Was lässt uns heimisch werden und wie gehen wir mit Fremdheit und Ungewissheit um - der eigenen und die der anderen? Projekte - Lebensläufe - Annäherungen.

15.05.2018, KURATORIN: M.BAUERMEISTER

 

Gibt es Igel in Syrien?

 

von Gabriele Freytag

 

 

 

Ameena hatte, so erfuhr ich von ihrer Ärztin, den Wunsch geäußert mit mir zu reden. Sie ist vor zwei Jahren mit ihrem Mann und zwei Söhnen aus Syrien hierher geflüchtet. Es gehe ihr nicht gut, sie fühle sich unruhig und bedrückt. Sie erscheint in meiner psychotherapeutischen Praxis mit Udai, dem Sohn einer anderen Familie. Ich bin davon nicht angetan, weil ich befürchte, sie könne so nicht offen reden. Der junge Mann stellt sich aber als liebevoll, bemüht und guter Übersetzer heraus. Wie viel Deutsch Ameena könnte wenn er nicht dabei wäre, erfahre ich auf diese Weise nicht.

Die beiden ziehen schon im Hausflur ihre Schuhe aus – obwohl ich beteure, das sei nicht nötig. Udai setzt sich barfuß auf den Boden. Und bald danach sitzt auch Ameena in Strümpfen auf dem Teppich, denn sie hat sofort begriffen, dass sie mit meinen Stofftieren ihre Familie konstellieren soll. Normalerweise zögern die PatientInnen, äußern Befremden und dass sie nicht sicher seien, ob sie es könnten – Ameena hingegen hantiert entschieden mit Affe, Bär und Katze. Dass sie vergisst ein Tier für sich auszuwählen, wundert mich nicht.

Ihr Mann, Najim, wird durch einen Affen verkörpert. Er springe mal hier und da hin, erklärt sie mir gestenreich und mit einem zurückhaltenden Lächeln. Am liebsten möchte sie sofort über die kleinen Tiere reden – ihre Kinder – doch ich bestehe darauf beim Eisbären, den sie schließlich für sich gewählt hat, zu bleiben. Als ich ihr – mit Udais Übersetzung - sage, dass der Eisbär stark, aber auch einsam sei und dass er vielleicht in einer gewissen Kälte lebe, fängt sie zum ersten Mal an zu weinen.

 

Die kuschelige weiße Katze ist Ameenas erwachsene Tochter Rachida, die noch in Syrien lebt. Warum Katze? frage ich. Sie sei so ruhig und … weitere Worte zur Beschreibung fallen schwer. Auch Udais Wortschatz ist, wenn es um Gefühle geht, nicht groß (was die zwei mit der Mehrzahl meiner PatientInnen teilen). Ihr beide, sage ich, auf Eisbär und Katze deutend, seid euch eng verbunden. Das verstehen sie nicht. Das Herz, ich klopfe auf meine Brust, die Herzen sind einander nahe. Ja, sagt sie. Ich gebe ihr ein Taschentuch.

Rachida hat einen Mann, für den Ameena jetzt einen Löwen aus dem Schrank nimmt. Gefährlich? frage ich, ihr Mann ist gefährlich? Ameena lässt sich Zeit. In der Ecke neben uns steht ein kleiner Hocker. Zwischen seine Beine quetscht sie den Löwen. Gefangenschaft? frage ich und schaue vom Löwen hinüber zu Ameena und Udai. Sie nicken.Der Löwe wird nun von Ameena aus dem Gefängnis entlassen. Er sei drei Monate in einem Loch unter der Erde eingesperrt gewesen, erklärt mir Udai. Schrecklich, sage ich.

Nun möchte ich am liebsten weinen.

