Was lässt uns heimisch werden und wie gehen wir mit Fremdheit und Ungewissheit um - der eigenen und die der anderen? Projekte - Lebensläufe - Annäherungen.

01.12.2018, BIRTE RAUSCHENBERG

ACHIMS GELIEBTER MISTJOB

ACHIM, DER MISTJOB & ICH

Der Typ, der da flucht ist mein Vater Achim. Normalerweise hat er bessere Laune. Doch an Tagen wie diesen, an denen nichts funktionieren will, kann es schon mal zu kleinen bis mittleren Wutausbrüchen kommen. Achim hat eben viel Leidenschaft für seinen Beruf. Anders lässt sich für mich nicht erklären, warum er den steigenden Belastungen seit Jahren wacker standhält und den zunehmend schwieriger werdenden Bedingungen seine schweißgebadete Stirn entgegenhält.

 

 

In meinen Augen hat Achim einen richtigen Mistjob:

Er ist Kleinbauer.

 

Und die haben es in Deutschland sehr schwer. Trotzdem hoffen Achim und vor allem Opa und Oma, dass die lange Familientradition weitergeführt werden kann. Ihnen wäre am liebsten ich würde den Hof übernehmen. Mir nicht. Von Hoffnung, Enttäuschung, Politik und Schweiß handelt die Geschichte, die ich hier erzählen möchte. 

 

Birte streichelt Kühe bei einem ihrer letzten Besuche auf dem Hof.

 

Das bin ich, Birte. Sollte ich auf dem Foto wie die enthusiastische Jungbäuerin wirken, so muss ich diese Illusion direkt entzaubern: In Wahrheit hat es so viel Glaubwürdigkeit wie die Bilder auf den „Weidemilch“-Verpackungen von Aldi. Denn statt den Gummistiefelspuren meines Vaters zu folgen, entschied ich mich, so schnell wie möglich mein Heimatdorf in Nordhessen zu verlassen und in die Stadt zu flüchten.

Wenn ich meinen Freunden in der Stadt erzähle, dass ich vom Bauernhof komme, denken sie an Getreidefelder, ausgeglichene Menschen und grasende Kühe, die nur darauf warten, dass man ihnen den Hals krault. Kein Wunder, schließlich wird dieses Bild der Landidylle auch fleißig vermarktet. Meine Assoziationen zum Landleben sind dagegen weitaus unromantischer.

 

Bauernhof heißt für mich Arbeit, Stress und der harte Kampf um das wirtschaftliche Überleben.

Denn das ist es, was Achim mir seit klein auf vorlebt. Oft habe ich mich gefragt, warum mein Vater sich darauf eingelassen hat.

 

"Es kann nur besser werden", sagte Opa.

Doch es wurde nicht besser.

Was schon damals nicht gut war, ist heute noch schlechter. Das hat vielfältige Gründe: Flächenverluste, wirtschaftliche Risiken, der Druck, sich vergrößern zu müssen. Doch mit der wichtigste Grund: Der Erlös der Landwirte an ihren verkauften Produkten ist in den vergangenen Jahren enorm gesunken. Weniger als 21 Prozent landen bei den Erzeugern. Als Achim im Jugendalter beschloss, den Hof zu übernehmen, war dieser Anteil mit 48 Prozent mehr als doppelt so hoch. Am niedrigsten ist der Erlösanteil bei Getreide. Achim verdient mit seinem Hof fast ausschließlich an diesen Nahrungsmitteln.

DBV-Situationsbericht 2017/18

EIN RECHENBEISPIEL

Wie hart Achim bei den niedrigen Erlösanteilen kalkulieren muss, zeigt der Blick in seine Bücher. Den Berechnungen legt er einen Stundelohn von 12 € für seine Arbeitskraft zu Grunde.


Abzüglich der Unkosten bleiben für Achim damit 75 Euro bei einer gepachteten und 375 Euro bei einer eigenen Fläche übrig.  Bei Achims 25 eigenen und 20 gepachteten Hektar Land macht das überschlagen knapp 11.000 Euro - nach einem Jahr. Doch auch das ist noch nicht der Gewinn. Abrechnen muss Achim noch Ausgaben für Altersvorsorge, diverse Versicherungen (z.B. Gebäudeversicherung und Ernteausfallversicherung), Gebäudesanierungen, Lohn für Erntehelfer, Altenteilzahlungen an meine Großeltern, Reparaturen der Maschinen, Tierarztkosten, manchmal auch Neuanschaffungen. Und dann ist da noch das Risiko ...

