Gender verweist außer auf die biologischen immer auch auf die sozialen, kulturellen und politischen Komponenten des Geschlechts, die sich historisch verändern können. Queer - gilt als Synonym für LGBTIQ. Queer irritiert. Queer ist widerständig und systemstörend. In beiden Bereichen gibt es täglich alte und neue Kämpfe auszufechten.

30.08.2017, MICHELLE BAUERMEISTER

 

THIRD WAVE FEMINISMUS

Eine Collage über Popfeminismus.

Feminism isn't an identity. Feminism is a process.

Männerhassend, militant, unrasiert - ja, diese Klischees existieren immer noch. Die Zeiten sind vorbei in denen Aktivistinnen ihre Stöckelschuhe als Auflehnung gegen das Patriachat in einen "Abfalleimer des Friedens" (original: Freedom Trash Can) warfen. So geschehen beim "Miss America Protest" 1968, der von der feministischen Bewegung Women's Liberation organisiert wurde. Ein Teil der dortigen Inszenierung soll angeblich das "Bra Burning" gewesen sein, das sich bis heute hartnäckig als Mythos hält. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus: Zwischen Kommerz, Engagement und Selbstverwirklichung – Wie feministisch ist Feminismus eigentlich noch?

 

 

Feminismus [lateinisch für femina, die Frau] 

Die politische Bewegung tritt für Gleichberechtigung, Menschenwürde und Selbstbestimmung von Frauen ein. Feminismus spricht sich aktiv gegen Sexismus aus. Sexismus wird hier so verstanden, dass Vorurteile, die im Laufe des historischen Machtungleichgewichts zwischen Männern und Frauen entstanden sind, bis heute dazu dienen, Frauen in ihren Rechten und ihrer Selbstbestimmung systematisch einzuschränken. Ursprünglich ging es der feministischen Bewegung vor allem um den Kampf für das Frauenwahlrecht – das war die sogenannte Erste Welle. Mit dem Slogan "Wir haben abgetrieben!" kämpften in den 70ern die Feministinnen der Zweiten Welle gegen den Abtreibungsparagrafen §218. Die Dritte Welle des Feminismus findet heute, genau in diesem Moment statt.

Hengameh Yaghoobifarah

 

Die Aktivistin vertritt die Dritte Welle und ordnet sich keinem Geschlecht zu. Als queere "Person of Color" hält sie Vorträge und gibt Workshops über Gender in Popkultur, Körperpolitik und intersektionalem Feminismus. Hengameh schreibt als Kolumnistin und freie Autorin unter anderem für die taz und das feministische Magazin an.schläge. Auf ihren Blogs Tea-riffic und Queer Vanity vertritt sie ihre Meinung über Netzkultur, Queerness und Feminismus.

Siehe Mädchenmannschaft (Biografie)

 

Alle Audioclips aus: Queerfeminismus und Popkultur - Hausbesuch bei Hengameh Yaghoobifarah

POPFEMINISMUS

Moderne Emanzipation 

 

Die Alphamädchen – Sie präsentieren sich provokant auf Social Media Kanälen, brechen mit Geschlechterrollen und bieten Sexismus die Stirn. Anfang der 90er etabliert sich die Dritte Welle mit dem Bedürfnis "Weiblichkeit" neu zu formulieren. Die jungen Aktivistinnen wollen zeigen wie kontrovers die Ansichten innerhalb der Gesellschaft sind: Einerseits werden Frauen infantilisiert, wie Kinder betrachtet, die man bevormunden sollte. Andererseits werden Frauen sexualisiert, wie Objekte betrachtet, denen man keine Rechte eingesteht. 

 

Selbstironisch, aber konsequent zeigen Feministinnen Missstände innerhalb der Gesellschaft auf. Im Internet provozieren sie Debatten gegen Alltagssexismus, Gewalt und für sexuelle und körperliche Selbstbestimmung. Sie wollen einen konsumierbareren Feminismus, der vor allem die jüngere Generation anspricht. Eine Generation, die sich über starke Frauen innerhalb der Popkultur identifiziert. Diese Vorbilder sorgen dafür, dass sich immer mehr Menschen mit Fragen der Geschlechterverhältnisse auseinandersetzen.