Auch weil ich schon ahne, was kommt. Der Mann fing nach seiner Rückkehr an, seine Frau zu schlagen, und inzwischen ist Rachida ausgezogen. Es dauert eine Weile, bis Ameena das erzählt. Vermutlich dauerte es auch eine Weile, bis die Tochter es der Mutter am Telefon erzählte. Wenn schlagen - keine Liebe, sagt Ameena, nimmt die Katze vom Löwen weg und stellt sie neben sich. Ich nicke. Die Katze ist stark, sage ich zu Ameena. Sie kann sich wehren. Das ist sehr gut. Es ist mir wichtig, dass Ameena die Stärke ihrer Tochter erkennt. Rachida hat in der Ferne, in einem Land im Krieg, auch ohne ihre Mutter geschafft, in eine andere Wohnung zu ziehen. Dass sie in Wirklichkeit noch viel mehr bewältigte – weiß ich da noch nicht.

 

Ich nehme den Löwen.

Ameena streichelt die ganze Zeit ihren Eisbären, den ich ihr immer wieder in die Hand drücke, wenn sie ihn ablegen will. Der Löwe, sage ich, ist tief verletzt. Das verstehen die beiden nicht (natürlich nicht, sie denken an etwas Körperliches). Habt ihr schon mal was von Trauma gehört, frage ich Udai. Er schüttelt den Kopf.

Der Mensch, erkläre ich mit einer nach vorne weisenden Geste, fährt in einer bestimmten Bahn. Sie nicken. Wenn etwas ganz Furchtbares passiert, dann springt der Zug aus dem Gleis. Ich lasse meine Hände mit dem Löwen zur Seite hüpfen und wild kurven. Sie nicken wieder. Ich demonstriere wie der Löwe über Stock und Stein holpert, schließlich gegen eine Wand knallt und in sich zusammenfällt. Sie schauen aufmerksam zu.

Im Kopf, sage ich, und deute auf meinen Schädel, geht das dann nicht mehr. Der Kopf und auch das Herz schaffen es nicht. Der Mensch wird – ich zögere – wie verrückt. Das haben sie schon gehört. Und so ist das mit dem Löwen. Ich lege ihn wieder auf den Boden.

Ameena schaut mich ernst an. Er kann wieder ins Gleis kommen, sage ich – oder auch nicht. Er braucht Hilfe, die es sicher in Syrien jetzt nicht für ihn gibt. Ich mache ein zweifelndes Gesicht. Ameena und Udai nicken bedächtig.

Ich denke daran, was ich vor kurzem über die jungen Männer gelesen habe, die erst in der freien syrischen Armee gegen Assad kämpften und dann später über die Al-Nusra-Gruppe beim IS landeten, bei Daesch – und deren Leben inzwischen überwiegend aus Gewalt und Angst besteht. Mit einem derartigen Ausmaß des Grauens habe ich normalerweise nicht zu tun.

Ich spüre ein inneres Zittern.

Wie Rachidas Mann jemals wieder ein einigermaßen normaler Ehemann und Familienvater werden soll, ist mir schleierhaft.

Endlich komme ich auf die Idee, nach Kindern zu fragen. Zu meinem Erstaunen haben die vierundzwanzigjährige Rachida und ihr Mann drei Kinder im Alter von 2, 4 und 6 Jahren. Die Kinder sind jetzt bei der Mutter? frage ich. Ja, sagt sie. Und wo leben die vier – und wovon? Bei einem Onkel - einem Onkel Ameenas, wie ich verstehe, der gleichzeitig auch mit dem Schwiegersohn verwandt ist. Wie praktisch, denke ich, und wie verbindend. Es macht den Eindruck, als ob der Onkel gut für Rachida und ihre Kinder sorgt.

Liebt deine Tochter ihren Mann? frage ich Ameena nach einer Pause. Sie antwortet ohne Zögern mit Ja. Auch der Schwiegersohn liebe seine Frau, ergänzt Udai geschwind, ohne dass Ameena ihm etwas gesagt hätte. Sie nickt dazu.

Der Krieg, sage ich, tut den Herzen sehr weh, aber er zerstört nicht alles. Da ist immer noch Liebe.

Die fünf sind eine Familie. Ameena schnieft.

Sie hatte mich am Anfang der Sitzung über Udai gefragt, ob ich ihre Tochter aus Syrien herausholen könnte – was ich verneinte.