 

 

Dreißig Prozent Minderertrag. Das bedeutet für den Betrieb wieder ein Jahr ohne Rücklage, wieder weiter entfernt von Investitionen, die dringend nötig wären. Denn die 60 Wochenstunden, die Achim schuftet seit er 15 Jahre alt ist, reichen gerade so aus. Wenn unser Hof überleben soll, muss er jedoch dringend vergrößert werden.

 

"Die Größe, die ich jetzt habe ist nicht zukunftsfähig", sagt Achim.

 

Dabei kann man der Familie nicht unterstellen, faul gewesen zu sein. Schon damals, als mein Opa den Hof übernahm, wurde auf Wachstum gesetzt.

 

 

 

 

100 Morgen Land, das sind rund 250.000 Quadratmeter. Damals war das eine Fläche, auf die man stolz war im Dorf und für die meine Großeltern manch anerkennenden Blick bekommen haben. Verglichen mit den Dimensionen, die landwirtschaftliche Betriebe heute haben müssen, um sich über Wasser halten zu können, ist diese Fläche lächerlich klein.

 

Achim sagt: "Unter 200 Hektar lohnt sich die Sache nicht mehr."

 

Entweder den Betrieb vergrößern oder die Landwirtschaft an den Nagel hängen – das sind die einzigen Alternativen für viele Kleinbauern. Also schließen jedes Jahr rund 2 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe, das sind knapp 6000. Vor allem Betriebe mit einer Fläche von unter 100 Hektar sind betroffen. Achims Hof hat 45 Hektar.

 

Der Anteil großer Betriebe wird dementsprechend immer mehr. Zwischen 2007 und 2016 stieg die Zahl der Höfe über 100 Hektar von 4.800 auf 36.600 an. Diese Großbetriebe bewirtschaften 59% der landwirtschaftlichen Fläche Deutschlands. Und die wird seit Jahren immer geringer. Das bekam auch Achim schmerzlich zu spüren...

FLÄCHENVERBRAUCH & DESSEN FOLGEN

 

98 Cent pro Quadratmeter – ein niederschmetternder Preis! Gerade in Anbetracht der Preisentwicklung für Agrarland. Diese sind nämlich allein zwischen 2010 und 2016 in Deutschand um das Doppelte gestiegen!

Auch wenn die Preise stark von Bodengüte, Nutzungsart und der regionalen Lage abhängig sind, so ragt Achims Fall als Negativbeispiel heraus. Der durchschnittliche Kaufpreis lag 2016 bei 1,43 Euro pro Quadratmeter.

Mein Vater musste sein Land verscherbeln.

Quelle: www.AMI-informiert.de

So geht es vielen Landwirte. Denn immer mehr Boden wird für Verkehrs- und Siedlungsflächen genutzt. Genauer gesagt: Jeden Tag 62 Hektar. Seit Jahrzehnten. Da es sich um eine unvermehrbare Ressource handelt, verlieren viele Bauern die Produktionsgrundlage.

DBV-Situationsbericht 2017/18

 

WAS MACHT DIE POLITIK?

EU-SUBVENTIONEN IN DER KRITIK

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU verschärft das Problem. Sie subventioniert flächenorientiert und fördert so die ohnehin gut situierten Landwirtschaftsbetriebe. Kleine Höfe, wie der von Achim haben das Nachsehen. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat gezeigt: 80% der Höfe mit den geringsten Einkommen bekommen nur 25% der Direktzahlungen der GAP. Auch der ehemalige Agrarminister Christian Schmidt sieht hierin ein Problem, wie er im März 2017 auf der Tagung des Agrarrates in Brüssel deutlich machte.

 

„Gelder sollen beim aktiven, in der Region verwurzelten Landwirt ankommen, nicht bei großen, teils branchenfremden Landeigentümern.“

 

Damit spielt er wohl auf Fälle an, wie dem von Günther Fielmann. Der 77-Jährige besitzt nicht nur ein lukratives Optikerunternehmen, sondern nebenbei auch jede Menge Land. 2016 kassierte Fielmann für seine 2000 Hektar Ackerland insgesamt 637.842,88 Euro an EU-Geldern. 