RIOT GRRRL 

"Bikini Kill" bei einem Auftritt in Washington, D.C. um 1990 | Audio: Bikini Kill - Rebel Girl

Laut, rebellisch und vor allem feministisch – In den 90ern entsteht auf der Bühne eine neue Strömung der Emanzipation. Die Riot-Grrrl-Bewegung, zu deutsch "Krawall Mädchen", ist eine politische Subkultur, deren Anhängerinnen sich der "Girl Power" verschrieben haben. Sie geben sich schamlos, selbstbewusst und bemühen sich keinesfalls irgendjemandem zu gefallen. Sie spielen mit weiblichen Klischees, setzen auf feministische Attitüde und Witz. Alles im Sinne klassischer Punk-Ideale. Bis heute hält sich der Grundgedanke der Riot Grrrls am Leben.

»When she talks, I hear the revolution

In her hips, there's revolution

When she walks, the revolution's coming

In her kiss, I taste the revolution!«

- Rebel Girl, 1993 (Bikini Kill)

'The Punk Singer' Official Trailer (2013)

Seit den Anfängen prägt die Punkrock-Band "Bikini Kill" das Bild der Riot Grrrl. Durch feministische Texte und provokante Liveauftritte verschaffen sie sich Gehör. Ein Aufschrei, dem auch Pussy Riot folgen. Die Aktivistinnen aus Russland nehmen sich "Bikini Kill" zum Vorbild und zählen heute zu den bekanntesten Vertreterinnen der Bewegung. Öffentliche Aufmerksamkeit erregten vor kurzem zwei der Pussy Riot- Aktivistinnen Nadja Tolokonnikowa und Jekaterina Samutsewitsch. Mit dem Künstlerkollektiv "Woina" (russisch für "Krieg") ziehen sie in die Schlacht für Menschenrechte: Sie küssen Polizistinnen im Dienst, lassen Kakerlaken im Gerichtssaal frei oder haben im Biologischen Museum Moskau öffentlich Geschlechtsverkehr.

PUSSY RIOT

2011 gründet sich die feministische Punkrock-Band in Moskau. Die Gruppe besteht aus einem losen Zusammenschluss von ca. zehn Frauen. Mit spontanen Auftritten an öffentlichen Orten wie Metrostationen oder auf dem Roten Platz, demonstrieren die Aktivistinnen gegen Regierung und Kirche. Im Februar 2012 protestieren drei Mitglieder in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale mit einem sogenannten Punk-Gebet gegen den damaligen Regierungschef und jetzigen Präsidenten Wladimir Putin. Die darauffolgende Verhaftung löst in den Medien eine weltweite Debatte aus. 

Die Aktivistinnen von Pussy Riot

Mitglieder der feministischen Punkrock-Band "Pussy Riot" | Foto: Denis Bochkarev

SELFIES ALS WIDERSTAND

Der Körper als Protest: Sie lassen ihre Achselhaare wachsen, rasieren sich die Köpfe kahl und plädieren für "Free the Nipple". Auf Instagram und Co. zeigen Feministinnen, dass Schönheitsideale keinesfalls verpflichtend sind - sie treten an gegen Body Shaming und für Body Acceptance. Sie wollen selbstbestimmt leben, sexuell und körperlich: "My Body, my Choice" ist ihr Leitgedanke. Vor allem Frauen, die nicht dem vorherrschenden Schönheitsbild entsprechen, werden von den Mainstream-Medien weitestgehend ausgeschlossen. Durch Selfies auf sozialen Plattformen werden sie nun medial sichtbar. Es sind Fotos, die die Vielfalt aller Menschen zeigen sollen - egal welche Hautfarbe, Körpergröße oder welches Gewicht sie haben.

