Gender verweist außer auf die biologischen immer auch auf die sozialen, kulturellen und politischen Komponenten des Geschlechts, die sich historisch verändern können. Queer - gilt als Synonym für LGBTIQ. Queer irritiert. Queer ist widerständig und systemstörend. In beiden Bereichen gibt es täglich alte und neue Kämpfe auszufechten.

30.08.2017, MICHELLE BAUERMEISTER

 

 

FRAUEN AUF DER FLUCHT 

Audio-Auszüge "Frauen auf der Flucht - TIDE aktuell Spezial" - Ruba Sulaimane | Foto: UNHCR von H. Caux Januar 2014

Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Statistisch gesehen ist das jede 113. Person. Laut UNO ist mindestens die Hälfte aller Geflüchteten weiblich. Die Ursachen der Flucht sind vielfältig – sei es wegen Krieg oder Unterdrückung und Verfolgung aus politischen und religiösen Gründen. Aber auch Witwenverbrennungen, genitale Verstümmelung oder Vergewaltigungen zwingen Frauen, sich von ihrem Herkunftsland zu trennen. 

 

Meist verlassen Frauen ihre Heimat allein mit ihren Kindern und älteren Familienangehörigen – ohne ihre Ehemänner, Väter, Brüder. Sie wurden entweder getötet, inhaftiert, als Rebellen oder Soldaten eingezogen. So machen sich die Frauen unter schwierigsten Bedingungen auf den Weg, um das Überleben und die Zukunft ihrer Familien zu sichern. Ganz allein? Nicht ganz. Ihr ständiger Begleiter: die Angst. Angst vor dem, was vor ihnen liegt, vor Verlust und Schutzlosigkeit, vor Hunger, Krankheit, Gewalt und sexuellen Übergriffen. Die Dunkelziffer ist hoch, die Anzahl der Anzeigen niedrig. Ein Grund dafür sind fehlende Ansprechpartner*innen und Vertrauen.

»Sie nahmen uns alles

und warfen es auf den Müll.«

Ruba Sulaimane

 

 

Von Syrien über die Türkei, Griechenland und Ungarn floh Ruba nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt sie zusammen mit ihrer Tochter in Hamburg. Früher war Ruba Wandmalerin, heute ist sie Mitbegründerin und Frauenbeauftragte des Projekts "Open Eyes Open Hearts". Dort ermutigt und hilft sie anderen geflüchteten Frauen, aktiv zu werden und ihr Leben in die Hand zu nehmen.

 

 

Foto: Tina Rentzsch

 

 

 

 

DER WEG ZUM ASYL

Unter subsidiären Schutz stellt das 'Bundesamt für Migration und Flüchtlinge' eine*n Asylbewerber*in, wenn der Asylantrag abgelehnt wurde, aber stichhaltige Gründe für die Annahme vorgebracht werden. Dies trifft nur zu, wenn dem/der Antragsteller*in in seinem/ihrem Herkunftsland einen ernsthaften Schaden droht wie Folter oder Verhängung und Vollstreckung der Todesstrafe.

SIEBEN QUADRATMETER NEUES LEBEN

 

Nach dem Königsteiner Schlüssel nimmt Hamburg jedes Jahr 2,5 Prozent der nach Deutschland einreisenden Asylbewerber*innen auf. Im Jahr 2016 verblieben knapp 10.000 Zufluchtsuchende in der Hansestadt. Ein Jahr zuvor waren es doppelt so viele Menschen: Tausende, die schnellstmöglich untergebracht werden mussten. Zelte, umfunktionierte Hallen und Container dienten kurzfristig als Obdach. Ende 2016 lebten in Hamburg mehr als 6.000 Menschen wegen Platzmangels in einer Erstaufnahmeeinrichtung statt in einer Folgeunterkunft. Viele Menschen drängen sich dort auf engstem Raum und haben kaum Privatsphäre. Dadurch entstehen Probleme, mit denen nicht nur die Geflüchteten konfrontiert werden. Auch Flüchtlingshelfer*innen müssen lernen mit diesen Schwierigkeiten umzugehen.

