Was lässt uns heimisch werden und wie gehen wir mit Fremdheit und Ungewissheit um - der eigenen und die der anderen? Projekte - Lebensläufe - Annäherungen.

KURATORIN: M.BAUERMEISTER
AUTORIN: GABRIELE FREYTAG
Mai 2019

 

Den Schmerz wach halten

von Gabriele Freytag

 

Als sie den Satz las „Schriftsteller sind keine Ärzte, sie sind der Schmerz“ wusste sie Bescheid.

Ihren PatientInnen erklärte sie das immer so: „Möglicherweise kommt es ihnen vor, als würden wir hier miteinander plaudern, aber seien sie versichert, meine Äußerungen verfolgen die Absicht, sie in ein anderes Fahrwasser zu bringen als das bisherige, welches ja die Probleme verursacht hat, derentwegen sie hier sind. Wenn ich einen Weg wüsste, damit dieser Prozess nicht weh tut, würde ich es ihnen bestimmt verraten.“

Genau diese Haltung verband Psychotherapie mit dem Schreiben: den Schmerz frei legen und für eine Weile wach halten, damit er nicht wieder von Abwehr überwuchert und die Chance auf einen Neubeginn vertan wird.

Sie war unsicher, ob die vorangegangenen elf Beiträge als Schmerzgeschichten gelesen wurden; sie befürchtete sich zu knapp ausgedrückt zu haben. Diese letzte Geschichte war ihre Chance, um auszupolstern, zurecht zu rücken und zu ergänzen.

Sie wollte das Geschriebene durchwandern wie eine Reihe von Ausstellungsräumen und war gespannt was sie erleben würde.

 

 

Sie holte tief Luft und betrat den ersten Raum.

Hier war ihr junge gutaussehender Vater wie er über die Berge Südthüringens wanderte, mit einem dicken Rucksack wie sie jetzt wieder modern waren, beiger Stoff und Leder; zuerst allein, dann mit seiner Cousine und einem Fluchthelfer. 1947. Von der sowjetisch besetzten Zone in den Westen, drei Versuche bis es klappte. Er wirkte verwegen, hoffnungsvoll und ernsthaft zugleich. Ihre Mutter hingegen machte fast zehn Jahre später, frisch angekommen in der BRD einen verlorenen Eindruck. Sie hatte zwar durch ihre Heirat mit meinem Vater die DDR legal verlassen können, doch gleichzeitig hatte sie all ihre Freundinnen und Freunde verloren; sie in der neuen Heimat zu besuchen war niemandem erlaubt.

 

In der ersten Geschichte hatte sie den Schmerz ihrer Familie offenbart. Heimat und Fremdsein hatten als Motiv ihr Leben durchwirkt. Der Stoff war zwar mit der Zeit verblasst, doch das Muster immer noch deutlich zu erkennen.

Ein Cousin ihres Vaters hatte sie angerufen und bestritten, dass ihr Vater sich jemals fremd gefühlt habe in der zweiten Heimat. Er mochte die Pfalz, insistierte er im schönsten Thüringer Dialekt. Hocherfreut, dass der Neunzigjährige ihre Geschichte las, wurde ihr klar, aus seiner Perspektive auf ihren älteren Vater mochte das stimmen, er hatte seinen Cousin erst spät im Leben wiedergefunden. Doch in den Jahren, in denen sie von Ende der Fünfziger bis Mitte der Siebziger Jahre aufgewachsen war, hatte sie ihre Eltern stets als fremd in der neuen Heimat erlebt. Sie mochte die Idee der vier Heimaten sehr; es fühlte sich nach Freiheit an ohne Bindung zu vernachlässigen.

Außerdem, so fand sie, konnte man durch die Wahl einer zweiten oder dritten Heimat auch übermäßiges Leid vermeiden. Nàzim Hikmet hatte einst geschrieben „Ich liebe mein Land: schaukelte auf seinen Platanen, saß in seinen Gefängnissen. Nichts sonst kann mir das Gefühl der Bedrückung nehmen als die Lieder und der Tabak meiner Heimat.“ Er starb mit gebrochenem Herzen in der Fremde.

Froh und dankbar war sie, im Westen Deutschlands geboren zu sein. Mit der verordneten Uniformität im der Deutschen Demokratischen Republik wäre sie vermutlich schlecht klar gekommen.

