Was lässt uns heimisch werden und wie gehen wir mit Fremdheit und Ungewissheit um - der eigenen und die der anderen? Projekte - Lebensläufe - Annäherungen.

22.10.2018, KURATORIN: M.BAUERMEISTER

 

Der Berg

von Gabriele Freytag

 

„What does it mean to belong to a land? For those of us who live away from our private history, the question never heals.“

Etel Adnan, Sea and Fog, New York 2012

 

Gegen halb drei kam ich an. Meine Füße schmerzten, ich war müde. Ich hatte mir fest vorgenommen, sobald dieser Zustand eintrat eine Pause zu machen. Einen Teller Nudeln mit Soße, dazu ein alkoholfreies Bier – das würde meine Lebensgeister wieder stärken. Stattdessen hatte ich mich selbst überredet: Nur diesen einen Ausstellungsraum noch, wirklich nur diesen.

Dass die Kuratorin Carolyn Christov-Barkagiev die Künstlerin besonders schätzte wusste ich. Etel Adnan galt als eine der wichtigsten Entdeckungen der Documenta13.

Der große Saal schien mir ziemlich menschenleer dafür, dass Adnans Werke in diesem Jahr weltweit große Aufmerksamkeit erregten. Die BesucherInnen klebten an den Wänden und streckten ihre Hälse, denn die siebenundachtzig Gemälde waren kleinformatig. Ich stand unentschlossen in der Tür. Mein erster Eindruck war nicht gerade überwältigend. Nach vielem Sensationellen konnte eine lange Reihe kleiner bunter Bildchen mich nicht vom Hocker reißen.

Glücklicherweise hatte ich mir angewöhnt, ein zweites Mal hinzuschauen. Und da entdeckte ich es: Die Bilder zeigten fast alle das gleiche Motiv.

Es war als würde ich jetzt in den Raum gezogen. Etel Adnan hatte jahrzehntelang den Berg gemalt, den sie von ihrem Zuhause aus vor Augen hatte: Mount Tamalpais.

In meinen Vorstellungen über das Leben im Alter spielt der Berg gegenüber meinem italienischen Haus eine flüchtige und gleichzeitig wichtige Rolle.

Mir war aufgefallen, dass er mir beim Schreiben half. Meine Gedanken zu ihm hinzuschicken und von dort sanft zurückgesendet zu bekommen, beruhigte und inspirierte mich zugleich. Er ist weit genug entfernt, um mich nicht einzuschränken, und nah genug, um Sicherheit zu geben.

Manchmal stellte ich mir vor, wie ich eines Tages damit zufrieden sein könnte, ihn in wechselnden Tages- und Jahreszeiten zu erforschen: Von Nahem, von Ferne, mit den Augen, den Füssen, dem Körper, mit Worten, Fotografien, Bildern, alleine und in Gemeinschaft. Mich diesem einen Berg zu widmen würde mich mit stillen Glück erfüllen.

 

 

„… wir brauchen uns nicht von der Stelle zu rühren. Das Wahrnehmen selbst wird zur Bewegung.“*

Ich hatte mich sogar gefragt, ob ein Berg zur Heimat werden konnte, ob mir ein Berg zur Heimat werden könnte. Diese Phantasien behielt ich für mich. Daran zu glauben, dass ein Berg die Welt bedeuten könnte, und sei es auch nur temporär, schien mir zu abgefahren.

Etel Adnan hatte sich offensichtlich genau das zugestanden. Und war damit in den heiligen Hallen der Documenta angekommen.

Die Bilder waren kraftvoll und strahlten etwas Transzendentes aus.

Als würden sie sehr viel mehr darstellen als was man zu sehen bekam.

 

 

„Der Berg hält das Gleichgewicht zwischen der Sonne und dem Mond, zwischen dem rastlosen Verlangen zu leben und der unablässigen Sehnsucht zu sterben. Mount Tamalpais lässt die Jahreszeiten vergehen und verharrt bewegungslos.“

 

 

 

Trotz des starken Eindrucks, der mich damals wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hatte, dauerte es fünf Jahre bis ich mich mit Adnans Leben und Werk eingehender beschäftigte.

Etel Adnan wurde 1925 in Beirut geboren als einziges Kind einer christlichen Griechin und eines muslimischen Syrers. Sie wuchs in Beirut auf, schwamm als Kind viel im Meer – ihre Mutter hielt sie vom Strand aus an einer Schnur. Die Nonnen, bei denen sie die Schule besuchte, nannten sie einen „garcon manqué“, an ihr sei ein Junge verlorengegangen. Nach dem Tod ihres Vaters ging sie – gegen den Willen der Mutter, die sie enterbte - nach Paris zum Studium, danach nach Berkeley und Havard.

Adnan lebt als Weltbürgerin und engagierte Künstlerin – Malerin, Poetin, Schriftstellerin und Journalistin. Lange wohnte sie in Südkalifornien, dort lernte sie den Berg kennen.

1986 erschien „Journey to Mount Tamalpais“ - in deutscher Übersetzung 2007 von Nautilus herausgebracht.

„Seit Jahren gehe ich fort, kehre zurück, umrunde den Berg, erwache mitten in der Nacht, um sicherzugehen, dass er noch da ist, betrachte ihn, gehe ihn ab und träume, träume ...“

 

„ … immer taucht der Tamalpais als fester Bezugspunkt auf, so wie der Wüstenfahrer eine Oase ansteuert, nicht allein wegen des Wassers, sondern als Inbegriff von Heimat. In solchen Fällen werden geografische Orte zu spirituellen Entwürfen.“

Ich hatte mich nicht getäuscht: Der Berg war tatsächlich zu ihrer Heimat geworden.