 

»Als freiwillige Helferin kannst du zwar kleine Dinge vorgeben, aber keine große Veränderung erzielen

- ehrenamtliche Helferin (Flüchtlingsunterkunft Bergedorf)

SCHON GEWUSST?

31,8 Mio. Menschen in Deutschland engagierten sich 2015 für Geflüchtete.

Zwei Drittel aller Flüchtlingshelfer sind Frauen. (Quelle: Deutscher Spendenrat e.V.)

 

Frauen, die schwere, teils sexualisierte Gewalt auf ihrem Fluchtweg erlebt und überlebt haben, brauchen einen besonders geschützten Raum. Angekommen in Deutschland haben die meisten Frauen das Gefühl von Sicherheit verloren und empfinden eine ständige Bedrohung. In den Unterkünften mangelt es an Schutz vor sexuellen Übergriffen. Es fehlen Dolmetscher*innen und die Möglichkeit psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Schlafräume lassen sich oft nicht abschließen. Zimmer reiht sich an Zimmer. Die Wände sind dünn. Dort leben Schutzsuchende - laut Vorgabe des Landes auf sieben Quadratmeter pro Person.

 

 

GESCHLECHTERSPEZIFISCHE FLUCHTGRÜNDE

 

Panorama von dem Zaatari Flüchtlingscamp in Jordanien

Zaatari Flüchtlingscamp, Jordanien | Foto: UNHCR vom 21. November 2012

Freiwillig allein machen sich die wenigsten Frauen auf den Weg. Die erste Station ist meist ein Flüchtlingscamp in der Umgebung. Eines der größten ist das Zaatari Flüchtlingslager, unmittelbar der syrischen Grenze in Jordanien. Ab hier ist militärisches Sperrgebiet. Stacheldraht umzäunt das etwa 18 km² große Areal. Im Camp befinden sich schätzungsweise 80.000 Menschen. Etwa die Hälfte sind Frauen, die dazu gezwungen sind zu flüchten.

Viele geflüchtete Frauen sind Opfer von Zwangsheirat, Genitalverstümmelung oder sonstiger Gewalt. Pro Tag fallen etwa 8.000 Mädchen und Frauen der genitalen Verstümmelung zum Opfer - nicht nur in Jordanien, auch in Afrika, Jemen und Irak. Weltweit sind ca. 140 Millionen betroffen. Zwangsehen haben besonders in Flüchtlingslagern wie in Jordanien zugenommen. Die Rate liegt bei 51%. Vor allem aus finanziellen Gründen verheiraten Eltern in der Not ihre Töchter. Laut UNICEF verletzt dies fundamentale Frauenrechte.

 

Als Verfolgung können Handlungen gelten, die an die Geschlechtszugehörigkeit anknüpfen.

- Asylgesetz §3a 

 

Frauenspezifische Verfolgung ist seit 2005 als Asylgrund durch das Zuwanderungsgesetz verankert. Wie auch Männer fliehen Frauen vor Terror, Armut und Verfolgung, sei sie politisch oder religiös motiviert. Es gibt aber Gründe, die vor allem Frauen und Mädchen betreffen. In vielen Ländern sind ihre Grundrechte massiv eingeschränkt. Entweder werden sie gegen ihren Willen verheiratet oder fallen Missbrauch und Gewalt zum Opfer. Auf der Flucht geraten sie zudem häufig in die Hände von Schleppern oder Menschenhändlern, die sie zwingen, ihren Körper zu verkaufen, um ihre Weiterreise zu finanzieren. Das ist nur ein Bruchteil dessen, was Frauen auf der Flucht erleben.

Geschlechtsspezifische Asylgründe sind zwar im Gesetz festgeschrieben, die Praxis sieht aber anders aus. Zwangsehen und weibliche Genitalverstümmelung gelten gesetzlich nicht als "Verfolgung des Staates", sondern als "privates Problem". Zudem können asylsuchende Frauen häufig aus privaten oder gesellschaftlichen Gründen ihre Anliegen bei einer Anhörung nicht ausreichend einbringen. Scham und fehlende Traumabewältigung sind nur einige Gründe. Dadurch kann es zu Komplikationen und langer Wartezeit im Asylverfahren kommen.