 

 

 

Im zweiten Raum duftete es nach Kaffee und Kardamom und sie traf auf fünf syrische Familien, die Ende 2015 in ihrer Nachbarschaft angekommen waren.

In der damaligen Unterstützergruppe hatte sie immer wieder betont, dass sie gerne kostenlos therapeutische Gespräche für die Neuankömmlinge anbot. Einmal hatte sie den jungen Syrerinnen von ihrem Beruf erzählt, aber mehr noch war sie darauf angewiesen, dass andere auf die Möglichkeit von Psychotherapie aufmerksam machten.

Besonders die Männer könnten es gebrauchen. Sie hatten mit der Heimat auch ihre Position als Ernährer und Vertreter der Familie nach außen verloren (die Kinder konnten meist besser Deutsch). Nun hantierten sie zwar den ganzen Tag auf ihren Mobiltelefonen, doch sie konnte sich schwer vorstellen, wie das ihre verlorene Wichtigkeit ersetzen sollte. Die Frauen hatten ihre Aufgabenbereiche zum großen Teil behalten, sie wirkten zwar traurig, aber nicht so verloren und haltlos.

Letztlich hatte nur Ameena das Angebot angenommen. Und ihr war klar geworden: Der Grund, warum Ameena – und andere - sich fremd fühlten, war nicht der Unterschied der Kulturen. Es waren die Narben und Wunden, deren Versorgung ihre Aufmerksamkeit band und ihre verbliebene Kraft verbrauchte. Das würde noch lange so bleiben; und kein Sprach- und Integrationskurs der Welt – obwohl zweifellos wichtig - würde daran viel ändern.

Als sie den Raum verließ dachte sie an Ameenas Tränen.

 

 

 

Im dritten Raum brauste das weite Meer, aber ihr wurde auch ein wenig eng in der Brust. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser, der Himmel war wolkenlos, die Häuser strahlend weiß mit blauen Fenstern und Türen. Die reinste Idylle. Sie hatte als junge Frau ein Jahr lang auf der Insel gelebt.

Als sie nach Jahrzehnten wieder zurück kam, war ihr zwar der Anblick vertraut, gleichzeitig schien ihr der Ort stark verändert. Als stünde die Fassade noch, aber dahinter wäre etwas verschwunden.

Ihr Freund A. beklagte den Niedergang des Gemeinschaftsgefühls. Früher hätte nicht jede/r nur an sich gedacht, da hätte man noch Träume geteilt und gemeinsame Pläne geschmiedet.

Als in der Bar der Ausdruck „Inselbewohner DOC“ fiel war sie wenig überrascht; hier musste offensichtlich etwas beschworen werden: di origine controllata, Herkunft kontrolliert. Nach und nach hatte sie mitbekommen, dass die meisten Menschen gar nicht mehr in ihren Inselhäusern lebten, sondern auf dem Festland.

Zur Insel kamen sie nur, wenn gutes Wetter vorhergesagt war. Auch früher hatte man viel über das Wetter geredet. Es war jedoch etwas gewesen was man gemeinsam ertrug. Durch ausgedehntes Kommentieren wurde dem Ausgesetztsein die Spitze genommen, als könnte man Stürme und meterhohe Wellen bannen. Inzwischen hatte der Wetterbericht eine andere Bedeutung. Er entschied, ob die Insel von dreißig oder dreihundert Menschen bevölkert war.

Die InsulanerInnen schienen sich über ihre Rückkehr zu freuen.

Dass sie inzwischen ein Haus in den italienischen Marken besaß wussten zwar alle, doch es blieb eisern unkommentiert. In der Bar versuchte man beharrlich, fast mit einer gewissen Aggressivität, ihr eine Bleibe zu verkaufen. Sie ließ sich dazu hinreißen, ein Anwesen direkt über der Steilküste zu besichtigen, das seit kurzem zu erwerben war. Die Lage war atemberaubend, die Gestaltung stammte von einem guten Architekten. Früher einmal wäre das ihr Traumhaus gewesen. Jetzt nicht mehr.

 

 

 

Im vierten Raum traf sie auf Menschen mit Bärten in Abendroben, elegante Frauen in kurzen Kleidern, burschikose in Holzfällerhemden, Männer und Frauen und alles dazwischen in hautengem Leder. Die Luft schien dezent mit Erotik angereichert: Gala zur Verleihung des Teddy Awards, des lesbisch-schwulen Filmpreises der Berlinale.

