Was lässt uns heimisch werden und wie gehen wir mit Fremdheit und Ungewissheit um - der eigenen und die der anderen? Projekte - Lebensläufe - Annäherungen.

24.08.2018, KURATORIN: M.BAUERMEISTER

 

Die Zweitkatze

von Gabriele Freytag

Seitdem ich vor fünfzehn Jahren meinen zweiten Wohnsitz in den italienischen Marken eingerichtet habe, hat sich im Verhältnis der beiden Länder Entscheidendes verändert: War am Anfang das Interesse an Deutschland noch gering („Sicher furchtbar kalt dort“, „Liegt Hamburg in der Nähe von München?“), wird mein Land inzwischen von ItalienerInnen beneidet und gefürchtet.

Zurzeit genieße ich den Sommer in Piobbico am Fuße des Monte Nerone und seit einer Woche lebe ich mit einer Zweitkatze.

Wenn ich mit Freundinnen in Deutschland telefoniere, fragen sie empört „Und was geschieht mit ihr, wenn du wieder wegfährst?“ Unterstellen sie mir, dass ich das Tier bezirzt habe, um mich gewissenlos zu amüsieren? Eine Zweitfrau würde einem ja auch nicht einfach ins Bett plumpsen, sondern man müsste sie dazu ermutigen. Wenn ich derzeit nicht nur über einen Zweitwohnsitz, ein Zweitauto, einen zweiten kuscheligen Bademantel und eine zweite japanische Teeschale verfüge, sondern auch über ein italienisches Haustier – fühle ich mich an letzterem völlig unschuldig. Während meine Katze Angelo in Deutschland von fremden Menschen versorgt wird, vergnüge ich mich mit dem italienischen Pendant. Beide sind ähnlich freundlich, flexibel, selbständig und anhänglich zugleich – kurzum: wahre Beziehungsgenies.

Mit Katern habe ich einfach Glück.

Warum erzähle ich davon? Eigentlich wollte ich darüber schreiben, wie Piobbico – nach drei deutschen Heimaten - meine vierte Heimat werden konnte. Ich dachte daran, die DorfbewohnerInnen zu portraitieren, die mir ans Herz gewachsen sind. Auf die besondere Bedeutung von Tauschökonomie für die Beziehungen in abgelegenen Gegenden einzugehen. Die Unterschiede zwischen beiden Ländern in witzigen Anekdoten herauszuarbeiten.

 

Dann kam mir das Leben dazwischen. Und ich konnte nicht so wie ich gewollt hätte. Denn diesmal fühle ich mich reichlich fremd zwischen Sommerfesten und Wölfen (von letzteren werde ich in der nächsten Geschichte berichten!).

Und da kommt die Katze ins Spiel – als temporärer Balsam auf mein angekratztes Heimatgefühl. Er war mir schon angedacht, bevor ich Anfang Juni aus Deutschland anreiste. Rufus, so hatten ihn die Kinder genannt, war plötzlich unterhalb des Dorfes aufgetaucht. Hin und wieder gab ihm jemand Futter, das er hastig und gierig verschlang. Von den Kindern ließ er sich sogar anfassen. Dass er sie gebissen hat, habe ich erst jetzt erfahren. Spätestens seit ich einmal den Urlaub vorzeitig abgebrochen hatte wegen meiner kranken Katze in Deutschland, weiß man hier, wie sehr ich einen schnurrenden Hausgenossen schätze. Was lag näher als zu sagen „Der ist für Gabriele“?

Die Kinder wurden angewiesen, mir das Tier, das sich gerne versteckte, zu zeigen. „Nein“ sagten sie wie aus einem Munde und verschränkten die Arme. Sie wollten ihn für sich behalten. „Kein Problem“ sagte ich „dann lassen wir es eben bleiben“. Drei Tage später saß ich bei Vorspeisen und einem schönen Glas Wein im besten Lokal des Ortes. Hinter mir formierten sich die Kinder: „Du kannst ihn dir jetzt anschauen“. Ich sprang sofort auf.

Sein Fell wies kahle Stellen auf, er schien mir dünn und nervös. Nicht gerade das, was ich mir unter einem Mitbewohner vorgestellt hatte. „Danke“ sagte ich und verschwand aus dem Gestrüpp, in das sie mich geführt hatten. Der Abend ging vorzüglich zu Ende, der Hauptgang mit Trüffeln war köstlich.

Am Ende der Woche stand er im Garten und schaute mich aus gelben Augen an – seinen Blick hat ein Freund später „wild“ genannt. Ich gab ihm die erste Schale Futter. Als ich mich abwandte, biss er mich in den Unterschenkel. Der Abdruck hielt die ganze Woche. Ich warf ein Kissen nach ihm und wir hielten ein paar Tage Abstand.