Für die branchenfremden Großinvestoren eine lukrative Geldanlage. Doch ortsansässigen Landwirten verlieren dadurch ihre Existenzgrundlage. Sie brauchen Land, um es zu bewirtschaften, doch können Großgrundbesitzern in den Verhandlungen finanziell schlichtweg nicht die Stirn bieten.

 

Auf der folgenden Homepage sind die EU-Zahlungen an Landwirte offengelegt:

 

www.agrar-fischerei-zahlungen.de/Suche

DBV-Situationsbericht 2017/18 

EU-Haushalt

 

Im Jahr 2017 umfasste der gesamte EU-Haushalt 134,5 Milliarden Euro. 32 Prozent davon flossen in den Agrarbereich, plus weitere 8 Prozent für die Fördermaßnamen des ländlichen Raums – wovon ebenfalls hauptsächlich Landwirte profitieren. Die Rückflüsse für die Bundesrepublik liegen im Agrarbereich damit besonders hoch - 60 Cent pro eingezahlten Euro fließen zurück.

Die GAP ist bislang der einzige Politikbereich der EU, der voll gemeinschaftlich finanziert wird. Das erklärt die hohen Ausgaben.

 

 

Natürlich profitiert auch Achim von diesen Geldern. Doch eben nicht im gleichen Maße wie Großbetriebe. Das verschärft die Situation der Kleinbauern weiter.

 

WIE GEHT ES WEITER?

DIE ZUKUNFT VON ACHIM & ANDEREN KLEINBAUERN

Die Zeiten der Kleinbauern sind vorbei. Höfe nehmen entweder perverse Größen an, oder sterben wortwörtlich aus.

Der Blick auf die Altersstruktur lässt erahnen, dass Achim einer der letzten seines Berufsstandes ist. Gut ein Drittel aller Landwirte ist älter als 55 Jahre. Achim ist vor kurzem 60 geworden. Mit 65 will er mit der Arbeit aufhören...sagt er.

DBV-Situationsbericht 2017/18

Doch was kommt dann?

 

Was viele Generationen vor mir aufgebaut haben, wird in meiner ihr Ende finden. Denn egal wohin mein Weg führen mag, er wird nicht auf dem Hof enden.

 

Mir fehlt schlichtweg die Leidenschaft. Und ich sehe, wie viel mein Vater für seinen Beruf opfern muss. Selten Urlaube, kaum Zeit für Hobbys, die Angst davor, durch Krankheit in finanzielle Notlagen zu geraten und das Gefühl, nie ganz mit der Arbeit fertig geworden zu sein, weil es immer etwas zu tun gibt - ein Lebensmodell, das ich nicht übernehmen will.

 

Einen engagierten Nachfolger außerhalb der Familie zu finden, ist ebenfalls schwierig. Zwei Wohnhäuser auf einem Hof in Nordhessen mit einem sanierungsfälligen Stall für siebzehn Kühe und acht Schweine, einer selbstgebauten Scheune und einer vollgestopften Werkstatt mit Getreidelager und Taubenschlag – das Angebot könnte verlockender sein.

Mir fehlt schlichtweg die Leidenschaft.

 

Wahrscheinlicher ist es, dass die Ländereien verscherbelt, die Gebäude abgerissen werden und das Dorf schon wieder einen Kleinbauern weniger hat.

 

Mein Opa und Achim hätten längst investieren müssen, in neue, größere Ställe, effektivere Maschinen, eventuell eine Umstellung auf BIO. Doch wo kein Nachfolger, da lohnt auch kein Sturz in finanzielle Unkosten. Aktuell lautet das Credo: Hauptsache nicht mit Schulden rausgehen!

 

Die Chancen, dass Achim und viele andere Kleinbauern doch noch Nachfolger für ihre Höfe finden, schwinden täglich. Mit dieser scheinbar unausweichlichen Tatsache gehen meine Familienmitglieder sehr unterschiedlich um. Die einen verdrängen, die anderen verzweifeln und wieder andere schreiben darüber. Was das bevorstehende Ende unseres Hofes emotional bedeutet, wird mir erst so richtig bewusst, wenn ich mit meinen Großeltern darüber rede. Und sie sind es auch, die Achims Abschied von seinem geliebten Mistjob zusätzlich erschweren. Am Ende will ich vor allem eines: Einen versöhnlichen Ausgang für Achim.