Sie musste an die Achtziger Jahre der Hamburger Frauenkneipe denken; ihre holländische Freundin war geschockt gewesen, eine Lesbe zu erblicken in einer schwarzen Lackhose, die den Hintern frei ließ. Obwohl es an Wagemut nicht mangelte, war ihre persönliche Erinnerung davon geprägt, dass man sie gerade wegen ihres Kleidungsstils in der Szene oft kritisiert hatte: zu schick, zu offenherzig, zu körperbetont. Heute wäre das wohl nicht mehr so.

Sich eine Heimat zu suchen per Identifikation mit einer marginalisierten Gruppe öffnete zwar eine Tür zur Freiheit, brachte jedoch leider auch neue Beschränkungen mit sich.

Doch jetzt wollte sie sich amüsieren. Sie spürte Lust zu tanzen, genauer: sich um die eigene Achse zu drehen mit ausgestreckten Armen. Die Wände flogen an ihr vorbei; sie konnte das lange weitermachen ohne dass ihr schwindlig wurde. Mit jeder Drehung kam sie mehr zu sich, als würde sie den Raum umarmen.

Interessant, dachte sie beim Übergang zur nächsten Geschichte, dass sie genau hier der Impuls zu einem Derwischtanz erfasst hatte.

 

 

 

Im fünften Raum erwartete sie ihre Heimat in den italienischen Marken: an den Hängen des Monte Nerone sah sie schon von Weitem ihr Haus rosa leuchten.

Nach achtzehn Jahren machten sich auch dort gewisse Abnutzungserscheinungen bemerkbar: Die anfängliche Begeisterung über eine Frau aus Deutschland, die tatkräftig ein verfallendes Haus renovierte, hatte sich gelegt. Und ihrerseits stimmte sie gerne Freund M. zu, einem der wenigen kosmopolitischen Italiener in der abgelegenen Gegend: Was in Italien funktionierte war die Gastronomie, alles andere …

Ihr Freundeskreis bestand zu 90 Prozent aus ItalienerInnen. Im letzten Jahr hatte ihre uneingeschränkte Loyalität zwei jungen italienischen Freundinnen auf Haussuche gegolten, die sich über den deutschen Verkäufer eines Landhauses arg geärgert hatten, als der das Traumhaus während des Verhandlungsprozesses an jemand anderes veräußerte. Interessanterweise traten die Käufer, zwei deutsche Banker, nach einigen Wochen vom Kauf zurück, der Weg war wieder frei für die Freundinnen. Beim Treffen mit dem Hausbesitzer war überraschend auch die Mutter einer der jungen Frauen dabei und hatte sich wütend über die Deutschen im Allgemeinen beschwert, die Italien für ein rückständiges Land von Mandolinenspielern hielten. Alles Kolonialisten hatte sie geschnaubt. Der Kauf kam nicht zu Stande.

 

Sie hatte nicht gefragt „Und was ist mit mir?“, es wäre ihr kleinlich vorgekommen. Den Stachel fühlte sie immer noch. Am Berg nannte man sie auch nach achtzehn Jahren „die Deutsche“.

Vielleicht sollte sie sich einfach stärker raus halten. Italien war voll von Menschen, die das auf elegante Art praktizierten. Der Zweitkatze, die ihr letztes Jahr zugelaufen war, ging es prächtig. Der rot getigerte Kater, der während ihrer Abwesenheiten von Freundinnen versorgt wurde, betrachtete ihren schönen Garten als seine Heimat und schien nicht die Absicht zu haben, das jemals zu ändern.

 

 

 

Im sechsten Raum war zunächst nur die bekannte italienische Umgebung zu sehen: Büsche, gedrungene Laubbäume, vereinzelt Bergwiesen mit wunderschönen Blumen, viel Fels und rauschendes klares Wasser. Doch sie wusste Bescheid: Dahinter waren die Wölfe. Sie kamen immer näher und waren bereits 50 Meter unterhalb ihres Grundstücks von zwei Wanderern gesichtet worden. „Die beiden sind aus Rom“ hatte ihre Nachbarin gesagt „deswegen haben sie sich so erschreckt.“

Sie führte nicht zum wiederholten Mal an, dass sie sich ohne Zweifel auch sehr erschrecken würde. Es hatte keinen Sinn. Entweder man akzeptierte die Wölfe, dann musste man ihnen ohne mit der Wimper zu zucken gegenüber treten, oder man war dagegen – wie die meisten Einheimischen – dann konnte man in der Angst vorm Wolf geradezu baden. Dazwischen gab es nichts, es sei denn man war aus Rom …

Völlig falscher Umgang mit bedrohlichen Veränderungen, dachte die Psychologin in ihr. Die Abwehr wurde geradezu gefördert, niemand würde seine Ängste durcharbeiten können.