Unsere Beziehung ließen wir langsam angehen. Rufus zwingt mich zu Gemütlichkeit und Häuslichkeit – denn das mag er am liebsten. Wir werden von Tag zu Tag entspannter.

Die Freundinnen und Freunde hier kommen mir vor wie immer.

Nur ich bleibe fremd. Mein Italienisch wird immer holperiger. Witz und Schlagfertigkeit scheinen mir abhanden gekommen zu sein. Ich finde keinen Anknüpfungspunkt. Mich stört, dass alle schnell reden und Ausdrücke verwenden, die ich nicht verstehe. In Gesprächen verstumme ich und drifte weg. Sonst hat es mir doch immer solchen Spaß gemacht, in meiner Lieblingssprache draufloszureden! Niente. Ich sinke wie Blei zu Boden, während die anderen in prächtiger Unterhaltung davonfliegen. Letzte Woche nahm ich an einer geführten Gruppenwanderung teil – wie meistens nur mit ItalienerInnen.

 

 

Die Natur oberhalb der Furlo-Schlucht strahlte im abendlichen Licht. Adler waren zwar nicht zu sehen, aber die Landschaft gab ihr Bestes und die Ausblicke waren grandios. Den Weg hätte ich alleine nie gefunden. Doch mir ging das italienische Schnattern über Alltäglichkeiten auf die Nerven.

 

Lange wechselte ich mit niemandem ein Wort. Auf die Frage „Woher kommst du?“ antwortete ich “Piobbico“. „Aber nein“ sagten sie „Woher kommst du wirklich?“. Ich kämpfte gegen meinen Ärger und rang mir ein knappes „Amburgo“ ab. Das Gespräch drohte zu versiegen. Doch dann kam, was ich bereits kenne: „Schöne Stadt, Amburgo, da würde ich auch gern mal hin, mit welcher Fluggesellschaft kann man fliegen und was kostet es?“.

Warum werde ich nie gefragt, wie es mir hier geht, warum ich Italien mag und warum ich trotzdem nicht ganz hier her ziehe.

Gerne würde ich erfahren, wie ItalienerInnen ihre PolitikerInnen finden und wie sie die Deutschen wahrnehmen. Schon oft habe ich mir vorgenommen, das Gespräch energisch dahin zu lenken. Doch ich tue es nicht, weil ich einen starken Widerstand dagegen wahrnehme. Stattdessen höre ich mir zum wiederholten Mal Komplimente über mein Italienisch an, die ich spitz mit „Ich komme seit vierzig Jahren nach Italien“ kontere. „Weißt du“ sagt man dann, meine Gereiztheit elegant umschiffend „Wir wundern uns nur so über dein gutes Italienisch, weil wir uns schwertun mit Fremdsprachen. Wir können das einfach nicht so wie ihr.“ Ich stöhne innerlich. Völkerverständigung kommt mir in diesen Tagen schwierig vor.

Spät in der Nacht kehre ich zurück zu meiner Katze, die mich zärtlich anmaunzt und bestimmt nicht fragen würde, ob ich denn hier ein zweites Auto mit deutschem Kennzeichen habe und wenn ja, wie es denn versichert sei. Mein Gefühl der Fremdheit hat viel mit einem Erlebnis gleich am Anfang meines Aufenthaltes zu tun. Ich nenne es:

Die Geschichte vom gescheiterten Hauskauf (alle Namen geändert).

Zwei Freundinnen, Beatrice und Raffaella, wollten ein Haus kaufen. Sie hatten schließlich das Traumobjekt gefunden – Alleinlage, Panoramablick, aber trotzdem mit guter Verkehrsanbindung. Sie zeigten es mir im Frühjahr stolz und ich bestätigte: „Das ist euer Haus, es ist wunderschön“.

Der Besitzer Michael wohnte in der nahegelegenen Kleinstadt und vermietete das Traumhaus gelegentlich an TouristInnen. Er wolle, so hörten wir vom Makler, sich im Alter wieder mehr nach Deutschland orientieren. Der Makler, ein Belgier, sprach schlecht Italienisch – und rückte auch auf Nachfragen Michaels Telefonnummer nicht raus. Ich erbot mich zu helfen damit die beiden den Besitzer treffen konnten. Vielleicht war ja eine Art kulturelle Mediation angesagt? warf ich scherzhaft in die Runde. Obwohl ich meine gesamte deutsche Bekanntschaft mobilisierte kam das Gespräch mit Michael nicht zu Stande. Ich flog zwei Wochen später wieder nach Deutschland.