 

 

UNHCR Statistik zur Veranschaulichung Schutzsuchender und geflüchteter Menschen weltweit

 

 

 

 

INTERAKTION 

In Deutschland angekommen, geht der Weg der Geflüchteten gleich weiter: Die erste Anlaufstelle ist die Zentrale Erstaufnahme. Bis zu sechs Monaten müssen Schutzsuchende auf einen Platz in einer Folgeunterkunft warten. Meist ist die Wartezeit, aufgrund der geringen Wohnungskapazitäten sehr viel länger. Die Unterbringung gehört zu einen der zentralen Probleme für die Geflüchteten. Die Massenunterkünfte sind kein "Schutzraum": Hunderte Menschen leben zusammen auf engstem Raum. Die Folge: immer mehr Frauen werden in den Unterkünften Opfer sexueller Übergriffe.

»Isolation ist schlecht. Wenn wir dieses Problem nicht lösen, können wir auch nicht die anderen lösen.«

- Lena Lührmann (Open Eyes Open Hearts)

Über Rechte aufklären, informieren, interagieren. Das ist die Unterstützung, die Flüchtlingshelfer*innen geben können. Viele Frauen wissen nicht welche Rechte sie in Deutschland besitzen, da ihnen in ihren Heimatländern oft elementare Bildung verwehrt bleibt. Dass Frauen und Männer laut Grundgesetz gleichberechtigt sind, dass man einem Beruf nachgehen und selbstbestimmt leben kann, ist ihnen meist fremd. Den meisten geflüchteten Frauen (wie auch vielen geflüchteten Männern) bleibt der Zugang zum Arbeitsmarkt zu lange verwehrt. Mit einer Aufenthaltsgestattung oder einer Duldung muss die Genehmigung der Ausländerbehörde und der Arbeitsagentur einholt werden, bevor eine Arbeit aufgenommen werden kann. Während des gesamten Asylverfahrens, das häufig länger als 1,5 Jahre dauert, dürfen Schutzsuchende keiner Arbeit nachgehen. (Quelle: BAMF)

 

VORSCHLÄGE ZUR VERBESSERUNG DER SITUATION

 

 

 

Haus-Symbol für Unterbringung
  • Leerstehende Häuser und Wohnungen statt Massenunterkünfte
  • Vermittlung von Schutzsuchenden in Wohngemeinschaften 
  • separate Unterbringung speziell für Frauen und Kinder

Flüchtlinge Willkommen

Finding Places Hamburg

Leerstandsmelder

Symbol für Bildung
  • speziell geschultes Personal in den Einrichtungen
  • staatlich organisierte Deutschkurse 
  • schnellerer Zugang zum Arbeitsmarkt
  • Anerkennung beruflicher und schulischer Abschlüsse aus dem Ausland
  • Weiterqualifizierung und Empowerment von geflüchteten Frauen

Integrationskurse (BAMF)

Fluchtort Hamburg 5.0 

Dialog in Deutsch

Workeer 

Augen-Symbol für Benachteiligung
  • Aufklärung über Rechte, die Frauen in Deutschland besitzen
  • speziell Frauenrechte (Gleichberechtigung, Empowerment etc.)
  • ausreichende medizinische Versorgung wie Psychotherapie, Schwangerschaftsberatung usw.
  • Beratungs- und Beschwerdestellen in den Unterkünften mit adäquaten Dolmetscher*innen

Medizinische Beratungsstelle 

Start with a Friend 

Human@Human 

RefuShe 

 

WOMEN IN EXILE 

Flüchtlingsfrauen werden laut

Damarice Okore, Elizabeth Ngari und Fatuma Musa (v. l. n. r.) | Foto: Anja Weber | Audio: Elizabeth Ngari

 

Die Initiative 'Women in Exile' wurde von geflüchteten Frauen für geflüchtete Frauen gegründet. Mit der Kampagne "Keine Lager für Frauen und Kinder - Alle Lager abschaffen" sprechen sich die Organisatorinnen konsequent gegen Flüchtlingsheime aus. Die ehrenamtlichen Helferinnen treffen sich mit den Frauen vor Ort, dokumentieren deren Beschwerden und setzen sich für ihre Rechte ein. Auf Workshops und Seminaren informieren 'Women in Exile' über Frauenrechte in Deutschland.

