Gender verweist außer auf die biologischen immer auch auf die sozialen, kulturellen und politischen Komponenten des Geschlechts, die sich historisch verändern können. Queer - gilt als Synonym für LGBTIQ. Queer irritiert. Queer ist widerständig und systemstörend. In beiden Bereichen gibt es täglich alte und neue Kämpfe auszufechten.

15.02.2018, MICHELLE BAUERMEISTER

 

DIE FRAUENBEWEGUNG

Und wie ein Tag Geschichte schrieb

 

 

 

Suffragetten versammeln sich

 

 

Seit 1911 wird der Internationale Frauentag in Deutschland gefeiert.

 

In einigen Ländern wie Russland, der Ukraine und Vietnam ist er sogar gesetzlicher Feiertag. Jährlich am 8. März solidarisieren sich Frauen auf der ganzen Welt, um den Blick auf feministische Themen zu lenken, Missstände aufzuzeigen und vor allem gemeinsam dagegen aktiv zu werden.

 

 

Vor fast 100 Jahren tritt das Frauenwahlrecht in Deutschland in Kraft. Doch der Kampf um die Gleichberichtigung dauert bis heute an:

 

Frauen können sich hierzulande in der Öffentlichkeit frei bewegen, sie können bestimmen was und wie sie sich anziehen, sie können reisen, sexuell selbstbestimmt leben und haben ein Recht auf Abtreibung.

»Hört sich doch eigentlich alles gut an, oder?«

 

Wie wäre es hiermit:

Jede dritte Frau in Europa hat in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Nur ein Bruchteil dieser Taten wird angezeigt.
Frauen verdienen bei gleicher Anstellung durchschnittlich 22% weniger als ihre männlichen Arbeitskollegen.

Frauen werden in vielen TV-Spots oder auf Reklametafeln als Sexobjekte dargestellt.

In Saudi Arabien dürfen Frauen erst seit 2015 wählen, im Libanon nur eingeschränkt und in Brunei überhaupt nicht.

Bis heute werden auf der Welt Frauen zwangsverheiratet, beschnitten, zur Ware degradiert durch Menschenhandel und Zwangsprostitution und sie fallen Ehrenmorden zum Opfer.

 

Der Kampf um die Rechte der Frau ist und bleibt notwendig. In den letzten 100 Jahren hat sich zwar vieles getan, doch erst wenn es selbstverständlich ist, dass Frauen dieselben Chancen in Beruf und Bildung haben, wenn sie gleich bezahlt werden und Sexismus gesellschaftlich inakzeptabel ist, wenn Geschlecht also keine Rolle mehr spielt, erst dann wird der Kampf beendet sein. Dafür werden Feministinnen noch lange Zeit kämpfen müssen.

Eine Collage über feministische Demonstrationen von damals und heute.

Frauen versammeln sich am Internationalen Frauentag 2016 (o.) | Suffragetten demonstrieren 1915 in New York (u.)

100 JAHRE IN DIE VERGANGENHEIT

Anfänge der Frauenbewegung

 

Belächelt, verhöhnt, verhaftet – Frauen wollen nicht Gesetze brechen, sie wollen die Gesetze machen. Allem voran das Frauenwahlrecht. Fast 80 Jahre lang treten britische Frauen friedlich für das Wahlrecht ein und werden weder von der Regierung, noch von der Gesellschaft ernst genommen. Anfang des 20. Jahrhunderts radikalisieren sich Teile der Suffragetten-Bewegung und kämpfen für ihr Recht, bedingungslos und mit allen Mitteln.

Eine Suffragette wird von der Polizei in London verhaftet.

 

»Taten statt Worte.« 

 

 

Steine zerschmettern Schaufensterscheiben, Bombenanschläge werden auf öffentliche Gebäude verübt und über eine halbe Million Frauen mobilisieren sich in unangemeldeten Demonstrationen. Der Druck auf das männliche Establishment wächst so sehr, dass Verhaftungen von Suffragetten zur Tagesordnung gehören. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914) rücken die Anliegen der Frauenrechtlerinnen in den Hintergrund.

 

Nach dem Krieg, endet der Aufstand der politisierten Frauen mit der Umsetzung des Frauenwahlrechts in den USA (1919/1920) und in Großbritannien (1928).

SUFFRAGETTEN ("suffrage" = Wahlrecht)

 

Anfang des 20. Jahrhunderts treten Frauenrechtlerinnen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten (hier: "suffragist") für das allgemeine Frauenwahlrecht ein. Ursprünglich entwickelt sich die Bewegung in Großbritannien aus Gegnerinnen des "Contagious Diseases Acts", dem Gesetz über die Zwangsuntersuchungen von Prostituierten. Ihr Engagement führt 1886 dazu, dass das Gesetz endgültig aufgehoben wird. Beflügelt vom Erfolg der Kampagne, treten die Frauen nun auch radikal für das Frauenwahlrecht ein. Berühmte Suffragetten waren Emmeline Pankhurst und Emily Davison

BROT UND ROSEN

Die Geburtsstunde des Internationalen Frauentages

 

In Deutschland, Dänemark, Österreich und der Schweiz gehen am Sonntag, den 19. März 1911, insgesamt mehr als eine Million Frauen auf die Straße. Sie sind Gewerkschafterinnen, Arbeiterinnen und Sozialdemokratinnen. Was alle verbindet ist die Forderung nach dem Frauenwahlrecht.