Und als ich nach zwei Monaten nach Italien zurück kehrte, war der Hauskauf am Tag davor gescheitert. Michael hatte kurzentschlossen an zwei deutsche Banker verkauft. Sie hatten Haus und Grundstück besichtigt und am nächsten Tag Geld überwiesen. Der Makler hatte stets behauptet, die Alleinvertretung zu besitzen, und war vom plötzlichen Verkauf ebenso überrascht wie Raffaella und Beatrice. Die beiden schäumten vor Wut und waren furchtbar enttäuscht. Makler und Besitzer wussten, dass Raffaella bereits in Verhandlung mit der Gemeinde stand über den Wasseranschluss, den Ausbau der Straße und das Pachten von Land.

Meine Freundinnen sind jung und tatkräftig. Sie betreiben biologische Landwirtschaft, bauen alte Getreidesorten an, ihr Haupterwerb ist das Backen und Verkaufen von Brot. Dafür brauchen sie eine funktionierende Infrastruktur, über die das Haus als Feriendomizil nicht verfügte. Sie waren dabei, mit Einsatz, vielen Gesprächen und guten Aussichten alles zu lösen, um einen Betrieb auf die Beine zu stellen.

Als ich Michael anrufe, warum er nicht wenigstens vor dem Verkauf noch einmal Kontakt aufgenommen habe, antwortet er, er habe nicht gewusst, ob „die Damen“ noch interessiert seien.

Auf die Frage, ob der denn kein Vertrauen in Raffaella und Beatrice gehabt habe, sagt er: „Aber selbstverständlich.“ Sie könnten hier ja besser ihre Angelegenheiten regeln als er – und seien auch gleich zum Bürgermeister gelaufen. Bei diesem Satz werde ich stutzig.

Meine Freundin Loredana, eine Architektin, meint später dazu, das lasse auf Neid schließen. Sie kenne solche Reaktionen. Wahrscheinlich habe Michael Träume mit dem Haus verbunden, die er nicht von zwei jungen italienischen Frauen realisiert sehen möchte. Da verkaufe er doch lieber an deutsche Männer, die, laut Loredana, ein reines Spekulationsobjekt erworben haben. Ob noch etwas zu machen sei? frage ich Michael zum Schluss des Telefongesprächs. Nein. Das täte ihm sehr leid. Damit sie es wissen, sage ich, meine Freundinnen hätten den gleichen Preis wie die Deutschen bezahlt.

„Was hat Michael, der seit zwanzig Jahren in Italien lebt, für ein Verhältnis zu diesem Land?“ frage ich Beatrice. „Warum sorgt er nicht dafür, dass hier die Provinz belebt wird, die es so dringend nötig hat?“. „Er wird das italienische Essen, das Wetter und die Landschaft lieben, so wie alle“ antwortet sie „Das ist ähnlich wie Kolonialismus: Ich nehme was mir gefällt und was ich hinterlasse ist mir egal.“

 

Ich schweige. Und frage mich nach meiner Rolle. Was trage ich zum Wohl des Landes bei? „Du bist immerhin die einzige Deutsche, die wir kennen, die fast nur italienische FreundInnen hat“ versucht mich Raffaella zu trösten.

Die meisten ItalienerInnen fühlen sich momentan von Deutschland schlecht behandelt.

Die Zeitungen sind voll davon. Man befürchtet, zum Verlierer der Europäischen Gemeinschaft zu werden – und dass Italien ähnlich wie damals Griechenland zu Spardiktaten verdonnert werde.

Ich suche im Netz nach den Artikeln von Ulrike Hermann: Wie 2011 die italienischen Staatsanleihen im Zuge der Griechenlandkrise und der vermuteten (zunächst nicht tatsächlichen!) ökonomischen Schwäche Italiens plötzlich immer teurer wurden. Wie Deutschland dadurch vom raschen Transfer großer Geldmengen profitieren konnte und die Zinsen für die deutschen Staatsanleihen sanken. Immobilien in Berlin gehen immer noch weg wie warme Semmeln – gerne an wohlhabende ItalienerInnen. Durch die Kapitalflucht wird Italien weiter geschwächt. Die, die bleiben, fühlen sich verlassen. Ihr Stolz ist angeknackst. Die Angst geht um.

Rufus weiß davon glücklicherweise nichts.

Er hält mich nicht für eine Deutsche.

Ihm genügt es, wenn er vier Mal am Tag zu fressen bekommt.

Fortsetzung folgt...

 


Gabriele Freytag

  

Diplompsychologin, tiefenpsychologische Psychotherapeutin, Autorin

Interessiert sich seit dem Studium (Psychologie und Politikwissenschaft) für die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft

Promovierte über Identitätskonstruktionen

Schreibt in Prosa, Theaterstücken und Fachaufsätzen über: Körper, Geschlecht, Trauma, Identität und Heimat

Lebt in Deutschland und Italien

 

Publikationsliste und Leseproben unter www.einwilderort.de

 

 

Foto: Marina Vincenti