OPEN EYES OPEN HEARTS 

Lebendiger Unterricht

Ruba Sulaimane hält einen Vortrag in einer Schule. | Foto: Tina Rentzsch | Audio: Lena Lührmann

Begegnung im Klassenzimmer: Geflüchtete wie Ruba Sulaimane erzählen vor Schulklassen von ihrer Geschichte – von der Flucht, den Gefahren und dem Ankommen. Das Projekt steht für die Förderung von Akzeptanz, Integration und Austausch. Seit der Gründung im Jahr 2015 nahmen bereits 3.000 Schüler*innen von mehr als 35 Schulen an den Vorträgen teil.

SELBST AKTIV WERDEN

 

Freiwillige in der Flüchtlingsarbeit und solche, die es werden wollen, können sich Rat und Hilfe holen beim ServiceTelefon "Flüchtlinge" der Diakonie: (040) 30 62 0-300

 

»WIR HABEN WEDER DAS RECHT ÜBER SIE ZU SPRECHEN, NOCH IHNEN DIE RECHTE VORZUENTHALTEN.«

 

Laut Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention werden all die Menschen als Flüchtling bezeichnet, die... 

  

  • ihre Heimat unfreiwillig verlassen haben, und in einem Land Asyl oder ein humanitäres Bleiberecht beantragen. 
  • aufgrund ihrer Nationalität, Religion, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung geflohen sind.
  • aus Furcht vor Verfolgung nicht mehr in ihr Herkunftsland zurückkehren können.

Über Rechte aufklären, Möglichkeiten aufzeigen und eine Orientierung geben. Das ist die Unterstützung, die Flüchtlingshelfer*innen geben können. Laut Prof. Dr. Encarnación Gutiérrez Rodríguez sind die Helfer*innen sind nicht dazu da, die Frauen zu erziehen oder sie zu bevormunden. Wenn eine Frau nicht in Kontakt treten möchte, sollte das respektiert werden. Es bleibt den geflüchteten Frauen überlassen wie sie sich entscheiden und welche Wege sie gehen. Sie selbst müssen aktiv werden, rausgehen, in Kontakt mit anderen treten. Man kann nicht pauschalisieren. Es gibt nicht 'die' Flüchtlingsfrauen. Hinter jedem Mensch, der flieht, steht eine eigene Geschichte.

»Wir müssen differenzieren und verstehen, dass wir über eine heterogene Gruppe sprechen mit unterschiedlichen Geschichten.«

- Prof. Dr. Encarnación Gutiérrez Rodríguez

 

 

Statistik mit allgemeinen Daten über eine Flucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Im März 2017 nahm Hamburg 429 Schutzsuchende auf.

(Quelle: Pressemitteilung ZKF)

 

 

37,5% der Erstanträge auf Asyl stammen von Frauen.

(Quelle: BAMF | Stand April 2017)

 

 

Derzeit leben über 32.000 Menschen in Hamburger Erstaufnahme- und Folgeunterkünfte.

Quelle 

Im Beitrag zu hören sind:

 

  • Elizabeth Ngari 
    Women in Exile
  • Prof. Dr. Sabine Hess
    Migrations- und Grenzregimeforschung der Universität Göttingen
  • Prof. Dr. Encarnación Gutiérrez Rodríguez
    Migration und Gender der Universität Gießen
  • Prof. Dr. Lydia Potts
    AG Migration - Gender – Politics der Universität Oldenburg
  • Moderation: Katrin Jäger
    Journalistin