Während des Winters hatten die Nachbarn am Berg Fotos der Wölfin am Gartenzaun gepostet. Bei ihrer Rückkehr im Frühjahr wurden Hütehunde, Spezialzäune, Esel, Lamas und Vergrämung mit Schallwellen als allesamt ineffektiv erörtert. Als eine junge Frau erzählte, sie hätte die Wölfe aufgefordert, bitte woandershin zu gehen, konnte sie endlich auch etwas beitragen: „Sprich mit ihnen.“

 

 

 

Der siebte Raum stand im Zeichen des Bergs. Wie ein pelziges grünes Tier erhob sich der Monte Nerone und streckte sich in alle Richtungen. Ihr Blick wurde von ihm begrenzt. Wenn sie die Augen zu den Bergen erhob, fühlte sie sich geborgen.

Ihre Recherchen hatten ergeben, dass es den Menschen in der Gegend ebenso ging. In der Ebene fühlten sie sich verloren, Weite ohne Ende machte ihnen Angst. Die Berge gaben Orientierung, wenn man in verschiedene Himmelrichtungen blickte und die bekannten Erhebungen sah wusste man wo man sich befand. Möglicherweise wusste man auch wer man war.

Von ihrem Freund E., der jeden Tag auf den Berg fuhr um dort seine Tiere zu versorgen, hatte sie nach über einem Jahrzehnt erfahren, dass er seine Kindheit größtenteils in einem „Collegio“ - einem Internat – am Meer verbracht hatte. Wieso Collegio, hatte sie gefragt, du hattest doch Eltern. Kleine Pause, E. nahm Anlauf. Es war billiger dort, von dem was meine Eltern für das Internat zahlten hätten sie mich zu Hause nie ernähren können. Heimweh? Und wie. Gott sei Dank war ich nicht bei den Mönchen im Internat, da wäre es nämlich richtig schlimm gewesen. Noch schlimmer? hatte sie dann nicht gesagt.

 

Der libanesischen Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan war in der Emigration der kalifornische Mount Tamalpais zur Heimat und geworden. Auf der documenta hatte sie vor vielen Jahren einen Raum entdeckt mit Adnans Bildern vom Tamalpais. Sie hatte sich erlaubt, Adnan als Schwester im Geiste zu betrachten.

In bewegten Zeiten, in denen Heimaten entgleiten oder zerstört werden, kann ein Berg zur Heimat werden.

 

 

 

Vor dem achten Raum hätte sie am liebsten eine Pause gemacht. Doch es gab nichts, was zur Ruhe einlud.

Der Raum, den sie gemächlich betrat als wäre er sakral, war leer bis auf ein Bild an der Wand.

In einem schlichten weißen Rahmen wurde ein Gedicht ausgestellt. Es brauchte nicht mehr als diese Zeilen, deren Autor am zweiten Tag seiner Ankunft in Italien an Entkräftung gestorben war. Tesfalidet Tesfom, genannt Segen, war ein Dichter aus Eritrea gewesen.

Dass Menschen auf dem Mittelmeer starben war bekannt.

Auch wie das geschah konnte man herausfinden.

Die Gründe für das Sterben wurden zwar unterschiedlich bewertet, doch auch sie waren allgemein bekannt: Diese Menschen waren nicht willkommen, sie sollten die Länder des Nordens nicht betreten und vor allen Dingen sollten sie nicht bleiben.

Was Not tat war also nicht Information.

Sondern Betroffenheit? Berührung? Verbundenheit? Mut?

Sie entschied sich für letzteres. Nicht nur auf der Seite derer, die aufgebrochen waren, brauchte es Mut, sondern auch diejenigen, die Platz für sie machen sollten in ihrer Mitte und dafür ihre Komfortzone verlassen, brauchten am besten ein mutiges Herz.

„Ich liebe dieses Buch, aber ich kann es nicht empfehlen“ hatte Silvia Bovenschen über ihr letztes Werk gesagt.