 

Audio: Hengameh Yaghoobifarah

 

INSTAGRAM ALS KUNST 

  

Frauen sollen schlank und gut aussehend sein. Am besten mit langen Haaren, reiner Haut und makellosen Körpern. In den Medien und vor allem in der Werbung werden scheinbar perfekte Frauen mit scheinbar perfektem Leben gekonnt in Szene gesetzt. Einseitigkeit, der die Fotografin und Künstlerin Petra Collins entgegenwirken will. Mit einer analogen Kamera bewaffnet, lichtet sie ungeschönt junge Frauen in alltäglichen und oft intimen Situationen ab: mal lachend, mal weinend, aber immer authentisch. Sie möchte erreichen, dass junge Frauen aufhören, sich zu schämen; oder das Gefühl haben, sich dafür schämen zu müssen, wie sie aussehen, was sie fühlen, denken und wollen.

»Ich will die Wirklichkeit aus Sicht von Mädchen zeigen, nicht die geschönte Projektion auf sie.«

- Petra Collins, Künstlerin

FEMINISMUS ALS LABEL

Mode ist politisch, Mode ist persönlich. Kleidung kommuniziert eine Meinung, ein Statement oder kann zeigen, welcher Subkultur man angehört. In der Modewelt ist Feminismus heute präsenter denn je. Mode galt in der Frauenbewegung lange Zeit als oberflächlich und als chauvinistische Projektionsfläche, der sich Frauen unterzuordnen haben. Dabei kann sie ein mächtiges Kommunikationsmittel sein. 

 

»Kleidung hat wichtigere Aufgaben, als uns zu wärmen. Sie verändert unseren Blick auf die Welt und den Blick der Welt auf uns.«

- Virginia Woolf, Schriftstellerin

 

Die "Lila Latzhose" kursiert noch in vielen Köpfen. Früher galt sie als Auflehnung gegen das hegemoniale Schönheitsverständnis. Heute gilt diese Ansicht als längst überholt. Frauen definieren ihren eigenen Schönheitsbegriff. Sie verwehren sich dagegen, dass ihre Intelligenz über ihre Rocklänge definiert wird oder dass sie als "unweiblich" gelten, wenn sie sich bewusst dafür entscheiden, ihre Beine nicht zu rasieren. Jede*r sollte selbst über das eigene Aussehen entscheiden können - ohne Anfeindungen in der Öffentlichkeit ausgeliefert zu sein.

LILA LATZHOSE

Mit den lila eingefärbten Latzhosen grenzen sich Feministinnen Mitte der 1970er Jahre bewusst vom Weiblichkeitsideal der Modewelt ab. Das Kleidungsstück wird zum Symbol der neuen Frauenbewegung. Gleichzeitig wird damit ein Zeichen für mehr Individualität und Partizipation gesetzt, sowie für ein neuartiges Bewusstsein von der politischen und gesellschaftlichen Rolle der Frau.

Audio: Hengameh Yaghoobifarah

NETZFEMINISMUS

Von der Straße ins Web

 

Feminist*in sein - ist für viele Menschen heutzutage etwas Selbstverständliches geworden: Offen diskutieren, für gleiche Rechte einstehen und gegen geschlechtsspezifische Benachteiligung vorgehen. Nicht nur Off-, auch Online setzen sich Aktivist*innen für Gleichberechtigung ein: Blogs, Foren, Social Media - die neue feministische Szene weiß das Internet für sich zu nutzen. Hashtags wie #Aufschrei gegen Alltagssexismus werden ins Leben gerufen, Kolumnen veröffentlicht und Petitionen gestartet.

 

Digital schließen sich engagierte Frauen für gemeinsame Aktionen zusammen und besetzen damit in der medialen Öffentlichkeit eigene Räume.

 

Es ist eine selbstbewusste Generation junger Frauen, die aktiv auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam machen will und in einen direkten Diskurs mit Gleichgesinnten tritt. Dabei sollen auch Männer als Unterstützer für die Verwirklichung der Gleichberechtigung gewonnen werden. Ihnen geht es darum, bewusst gegen Ungleichheiten vorzugehen und sich zu engagieren: Nicht nur für Frauen, sondern auch für queere Menschen, Transpersonen, People of Color und Menschen mit Behinderung(en). Sie sind gegen Rassismus, gegen Diskriminierung und für die Gleichstellung eines jeden Menschen. Kurzum: für Intersektionalen Feminismus.