Aber nicht nur das: Die Frauen setzen sich für den gesetzlichen Schutz von Müttern ein, fordern die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 218 und üben Kritik an der Doppelbelastung von Hausarbeit und Broterwerb. Dazu kommt die Lohnungleichheit, die bis heute auf dem Arbeitsmarkt vorherrscht. Clara Zetkin wird später über diesen Tag sagen:

»(…) es ist die wuchtigste Kundgebung für das Frauenwahlrecht gewesen, welche die Geschichte der Bewegung für die Emanzipation des weiblichen Geschlechts bis heute verzeichnen kann.«

 

 

Clara Zetkin mit Beschreibung.

POLITIKERIN UND FRAUENRECHTLERIN

 

Sie war Mitbegründerin der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und später deren Alterspräsidentin. Als Leitfigur der Frauenbewegung kämpfte sie um das Frauenwahlrecht, plädierte für die gleichberechtigte Teilung der Familien- und Hausarbeit zwischen Mann und Frau und war Befürworterin der freien Liebe.

 

Der 19. März 1911 wird als erster Internationaler Frauentag in die Geschichte eingehen.

Die Symbole des Widerstandes: Brot und Rosen. Brot als Forderung nach Recht auf Arbeit und existenzsichernden Lohn, Rosen als Forderung nach menschenwürdigen Arbeitsbedingungen.

 

Sieben Jahre später, am 12. November 1918 wird das Wahlrecht für Frauen in Deutschland ausgerufen. Als Schlüsselfigur der emanzipativen Bewegung fordert Clara Zetkin, dass jährlich der Internationale Frauentag gefeiert werden soll. Sie wird Recht bekommen.

 

»Her mit dem ganzen Leben: Brot und Rosen

 

Alle Jahre wieder singen Frauen rund um den Globus von Brot und Rosen. Das Lied entsteht im Jahr 1912 bei einem Streik von 20.000 Textilarbeiterinnen in Lawrence, USA.

Ein Jahr zuvor sagt die New Yorker Gewerkschafterin Rose Schneiderman in einer Rede:

 

»The woman worker needs bread, but she needs roses too.«

 

Musik: Judy Collins - Bread and Roses

Plakat für den Internationalen Frauentag 1914

James Oppenheim lässt sich von ihren Worten inspirieren, schreibt das gleichnamige Gedicht und widmet es den Frauen im Westen. Aus einer Streik-Parole entwickelt sich die Hymne der Frauenbewegung. Seitdem sind die Zeilen von "Brot und Rosen" am Internationalen Frauentag nicht mehr wegzudenken.

VERSTRICKT: KRIEG UND FRIEDEN

Emanzipation im Ersten Weltkrieg

 

 

 

Das Jahr 1914 – der Erste Weltkrieg bricht aus. Die Behörden verbieten öffentliche Versammlungen, womit auch der Internationale Frauentag von der Bildfläche verschwindet.

 

Vorerst, zumindest: Clara Zetkin und ihre Mitstreiterinnen protestieren am Internationalen Frauentag für den Frieden.

Engagierte Feministinnen wie sie werden für ihren Protest angefeindet, überwacht und verhaftet - einen Preis, den sie bereit sind zu zahlen. 

 

Sie stricken Socken für die Front und demonstrieren gegen den Krieg. 

 

Die Kriegseuphorie, die Europa anfangs überrollt, erfasst auch viele Frauenrechtlerinnen.

Sie unterstützen die Front durch den Nationalen Frauendienst, kurz NFD. Viele sehen darin die Möglichkeit sich zu beweisen und sich Gehör für ihre Anliegen zu verschaffen - vor allen Dingen für ihr Frauenwahlrecht.

 

Im Gegensatz dazu spaltet sich ein kleinerer Teil der Frauenbewegung ab und tritt konsequent für eine pazifistische Politik ein. Den Höhepunkt erlebt der Widerstand auf dem Internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag 1915. Über eintausend Frauen aus zwölf Ländern versammeln sich, um für ihr Mitspracherecht und gegen den Krieg zu protestieren:  

 

»Unsere Stimme soll bis ans Ende der Erde dringen im Protest gegen diesen fürchterlichen Massenmord und gegen die Annahme, Krieg sei der einzige Weg, internationale Konflikte auszutragen.«

Pazifistinnen beim Frauenfriedenskongress in Den Haag 1915.

Pazifistinnen beim Frauenfriedenskongress in Den Haag 1915 | Foto: The granger Collection

GEBALLTE FÄUSTE

Die Frauenbewegung vor und nach dem Zweiten Weltkrieg

 

Weg von der Straße, zurück an den Herd. Kinder gebären, statt Selbstbestimmung, Unterordnung statt Unabhängigkeit – das ist das Idealbild einer Frau im Nationalsozialismus.