Sie konnte Segens Gedicht auch nicht empfehlen, obwohl sie es liebte. Sie wusste, dass genau hier das spirituelle Herz ihrer Geschichten schlug. Schnell verließ sie den Raum: Bei allem Mut – Segens Gedicht war schwer auszuhalten.

 

 

 

Im neunten Raum wimmelte es von Körpern: großen, kleinen, dicken, dünnen, dunklen, hellen, krummen, geraden, fleischigen, schlaffen und muskulösen. Hinter den realen Körpern waren ideale Körper an die Wand projiziert, fotogeshopt und aufwändig retuschiert. Wie sie aussehen weiß inzwischen jede/r – noch im entlegensten Winkel der Erde. Sie dachte an die wunderschöne Madhu, die sie im Dritte-Klasse-Wagen zwischen Kurunegala und Anuradhapura kennengelernt hatte – und die sich hässlich fand. Die Spannung zwischen Realität und Ideal schmerzte. Niemand konnte sich angesichts der Inszenierungen, die wie zufällig wirken sollten, noch schön und richtig finden.

Wenn Menschen sich im Körper nicht zu Hause fühlen, hatte sie stets befürchtet, dann würden sie doch auch nicht in einer Landschaft, einer Stadt oder einem Land eine Heimat finden. Die Suche müsste dann etwas Verzweifeltes, Forciertes haben und würde stets ihre Grundlage entbehren.

Doch sie kam sich altmodisch vor, Hinspüren und Akzeptanz vorzuschlagen, wenn man sich den Magen verkleinern lassen konnte, die Brüste vergrößern, die Augenbrauen tätowieren und die Schamlippen korrigieren. Sie selber unterhielt sich gerne mit ihren Organen und Körperteilen. Wenn sie das Knie schmerzte fing sie als erstes ein Gespräch mit ihm an: Was brauchst du? Was kann ich für dich tun? Antworten hatte sie immer bekommen. Sie ging sogar davon aus, dass die vielen Dialoge mit dem Muttermund großen Anteil an ihrer Heilung vom Gebärmutterhalskrebs hatten.

Doch wer wollte einen solch unspektakulären und manchmal langwierigen Weg einschlagen? Es gab wenig Forschung darüber wie viel Menschen selber über ihren Körper und seine Probleme wussten. Doch man hatte festgestellt, dass Krebspatientinnen in tiefer Entspannung und unter Anleitung die Lage und Größe ihrer Tumore erstaunlich genau angeben konnten.

Sie wollte keine Spaßbremse sein, die junge Frauen davon abhielt, sich schön zu machen und ihren Vorbildern auf Instagram nachzueifern, doch sie hatte oft genug in ihrer Praxis die Folgen des frenetischen Optimierungswahns gesehen: Verzweiflung, Selbsthass und Depression – keine Heimat, nirgends.

Die Geschichten, die in diesem Raum erzählt werden konnten, waren unzählbar. Wenn überhaupt, wurde ihnen erst Gehör geschenkt, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen war. Sie begann, sich wie ein nasser Pudel zu schütteln: Nichts wie weg.

 

 

 

Im Raum Nummer 10 begegnete sie den aus Syrien Geflüchteten von Raum 2 wieder. Sie wohnten nicht mehr in der Nachbarschaft und lümmelten entspannt in der Sonne vor ihrer neuen Bleibe. Rachida hatte ihre Haare blond gefärbt. Djamila trug Mütze über dem Kopftuch und arbeitete bei einem Frisör. Der türkische Jungunternehmer hatte einen separaten Raum eingerichtet, wo Frauen, die Kopftuch trugen, in geschützter Atmosphäre die Haare geschnitten wurden. Nannte man das Marktlücke oder schon neue Märkte? Selbst Ameenas bodenlanger Kittel kam ihr schicker und heller vor als am Anfang. Die Männer hatten den deutschen Führerschein erworben und standen rauchend vor ihren verbeulten Autos.

Die Erwartungen der ehrenamtlichen Unterstützergruppe hatten die SyrerInnen nicht erfüllt: nicht alle waren berufstätig, nicht alle sprachen gut Deutsch. Und nach wie vor waren sie am liebsten mit ihren Landsleuten zusammen.