Anne Wizorek hält einen Vortrag auf der re:publica & Media Convention Berlin 2013

Anne Wizorek auf der 're:publica & Media Convention Berlin' 2013 | Foto: Gregor Fischer 

Eine der lautstärksten Vertreterinnen der Generation "Netzfeminismus" in Deutschland ist Anne Wizorek. Sie ist Initiatorin des Hashtags "Aufschrei", der Alltagssexismus innerhalb kürzester Zeit sichtbar macht. In nur sechs Tagen verzeichnet ihre Kampagne 15.000 Nutzer*innen auf Twitter. 2013 wird "Aufschrei" als erster Hashtag mit dem 'Grimme Online Award' ausgezeichnet. Auf Twitter, in ihrem Blog "Feminismus, fuck yeah!", dem Gemeinschaftsblog Kleinerdrei und in der Presse geht Anne Wizorek gegen die Verharmlosung sexueller Übergriffe vor und plädiert für sexuelle und körperliche Selbstbestimmung. 2011 wirkt sie als Co-Organisatorin beim ersten Slutwalk in Berlin mit. Die Demonstration richtet sich gegen die Verharmlosung von Vergewaltigungen und Victim blaming, die auf der sexistischen Annahme fußt, Frauen seien aufgrund ihrer Bekleidung und Auftretens selbst schuld an den Übergriffen. Die Initiatorin der erfolgreichen "Aufschrei-Kampagne" ist nur ein Beispiel für die Vielzahl engagierter Frauen.

»Es geht bei Feminismus nicht um eine Frauenfrage. Es geht auch nicht um Frauen gegen Männer. Es geht darum wer sich eine bessere Gesellschaft wünscht und Diskriminierungen abschaffen will.«

- Anne Wizorek, Journalistin

LESENSWERT

"Weil ein Aufschrei nicht reicht" (Anne Wizorek) | "Meat Market" (Laurie Penny) | "Untenrum Frei" (Margarete Stokowski) | "Wir Alphamädchen" (u.a. Barbara Streidl) | "Milk and Honey" (Rupi Kaur) | "Ene, mene, Missy" (Sonja Eismann)

 

 

MARKTFEMINISMUS

Wir waren doch mal Feministinnen

Und was ist daraus geworden? Andi Zeisler, die Publizistin und Mitbegründerin von "Bitch Media", behandelt in ihrem Buch "We Were Feminists Once" die Kommerzialisierung des Feminismus von der Riot-Grrrl-Bewegung bis heute. Feminismus als Trend, der durch Prominente in den Mainstream gerückt und nicht mehr ausschließlich als politische Bewegung begriffen wird.

 

Die Kehrseite ist folgende: Der Feminismus wird kapitalistischer und ist weniger politisch. Oder wie Andi Zeisler es in ihrem Buch schreibt: "als Feminismus auf einmal cool wurde". Der Grundgedanke der damals politischen Bewegung hat nur noch bedingt mit der heutigen Subkultur zu tun.

 

Auf T-Shirts prangen Statements wie "We Should All Be Feminists". Botschaften wie diese lassen sich leicht vermarkten. Paradoxerweise, werden genau diese Kleidungsstücke meist unter unwürdigen Bedingungen produziert. In einem Herstellungsland wie Bangladesch arbeiten Näherinnen oft mehr als sechzig Stunden pro Woche und bekommen umgerechnet weniger als sechzig Euro am Ende des Monats ausgezahlt. Modelabels, die dort fertigen, müssen nur die vor Ort geltenden Rechte einhalten und diese sind für Frauen und Mädchen nicht sehr tiefgreifend. 

 

»Der politische Feminismus war nie ganz verschwunden, aber er ist eben auch nicht so attraktiv wie der Marktfeminismus, der den Frauen einredet, dass sie machen können, was sie wollen. Hauptsache, sie halten sich selbst für eine Feministin – dann treffen sie auch feministische Entscheidungen. Marktfeminismus zwingt dich nicht, irgendetwas zu ändern - das macht ihn so unkompliziert.«

- Andi Zeisler, Publizistin