen?

Pause. Schweigen.

Was hat ihre Mutter an? Wie sieht sie aus?

Sie trägt ein gepunktetes Sommerkleid, weiß mit roten Punkten, sie sieht glücklich aus. Und sie hat auch etwas Angst.

 

Foto: Marina Vincenti

Foto: Carla Lama

Die Patientin nahm Kontakt mit der Sozialarbeiterin auf. Die Briefe gab es tatsächlich und sie lagen seit über zehn Jahren in der Akte. Die Mutter war, wie wir befürchtet hatten, in der Zwischenzeit gestorben. Die geschriebenen Worte wirkten unbeholfen, voller Sehnsucht, Rechtschreibfehler und Schuldgefühle. „Kannst du mir verzeihen?“ schrieb sie wiederholt.

Die Patientin tat sich schwer, ihre Mutter anzunehmen.

Das Interesse für den Zumbalehrer ließ nach. Seine Verheißungen waren nicht mehr so aufregend. Der Schlüssel lag bei der Mutter und das Schloss klemmte gewaltig.

Was nun?

Achten sie auf ihr Körpergefühl, sagte ich, in jedem Moment, so oft wie möglich. Berichten sie mir alles, was sich gut anfühlt, und sei es auch noch so winzig.

Letztlich war es der Familienhund, der die Patientin befreite. Er war zu ihrer täglichen Aufforderung geworden, in die Natur zu gehen. Obwohl sie Angst vor dem Wald und den Feldern hatte, mit dem Hund an der Seite ging es. Die Hündin hieß Laura und wenn die Patientin rennen musste, weil sie Lauras Leine gelöst hatte und das Tier glücklich davonlief, dann, genau in diesem Moment, fühlte sie sich ein wenig frei und selbstvergessen.

Laura ist die Ko-Therapeutin, sagte ich. Sie weiß wie es geht.

Folgen sie ihr.

 


Gabriele Freytag

  

Diplompsychologin, tiefenpsychologische Psychotherapeutin, Autorin

Interessiert sich seit dem Studium (Psychologie und Politikwissenschaft) für die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft

Promovierte über Identitätskonstruktionen

Schreibt in Prosa, Theaterstücken und Fachaufsätzen über: Körper, Geschlecht, Trauma, Identität und Heimat

Lebt in Deutschland und Italien

 

Publikationsliste und Leseproben unter www.einwilderort.de

 

 

Foto: Marina Vincenti