In ihm fand sie Halt und Inspiration.

 

 

 

„Wir brauchen den Berg, um da zu sein. Oder um zu verschwinden. Wenn wir aus der Sierra zurückkommen, sehen wir ihn am Horizont und wissen, hier ist Heimat.“

 

 

In den dreißig Jahren mit dem Berg lebte sie keineswegs allein, wie ich zunächst geglaubt hatte, sondern in einem Künstlerkollektiv und in einer Beziehung mit der Bildhauerin Simone Fattal.

 

„Wir waren ohne Ritus des Übergangs. Wir hatten keine Initiation durchgemacht, als wir Kindheit und Jugend ohne Vorwarnung betraten. Deshalb kommen wir zum Berg. Wir haben keine andere Erhebung.“

 

 

1972 ging sie zurück in den Libanon, um für eine französische Zeitung zu berichten. 1975 brach dort der Bürgerkrieg aus (der bis 1990 dauerte), Adnan lebte mittendrin. Ein Jahr später verließ sie Beirut und zog nach Paris.

Dort schrieb sie in einem Rutsch „Sitt Marie Rose – eine libanesische Geschichte“. Der Roman handelt vom Krieg aus der Innenperspektive von Tätern und Opfern: von Verrohung, Vergewaltigung, Folter – und der Tapferkeit einer Frau. Sprachlich großartig, inhaltlich fast unerträglich und nach vierzig Jahren von erschreckender Aktualität. Sie wendet sich gegen jede Form von Fundamentalismus – und bekommt Morddrohungen nach der Veröffentlichung 1977.

„Ich war ein Boot, das lange umhertrieb, und als ich nach Hause kam, war der Hafen zerstört, und ich malte das Meer.“

 

Simone Fattal über ihre Freundin und den Tamalpais: „Er wurde zu ihrem Bezugspunkt, zu ihrem Zuhause fern ihrer Heimat. Sie lebte mit dem Berg, auch später, als sie nach Beirut zurückgekehrt war. Die pyramidale Form des Berges hatte sich ihr eingeprägt. Sie war Teil ihrer Identität geworden.“

 

„Wir schliefen unter Bäumen, genauer in der überwältigenden Traurigkeit des Berges, und wir erwachten wie neu.“  

 

Im Netz fand ich ein Bild aus ihrer Bergserie, das mich sehr ansprach. Es schien mir – stark abstrahiert – den Ausblick von meinem italienischen Haus aus darzustellen, sogar das fließende Wasser, von Weitem den Blicken verborgen, war darauf zu sehen. Genau genommen war es das Gefühl, das abgebildet wurde, nicht der Berg selbst.

 

„Landschaften malen heißt, kosmische Ereignisse herstellen. Der eigentliche Raum eines Bildes – seine wahre Dimension – ist der Raum der Erinnerung. Wenn unsere Augen geschlossen sind, haben die größten Flächen auf wenigen Zentimetern Platz. Wir malen sie auf eine Leinwand, und die verweist unsere Erinnerung dann wieder auf die Welt im Großen.“

 

 

Das kleine Gemälde wurde von einer Pariser Galerie zum Verkauf angeboten. Es hätte mir ermöglicht, den italienischen Berg in meine deutsche Wohnung zu holen. Ich erkundigte mich per Mail nach dem Preis. Am Abend las ich die Antwort. Sollte ich jemals sechsunddreißigtausend Euro ausgeben für ein Kunstwerk, dann für dieses, mit größter Freude.

 

„Einmal wurde ich vor laufender Fernsehkamera gefragt: „Wer ist die wichtigste Person, die Sie je getroffen haben?“, und ich weiß noch, wie ich antwortete: „Ein Berg“. So entdeckte ich Mount Tamalpais im Mittelpunkt meines Daseins.“

 

Dieses Jahr verbrachte ich zum ersten Mal einen ganzen Sommer in meinem Haus im nördlichen Apennin. Seit vier Wochen bin ich wieder zurück in Deutschland – wo es schön ist und vertraut, sogar das Wetter stellt mich zufrieden.

Doch das Dortige fehlt mir körperlich und seelisch. Ich möchte da sitzen, hinter dem Haus, meinetwegen im Herbst dick eingemummelt, und meinen Berg vor mir haben.

 

„Gegen drei Uhr nachmittags schwillt der Berg an. Die Farben und Schatten nehmen an Tiefe zu. Alles wird plastisch. Alles erscheint geheimnisvoll.“

 

 

*Alle Zitate von Etel Adnan aus: Reise zum Mount Tamalpais, Hamburg 2007

Alle Zeichnungen wurden mit freundlicher Unterstützung angefertigt von Rosa Krieg.

 


Gabriele Freytag

  

Diplompsychologin, tiefenpsychologische Psychotherapeutin, Autorin

Interessiert sich seit dem Studium (Psychologie und Politikwissenschaft) für die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft

Promovierte über Identitätskonstruktionen

Schreibt in Prosa, Theaterstücken und Fachaufsätzen über: Körper, Geschlecht, Trauma, Identität und Heimat

Lebt in Deutschland und Italien

 

Publikationsliste und Leseproben unter www.einwilderort.de

 

 

Foto: Marina Vincenti