Nun erzählt sie, dass Rachida damals, als der Rest der Familie floh, ebenfalls mitkommen sollte. Sie sei aber wegen ihres Mannes geblieben. Der Mann sei ein Einzelkind (offensichtlich etwas Exotisches in Syrien, es wird mir umständlich erklärt), seine Eltern hätten nur ihn. Deswegen habe er nicht weggehen wollen. Jetzt bräuchte ich ein Taschentuch. Stattdessen trinke ich einen Schluck Tee. (Die beiden wollen keinen).

 

Also hat dein Schmerz schon damals begonnen, sage ich zu Ameena und deute auf ihr Herz. Sie nickt. Am liebsten würde ich jetzt sagen: Deine Tochter wird nicht nach Deutschland kommen, auch jetzt nicht, sie wird dort bleiben, bei ihrem Mann, wie sie es schon einmal getan hat. Stattdessen stelle ich die fünf auf dem Teppich eng zusammen: Rachida, die Katze, ihren Löwenmann und die drei Kinder, für die ich Zettel mit ihren Namen beschriftet habe. Ameena fängt bei diesem Anblick heftig an zu weinen und schlägt sich die Hände vors Gesicht. Udai schweigt und wirkt – wie über die gesamte Zeit – verbunden, ohne die ganze Schwere aufzunehmen. Privileg der Jugend, denke ich, der Junge ist ein Goldstück.

Wegen meiner beiden Söhne bin ich hier in Deutschland, sagt Ameena. Das glaube ich dir, sage ich und schaue ihr in die Augen. Ich hätte noch sagen können, ich habe große Achtung vor dem was du getan hast. Doch ich befürchte, dass ich dann anfange zu weinen.

All die geflüchteten Eltern, erschöpft und belastet, denke ich, sind weniger für sich hier als für ihre Kinder. Deswegen ist es auch oft schwer, die „Älteren“ - die meist zwischen vierzig und fünfzig sind - zu „integrieren“. Sie haben ihre Kräfte bereits aufgebraucht. Und den kleinen Rest verwenden sie weiter für ihre Kinder.

Warum spricht sie so schlecht Deutsch? hatte ich Udai vorher gefragt, als Ameena die Tiere aus dem Schrank holte, in der Absicht etwas über seine Einstellung zu erfahren. Es ist sehr schwer für ältere Menschen hier, antwortet er freundlich und schaut mich dabei an, als sei ich ein bisschen beschränkt. Sie haben sich nie mit Fremdsprachen beschäftigt, weil sie glaubten, sie würden ihr Land niemals verlassen. Ich nicke.

Ameena ist höchstens Ende vierzig. Sie ist eine schöne Frau und sie wirkt sehr, sehr müde.

Wo ist dein zweiter Sohn? frage ich. Bislang sehen wir nämlich nur den jüngeren, das Teddybärchen, vor uns auf dem Boden. Nun nimmt sie noch einen Igel aus dem Schrank.

Er hat Stacheln, sage ich, auf den Igel deutend. Er wolle wohl nicht, dass man ihm nahe kommt. Er liegt meistens im Bett, sagt Ameena, geht oft nicht zur Schule.

Igel, sage ich, brauchen die Stacheln für ihren Schutz. Darunter sind sie ganz weich – wie kleine Kinder. Ameena nickt und scheint ein wenig erleichtert. Gibt es Igel in Syrien? frage ich Udai. Ja, sagt er.

Es gibt Igel in Syrien.

 


Gabriele Freytag

  

Diplompsychologin, tiefenpsychologische Psychotherapeutin, Autorin

Interessiert sich seit dem Studium (Psychologie und Politikwissenschaft) für die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft

Promovierte über Identitätskonstruktionen

Schreibt in Prosa, Theaterstücken und Fachaufsätzen über: Körper, Geschlecht, Trauma, Identität und Heimat

Lebt in Deutschland und Italien

 

Publikationsliste und Leseproben unter www.einwilderort.de

 

 

Foto: Marina Vincenti