 

Als in den 20er Jahren die Nationalsozialisten immer mehr Zulauf bekommen, die Börse und die internationale Wirtschaft zusammenbricht und die Weimarer Demokratie zu zerfallen droht, gewinnen die Proteste am Frauentag  wieder an Bedeutung. Die protestierenden Frauen treten für Frieden ein. Ihr Widerstand verhallt ungehört - zum Krieg kommt es trotzdem.

Symbolisch für den Widerstand hängen Frauen am Internationalen Frauentag rote Betttücher auf die Wäscheleine. 

Abermillionen Männer verlieren im Zweiten Weltkrieg ihr Leben – und die Frauen ihre Ehemänner.

Um ihren Familien und sich selbst eine Existenz zu sichern, schuften sie hart. Jeden Tag am Limit ihrer Kräfte, zum Teil als "Trümmerfrauen". Zu diesem Zeitpunkt sind in Deutschland mehr als 3,5 Millionen Wohnungen zerstört und in den Städten türmt sich der Schutt.

Trümmerfrauen helfen beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Krieg, im Jahr 1949, bekommt Westdeutschland statt einer Verfassung ein neues Grundgesetz. "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" besagt Artikel 3. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Theorie ist weitaus radikaler als die Umsetzung. So ist eine Frau bis 1977 noch immer gesetzlich "zur Führung des Haushaltes" verpflichtet und muss ihren Ehemann um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten gehen will.

MIT BLÜMCHEN UND FEIERSTUNDE

Der Frauentag im geteilten Deutschland

Eine selbst gebastelte Grußkarte liegt am 8. März auf dem Frühstückstisch. Auf Arbeit gibt es dann Kaffee, Kuchen und Geschenke. 300 Mark Ehrenrente und zusätzlich 2.500 Mark winken derjenigen in der DDR, die Besonderes für den Sozialismus geleistet hat. Ausgezeichnet durch die "Clara-Zetkin-Medaille", Doppelverleihung ausgeschlossen.

 

Daheim wie im Beruf wird die Arbeitsamkeit der Mutter, Ehefrau und Kollegin gewürdigt - der Frauentag im Namen der Gleichberechtigung. Dabei werden an den restlichen 364 Tagen bis zu 70% der Arbeiten im Haushalt ausschließlich von der berufstätigen Frau erledigt. Frauen verdienen 30% weniger und sind in Führungspositionen kaum vertreten. Das hingegen wird in der DDR selten öffentlich thematisiert.

Der Westen tut sich schwer mit dem ideologisch behafteten Feiertag. Zwar veranstalten Sozialdemokratinnen seit 1948 wieder Frauentage, doch geht die Bedeutung dieses Tages allmählich verloren. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen steht nun der Kampf gegen die Wiederbewaffnung. 

 

Mit der Wiedervereinigung müssen auch die Frauenbewegungen in Ost und West zusammenwachsen.

 

Kurz nach dem Zusammenschluss boomen im Westen der Republik am Frauentag die Veranstaltungen, während es in den neuen Bundesländern nur wenige gibt. Der Grund: die kommunistische Konnotation dieses Tages aus der DDR-Zeit. Erst 1994, am bundesweiten Frauenstreiktag, erlebt der Frauentag dort ein Comeback.

FILMTIPP

Winter Adé (1988)

 

 

EIN TAG IST NICHT GENUG

Mehr Schein als Sein?

 

In Deutschland organisieren heutzutage Verbände und Projekte jedes Jahr am 8. März Veranstaltungen, Proteste und Demonstrationen. In Hamburg veranstaltet die Handwerkskammer einen Informations- und Vernetzungsabend. Zu einem großen Festakt lädt der Hamburger Senat engagierte Vertreterinnen der feministischen Bewegung ein.

 

Viele Kritikerinnen würden den Frauentag am liebsten abschaffen. Das Thema Feminismus an nur einem Tag im Jahr gesellschaftlich in den Mittelpunkt zu rücken, finden sie nicht ausreichend.

Auch Alice Schwarzer plädiert für die Abschaffung: 

 

»Schaffen wir ihn (…) endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer.« 

Alice Schwarzer mit Beschreibung

FRAUENRECHTLERIN UND JOURNALISTIN

 

Sie gilt als Pionierin und Führungsfigur der zweiten deutschen Frauenbewegung.

1977 erscheint erstmals, die von ihr herausgegebene feministische Zeitschrift EMMA.

 

Foto: Stiftung Haus der Geschichte, EB-Nr.1993/06/084

Urheberin: Ingrid von Kruse

 

Die reale Situation der Frauen spricht jedoch für sich. Spätestens im Berufsleben wird es für viele Frauen unübersehbar, dass sie, was Lohnchancen und Aufstiegsmöglichkeiten angeht, diskriminiert werden. Nicht alle sind bereit, sich das einzugestehen. Dabei ist es für Frauen besonders wichtig, ungleiche Bedingungen zu hinterfragen und sich dagegen zur Wehr zu setzen. Solidarität macht stark, Feminismus auch - solange bis Gleichberechtigung selbstverständlich ist.

 

 

 

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Hörschwelle: Flugblätter und rote Rosen - Die Geschichte des Internationalen Frauentags