Erst als sie Max Czolleks „Desintegriert euch“ las hatte sie sich bestärkt gefühlt in ihren Zweifeln an den deutschen Integrationsmaßstäben. Die anvisierte gute Integration diente in erster Linie dem, was Czollek die Wiedergutwerdung der Deutschen nannte. MustermigrantInnen sollen bezeugen, wie edel, hilfreich und gut die BewohnerInnen des Gastlandes geworden sind.

Die Einladung zum Kaffee nahm sie nicht an. Ihre ehemaligen NachbarInnen winkten fröhlich als sie wegging.

 

 

 

Der elfte Raum verströmte den Zauber der Tropen:

Sri Lanka duftete süß und umschmeichelte sie mit warmer Luft. Sie war nach zwanzig Jahren zurückgekehrt in das Land, dessen warmherzigen Menschen sie viel verdankte.

Am Ostersonntag erfreute sie sich am letzten Raum ihres Rundgangs.

 

An diesem Tag wurden in Sri Lanka über 250 Menschen getötet durch Bombenattentate in Kirchen und Luxushotels und über 500 verletzt.

 

Mit ihrem Freund J. war sie am vorletzten Abend, vor weniger als zwei Monaten, auf einem Empfang in Colombos Galle Face Hotel gewesen - dort, wo die alten Ceylon-Romane gerne beginnen.

Menschen, die sie nicht kannten, hatten ihr offen in die Augen geblickt und freundlich gelächelt. Frauen sahen hinreißend aus in Seidensaris und hochhackigen Sandalen, Männer, meist älter, wirkten entspannt. Es waren nicht viele Weiße unter den ungefähr fünfhundert Anwesenden im Raum, doch das machte nichts, selbst die Tatsache, dass sie völlig unangemessen gekleidet war, schien nicht zu stören. Während sie an frittierten Garnelen knabberten und Weißwein nippten, zeigte J. auf einen Mann im weinroten Jackett, etwa zehn Meter entfernt: „This is former president.“ Sie hätte sich fast verschluckt und konnte gerade noch flüstern, ist womöglich auch sein berüchtigter Bruder da. J. bestätigte. Von einem Moment auf den anderen fühlte sie sich nicht mehr sicher; ihr fiel auf, dass es keine Kontrollen am Eingang gegeben hatte; sie waren einfach rein spaziert. Zu J. sagte sie, ich geh mal nach draussen, hier gibt’s doch bestimmt eine schöne Terrasse am Meer, dann kannst du dich auch mal in Ruhe deinen Freunden widmen.

Die Wellen schlugen gegen die Ufermauer, warme Lüfte streichelten sie, leise Jazzmusik klang aus der Bar, die Zigarette war köstlich. Das Leben wunderbar.

Am Ostersonntag hatte sie J. in Colombo angerufen. Er ging ans Telefon, er war am Leben. Wir befürchten jetzt, sagte er mit der vertrauten weichen Stimme, dass es Racheakte an MuslimInnen geben könnte. Ein Blutbad womöglich. Was sollte sie sagen? Ich umarme dich. Ich bin bei dir.

Beim Verlassen des letzten Raumes spürte sie einen Schmerz, von dem sie wusste, dass er lange bleiben würde. Es gab keine Medizin dagegen.

 

 

 

Preisausschreiben!

 

Wir wollen wissen, welche eure Lieblingsgeschichte ist von den 12 Geschichten zu Heimat und Fremde.

 

Schreibt bis zum 01.06.2019 an numero1@remove-this.gmx.de, gebt den Titel an und nehmt damit an einer Verlosung teil.

 

1. Preis: Ein Drei-Gänge-Menu (für max. 2 Personen) mit Wein und Wasser bei Gabriele Freytag auf Gut Daudieck in Horneburg – auf Wunsch mit Gutsführung und Bootsfahrt auf dem Daudiecker See

 

2. und 3. Preis: individuell ausgewähltes Buch

 

Bis zum 02.06.2019 werden (unter anwaltlicher Aufsicht) die GewinnerInnen gezogen und danach gleich benachrichtigt – viel Glück!

 


Gabriele Freytag

  

Diplompsychologin, tiefenpsychologische Psychotherapeutin, Autorin

Interessiert sich seit dem Studium (Psychologie und Politikwissenschaft) für die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft

Promovierte über Identitätskonstruktionen

Schreibt in Prosa, Theaterstücken und Fachaufsätzen über: Körper, Geschlecht, Trauma, Identität und Heimat

Lebt in Deutschland und Italien

 

Publikationsliste und Leseproben unter www.einwilderort.de